Stadtleben und Kids in Berlin

Wie leben Konsumverweigerer in Berlin?

„Was brauche ich wirklich?“, fragen sich Berlins Konsumverweigerer. Sie leben von dem, was andere wegwerfen, und lassen als Währung nur gegenseitige Hilfe und die Hoffnung auf eine bessere Welt gelten

Konsumverweigerer_Raphael_Fellmer_c_www.forwardtherevolutionDer morgendliche Spaziergang durch die Kleinmachnower Siedlung ist beendet. Zurück in der kleinen Souterrainwohnung setzt Raphael Fellmer Teewasser auf, seine Freundin Nieves bringt die fünf Monate alte Alma ins Bett und setzt sich an den Computer. Ein ganz normaler Vormittag einer ganz normalen jungen Familie. Bis auf eine Besonderheit: Für den Tee hat die Familie nichts bezahlt. Auch die Äpfel, die Raphael zerteilt, haben den 28-Jährigen nichts gekostet. Ebenso wenig wie die Auberginen, Paprikas, Kräuter, Suppen, Öle, der Kaffee und die riesige Tüte voller Brötchen, die Tische und Schränke füllen. Raphael hat all diese Lebensmittel nicht gekauft, sondern „gerettet“ – so nennt er es. Denn sie lagen bereits in den Müllcontainern großer Supermärkte, bevor Raphael sie wieder herausfischte. Biosupermärkte, wohlgemerkt. „Ich achte natürlich darauf, nur einwandfreie Sachen mitzunehmen. Die meisten sind noch originalverpackt.“

Raphael lebt seit zwei Jahren ohne Geld. Weder verdient er Geld durch einen Job, noch möchte er Geld geschenkt bekommen. Er möchte es einfach nicht benutzen. Der Weg vom sparsamen und umweltbewussten Studenten aus bürgerlichen Verhältnissen bis zum jungen Familienvater, der praktisch komplett geldfrei lebt, klingt in Raphaels Erzählungen fast logisch: „Ich habe mir schon lange Gedanken über unsere Abhängigkeit vom monetären System gemacht. Die Idee, mich diesem System zu entziehen, kam auf einer Reise nach Mexiko“, sagt er. „Statt zu fliegen, sind wir getrampt, um möglichst wenig Ressourcen zu verschwenden. Irgendwann habe ich dann gemerkt, dass ich mich grundsätzlich besser aufgehoben fühle, wenn es nicht ums Geld, sondern ums Teilen und das menschliche Miteinander geht.“ Aus dem Trip nach Mexiko wurde schließlich eine 15-monatige Weltreise, die Raphael fast komplett ohne Geld bestritt. Fremde ließen ihn bei sich übernachten, nahmen ihn auf seinen Booten mit.

Der Lebensstil von Raphael ist für viele Menschen undenkbar. Und dennoch: Ein kurzer Blick ins Internet genügt, um auf zahlreiche Blogs, Homepages und auch Medienbeiträge zu stoßen, die sich mit dem Thema Geld- und Konsumverweigerung auseinandersetzen. Es gibt Tipps zu Tausch- und Schenkbörsen, und lebende Beispiele werden präsentiert – etwa der Brite Mark Boyle, der medienwirksam ein Jahr ohne Geld lebte. Auch der Sozialökonom Werner Onken von der Universität Oldenburg, der sich unter anderem mit der Idee einer „Marktwirtschaft ohne Kapitalismus“ beschäftigt, glaubt, dass Konsumverweigerung in den letzten Jahren zugenommen hat: „Nach meinem Eindruck nimmt dieses Phänomen auf zwei Ebenen zu. Zum einen in den unteren Schichten der Gesellschaft, wo zahlreiche Menschen aus dem sozialen Gefüge ausgegrenzt werden und dann darauf angewiesen sind, sich durch geldloses Tauschen und solidarische Hilfe gegenseitig zu helfen“, sagt der Experte für Postwachstumsökonomie. „Zum anderen gibt es auch Menschen, die der kommerziellen Ökonomie ohne existenzielle Not, aber aus Überzeugung den Rücken kehren, weil sie die Konsumgesellschaft für unökologisch halten und ihr Leben mit weniger Geld organisieren, indem sie kleine Subsistenzwirtschaften zum Anbau eigener Lebensmittel betreiben oder sich aktiv in der Bewegung der Community Gardens beziehungsweise Urban Gardening oder in Transition Towns engagieren und auch im Bereich des Reparierens von Gebrauchsgütern neue Wege gehen.“
Auch Raphael hat Zweifel an der Sinnhaftigkeit des bestehenden Systems. Ganz entzogen hat er sich ihm dennoch nicht: „Unsere Wohnung gehört Freunden, sie zahlen auch die Strom- und Heizkosten. Dafür helfe ich ihnen zum Beispiel im Garten“, erklärt er. „Die Möbel und unsere Kleidung haben wir größtenteils geschenkt bekommen.“ Eine Ausnahme macht die Familie seit der Geburt der kleinen Alma: Sie beziehen Kindergeld und nutzen es für ihre Krankenversicherungen. „Unseren Bedarf an Lebensmitteln decken wir zu 99 Prozent über das Containern. Schließlich werden rund 50 Prozent aller Lebensmittel in Deutschland weggeworfen.“

SchenkladenEine Tatsache, die immer mehr Menschen zu bekennenden Müllverwertern macht. Auch hier finden sich zahlreiche Foren und Tipps im Internet. Das Problem: Während beispielsweise in Österreich Müll als herrenlos gilt, ist hierzulande der Inhalt eines Müllcontainers im Besitz des Eigentümers. Wer dennoch etwas mitnimmt, kann wegen Diebstahl oder Hausfriedensbruch angezeigt werden. So geschehen im Fall des sogenannten „Lüneburger Keksprozesses“: Eine Konditorei hatte gegen einen Mann geklagt, der Kekse aus ihrem Container entwendet haben soll. Das Berufungsverfahren wurde Ende Februar, wie die meisten ihrer Art, aus Mangel an Beweisen eingestellt.
Diese Wegwerfmentalität dient Menschen wie Raphael als Lebensgrundlage. Viel lieber wäre es ihm allerdings, …

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