Kultur & Freizeit in Berlin

Wie wir leben wollen – Die Zukunft Berlins

Berlin hat mit Zukunftsprognosen durchwachsene Erfahrungen. Aber warum nicht auch mal ­optimistisch nach vorn blicken? Solange die Stadt eines nicht vergisst: was ihren Reiz ausmacht

Wie wir leben wollen - Die Zukunft Berlin

Berlin 2030. Ist das lange hin! 15 Jahre. Eine halbe Generation. Was da noch alles passieren kann. Ja, was eigentlich?
2030. Viele neue Studien, Konzepte, Prognosen tragen genau dieses Zukunftsjahr in ihrem Titel. Das „Stadtentwicklungskonzept 2030“ des Senats. „Wirtschaftsentwicklung in Berlin: Szenario 2030“ vom Deutschen Insti­tut für Wirtschaftsforschung. „Sicherheit 2030“ vom Forschungsforum Öffentliche Sicherheit der FU. 2030, das Jahr, zu dem wir Kontakt aufnehmen. Jetzt.
Weil wir uns fragen, wie wir leben werden, leben sollten, leben wollen. Und wo sie hinsteuert, diese Stadt. Wo wir sie hinsteuern. Wir alle. Darum muss es doch gehen. Eine Stadt für alle. Zukunftsstadt. So heißt ja auch das Motto des Wissenschaftsjahres 2015.
„Berlin ändert sich laufend, hat es immer getan, ändert sich weiter. Hochkreativ, experimentell.“ Der das sagt, ist quasi qua Arbeitsplatzbeschreibung ein Mann für das Morgen. ­Reinhold ­Leinfelder, Gründungs­direktor des „Hauses der Zukunft“, das derzeit im Auftrag des Bundes beim Humboldthafen entsteht und 2017 eröffnen soll: mit „liquiden Dauerausstellungen“, mit „Reallaboren“. Eine Brücke vom Jetzt in die Zukunft auf 3200 Quadratmetern. Die Lösungen, die wir für die Zukunft suchten, würden nie dauerhafter Natur sein, sagt er. „Wir denken in dynamischen Szenarien.“
Daher mag sich Leinfelder, früher übri­gens Generaldirektor des Naturkunde­museums, nur zögerlich auf ein Bild von Berlin 2030 festlegen. Einen großen Schritt zur klimaneutralen Stadt kann er sich vorstellen. Auch generations­übergreifende Wohnkultur, mit Dachgärten und Räumen, die man umkonfigurieren kann. Recycelbare Gebäude. Ein kühnes Szenario für 2030? „Ich sehe eine neue Berliner Skyline aus Farmscrapern: vertikal begrünten Häusern, mit denen wir qualitativ hochwertige Nahrung produzieren.“
Zu frisch aber ist gerade in Berlin die Erinnerung an falsche Prognosen, zum Beispiel über den Bedarf an Wohnungen in der Stadt, die nur mühsam und schmerzhaft zu korrigierende Fehl­entwicklungen zur Folge hatten. Weshalb zum Beispiel die Stadtplanerin Cordelia ­Polinna, Mitbegründerin der Initiative Think Berl!n, die Stadt auf diesem Feld „ein gebranntes Kind“ nennt. Das Stadtentwicklungs­konzept 2030, bei dem sie mitgearbeitet hat, ist für sie daher ein „Schritt in die richtige Richtung“. Es sei ein „großes Plus, dass die Bedeutung alternativer Entwicklungsmodelle in der Stadtentwicklung immer mehr anerkannt“ werde. Und Polinna sagt: „Eine besondere Chance Berlins ist, dass wir nicht auf den neo­liberalen Entwicklungszug aufspringen.“
Berlin 2030, ein weites Feld an Möglichkeiten. Mit Vollbeschäftigung vielleicht, wie das Senatskonzept imaginiert. Oder doch weniger rosarot? An der Freien Universität gibt es seit 2010 den Masterstudiengang Zukunftsforschung. Ein Projekt, an dem die Studenten aktuell arbeiten, heißt „Berlin’s Voices of the Future“: eine Befragung diverser Gruppen (Start-ups, Frauennetzwerke, Gay Community, Obdachlosenzeitungsverkäufer) nach ihren Berliner Zukunfts­erwartungen. Dozent Björn Theis hat dabei eine zentrale Sorge ausgemacht: „Die Zukunft Berlins hat viel mit Freiräumen zu tun. Alle Gruppen haben Angst, dass Berlin die Freiräume verliert.“
Es gibt diesen Ausspruch des „Lieblingsphilosophen“ von Reinhold Leinfelder vom Haus der Zukunft, den er gern zitiert: „Früher war die Zukunft auch besser.“ Ein schöner Satz über die Skepsis, die mit der Unsicherheit oft einhergeht. Er stammt von Karl ­Valentin. Auch wenn er sein Lieblingsphilosoph ist: Leinfelder will ihn, Valentin, widerlegen. Und zwar in naher Zukunft.  
 
Text:
Erik Heier

llustration: Tobias Meyer

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