Berliner Autoren

Wie schreibt man Nazi-­Gedichte, wenn man kein Nazi ist? Ein Gespräch mit Jörg-Uwe Albig

Eine Burg, auf der es befremdlich spukt: Jörg-Uwe Albig über völkisches Bullshit-Bingo, journalistische Homestorys bei Rechten und seinen neuen Roman „Zornfried“

Foto: Christina Zück

tip Herr Albig, in Ihrem neuen Roman will der Journalist Jan Brock einen völkisch-schwülstigen Dichter namens Storm Linné treffen, der auf der titelgebenden Burg „Zornfried“ im Spessart lebt. Dafür haben Sie selbst mehr als 30 dieser seltsamen Gedichte geschrieben. Sind Sie selbst eigentlich schon mal als Lyriker in Erscheinung getreten?
Jörg-Uwe Albig Nein.

tip Dann ist „Zornfried“ quasi Ihr Lyrikdebüt?
Jörg-Uwe AlbigMein öffentliches Lyrikdebüt. Ich habe mal privat für meine Freundin was gedichtet. Aber nie veröffentlicht.

tip Wie schreibt man Nazi-Gedichte, wenn man kein Nazi ist?
Jörg-Uwe AlbigWie man es mit jeder literarischen Figur tut. Man versetzt sich in sie hinein und lotet ihre Gedankenwelt aus. Und dann braucht man vielleicht noch einen formalen Schub. Ich habe ein bisschen Stefan George gelesen. Dann flutschte es wie von selbst.

tip Allein die Gedichttitel klingen schwer nach völkischem Bullshit-Bingo: „Schwertleite“, „Wundsegen“, „Minneopfer“, „Grubenglut“, „Höllenheil“, „Trutzgehölz“.
Jörg-Uwe AlbigAber das Vokabular ist dann doch ziemlich begrenzt. Wenn man eine Handvoll Texte aus der Hochzeit des völkischen Denkens gelesen hat, hat man das eigentlich ganz schnell drauf.

tip Ein Gedicht geht so: „Seht ihr den feldmarschall der schmerzen reiten/Der fruchtbar blutend seine bahnen zieht/der weiß dass leben heißt: sich staunend opfern/der heil in narben und in wunden wenden sieht“. Haben Sie da manchmal insgeheim gedacht: Ist echt gut geworden, das Ding!
Jörg-Uwe Albig Es wäre ein Leichtes gewesen, mit krummem Versmaß und schiefen Reimen völkische Lyrik vorzuführen. Aber ich hatte schon den Anspruch, die trüben Gedanken in möglichst klare Formen zu bringen. Ich hoffe, dass mir das auf eine kaputte Art auch gelungen ist.

tip Jan Brock schreibt in einer Rezension eines Gedichtbandes von Linné, man sollte dessen Bücher lesen, um den Gegner zu kennen.
Jörg-Uwe Albig Ich finde, es gibt einen ganz einfachen Lackmustest bei allem, was man sich als Medienvertreter mit den Rechten leisten sollte: Spiele ich als nützlicher Idiot deren Spiel mit oder tue ich das nicht? Natürlich rede ich auch mit Rechten. Aber nicht öffentlich, wenn es offensichtlich Teil ihrer Strategie ist.

tip ann fährt er zur Burg Zornfried und erlebt eine völkisch-nationale Personengruppe, die an das Rittergut des rechten Verlegers Götz Kubitschek im thüringischen Schnellroda erinnert. Waren Sie eigentlich mal dort?
Jörg-Uwe Albig Natürlich nicht.

tip Unter Kollegen, Sie sind ja auch Journalist, war das ja mal eine Art Sport. Homestorys mit Rechten.
Jörg-Uwe Albig Genau. Die hatten da wahrscheinlich alle ihre Zahnbürsten stehen. Oder haben sie dort immer noch. Aber ich habe das natürlich auch mit einem ungemütlichen Interesse verfolgt, während ich an dem Roman saß.

tip Warum liegt die Burg Zornfried im Spessart?
Jörg-Uwe Albig Mein Buch ist ja letztlich eine Gruselgeschichte – von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen. Und der Spessart ist einfach eine an Gruselgeschichten reiche Gegend. Es gibt uralte Spessart-Sagen voller Schauer. Auch Grimms Märchen spielten da oft. Dann diese Grusicals der Nachkriegszeit: „Das Wirtshaus im Spessart“, „Das Spukschloss im Spessart“.

tip Mit Lilo Pulver. Nichts gegen Lilo Pulver!
Jörg-Uwe Albig Auf keinen Fall!

tip Die Lesungen des Dichters Linné finden im „Saal des Willens“ statt. Wie diese Säle auf Zornfried überhaupt alle irgendwie unangenehm Leni-Riefenstahl-artig dampfende Namen haben. „Saal der Ergebung“, „Saal der Treue“.
Jörg-Uwe Albig Es gibt diesen Grafiker namens Fidus, der ursprünglich aus der Jugend- und Wanderbewegung der Weimarer Zeit kam.Der hat einen völkischen „Tempel der Erde“ entworfen, wo es auch einen „Saal der Ergebung“ und eine „Halle des Willens“ gab.

tip Das Personal bei diesen Lesungen auf Zornfried ist auch sehr speziell.
Jörg-Uwe Albig Zur Stammbesetzung gehört der Freiherr von Schierling, dem diese Burg gehört. Dann der Dichter Storm Linné, eine Art Hausdichter, etwa wie Rilke auf seinen Burgen, wo ihm das Turmzimmer freigeräumt wurde und er befreit von materiellen Nöten dichten konnte. Es gibt Schierlings Leibarzt, und es gibt einen Filmemacher, der immer mit dem Bösen kokettiert und sich als satanische Kraft aufplustert. Und dann bekommt Jan Brock irgendwann auch eine Konkurrentin von einem anderen Blatt vor die Nase, die offenbar noch erfolgreicher zu sein scheint, Schierling und Linné nahezukommen.

tip Auf dem Klappentext ist von Satire die Rede. Finde ich gar nicht.
Jörg-Uwe Albig Ich würde es auch nicht unbedingt Satire nennen. Und wenn, dann handelt sie mehr vom Journalisten als von den Rechten. In dessen Kopf spielt sich ja ganz viel von der Handlung ab, weil er sich so vieles zusammenreimen muss.

tip Er muss sich selbst auch vor der kruden Faszination schützen.
Jörg-Uwe Albig Und das gelingt ihm mal mehr, mal weniger. Mir ist neulich ein Hitler-Zitat in die Hände gefallen, aus der Zeit seines Putschversuchs im Münchener Bürgerbräu-Keller von 1923: „Die Leute wollen jemanden, der ihnen bange macht und dem sie sich schaudernd unterwerfen.“ Das fand ich sehr erhellend.Eine Menge dieser sogenannten Anziehungskraft der Rechten beruht womöglich auf Mechanismen des Horrorfilms.

tip Mal angenommen, Götz Kubitschek oder die AfD würden Sie mit Ihren Gedichten zu einer Lesung einladen. Würden Sie hingehen?
Jörg-Uwe Albigv Natürlich nicht! Das wäre ja genau die Art von Instrumentalisierung, die ich verheerend finde.

Zornfried von Jörg-Uwe Albig, Klett-Cotta, 159 S., 20 €,