Geteilte Stadt

Wieder vereint? Meinungen von Stammtischen 29 Jahre nach dem Fall der Mauer

Am 9. November vor 29 Jahren fiel die Mauer. Aus den zwei Teilen Berlins in zwei Ländern entstand eine Stadt. Was ist seitdem mit ihr passiert? Wir haben uns umgehört, dort, wo Berliner starke Meinungen haben: an einem Stammtisch im Osten, einem im Westen und einem mittendrin

„Der Ausverkauf nervt natürlich alle hier“ – Stammgäste im Zuhause in Köpenick. Foto: Anna Thut

Früher wa’ick wejen Verwandtschaft öfter mal im Westen, aber da jibts auch nur Häuser und Bäume, wat soll ick’n da?“ sagt Kerstin, Köpenickerin, in ihrer Kiezkneipe Zuhause. Frank*, Charlottenburger, Stammgast im Diener am Savignyplatz, war auch schon mal in Köpenick, 2017 machte er eine Bootstour auf dem Müggelsee: „War schön da, und, ja, klar kenne ich den Osten, aber drüben bin ich eher nicht.“

In Berlin hallt die Spaltung noch nach, so scheint es, auch 29 Jahre nach dem Mauerfall. Die Stadt ist seitdem international geworden, ein beliebtes Easy-Jet-Set Ziel und boomendes Start-Up-Hub. Heute gibt es hier 1,7 Millionen gebürtige Berliner, denen 1,9 Millionen Zugezogene gegenüberstehen. Dem Globalisierungs- und Arbeitsmigrationstrend folgend, verwebt sich die urbane Gesellschaft zu etwas Neuem, Amorphen, Diversifiziertem – zu einer Bevölkerung, die sich eher über Facebook-Gruppen, Interessen und Berufe als über Herkunft, Kiez und Geburtsort definiert. Doch die Matrix, auf der sich dieses neue Berlin entwickelt, ist eine, die zwischen Ost und West unterscheidet. Schließlich lagen die zwei Hälften der Stadt von 1961 bis 1990 in zwei verschiedenen Ländern. Man könnte sagen: in zwei verschiedenen Welten.

OSTEN Rund 700 Meter vom S-Bahnhof Berlin-Spindlersfeld entfernt, in Köpenick, liegt das Zuhause, eine vielleicht 30 Quadratmeter große Kiezkneipe, ein Stück originales, nicht gentrifiziertes Ost-Berlin. An den Wänden hängen Sprüche wie „Nicken, lächeln, Arschloch denken“, oder „Du kannst schon Bayern-Fan sein, aber dann bist du halt scheiße“, auf einem Radeberger-Werbespiegel ist in pink geschrieben: „Angebot: Johnnie Walker mit oder ohne Cola 4cl 3 €“. Das 0,3-Liter-Radeberger vom Fass kostet 1,90 Euro. Die Gäste sind teilweise schon miteinander zur Schule gegangen. Neubesucher werden durch Nicken oder mit einem „Hallo“ begrüßt.

Zwischen Ost- und Westdeutschland scheint aktuell ein Riss zu verlaufen. Er bildet sich entlang der Frage, wie viel Zuzug das Land verträgt. In Chemnitz und Cottbus war der Ausländerhass zuletzt sehr deutlich zu sehen. Spiegelt Berlin im Kleinen wieder, was in Deutschland im Großen passiert?

Otto, 54, Mechaniker, steht im Zuhause in Köpenick am Tresen. Er sagt: „Wir sind total Multikulti! Hier gibt’s Unioner, BFCler und sogar zwei Herthaner, aber wir verstehen uns alle dufte.“ Otto trägt Jeanshose zu Jeanshemd, das silberne Haar ist gescheitelt, die Seiten sind kurzrasiert. Neben Otto sitzt Kerstin, 54, kurze blonde Haare, „unjeschminkt wie immer“ und ganz in schwarz, Stil: praktisch. Sie ist Wohnbereichsleiterin in der Altenpflege und seit 36 Jahren in ihrem Job. „Die Wende war für mich klasse, beruflich wäre ich heute sonst nicht da, wo ich bin“ sagt sie, auch wenn der Mauerfall sie anfangs verunsicherte. Wegen der Kinder, die zwei und fünf Jahre alt waren und „wie alles werden sollte, wusste man ja nicht.“ Vor der Wende war sie angelernte Pflegehelferin, als dann die Mauer fiel, wollte ihre Chefin, dass sie die Ausbildung zur Altenpflegerin machte. Sie ist heute dankbar dafür.

„Die westdeutsche Erbengeneration, da stecken Milliarden dahinter!“ – Stammtisch im Diener Tattersall in Charlottenburg. Foto: Anna Thut

Otto und Kerstin kommen aus Köpenick. Sie sind nie wirklich weg gewesen, weder beruflich noch privat zog es sie in die Welt. Kerstin war vor langem mal in den Gropiuspassagen in Neukölln, da sei sie „fast verloren“ gegangen. Sie erinnert sich ungern an ihren letzten Besuch im „richtigen Westberlin“, in Kreuzberg. Ihr Sohn arbeitet dort als Sozialarbeiter. Vor sieben Jahren hat er sie durch den Görlitzer Park geführt. Was sie sah, schockierte sie. „Vor dem Eisladen standen Leute und verkauften Drogen, das hat jeder mitgekriegt, aber keiner hat was gesagt. Das kann doch nicht sein! Also hier würden wir was machen, aber dass da alle wegschauen“, empört sie noch heute. „Da war alles voller Kinder, und daneben standen Polizisten, die kriegen alles mit und machen nichts!“

„So ‘ne Scheiße brauchen wir hier nicht!“ mischt sich Otto ein, „hier lungern keine Gestalten rum, und natürlich würden wir was gegen die machen, wenn die sich hier sowas trauen würden. Ich hasse Kreuzberg und die ganzen Kanaken da!“ „Jetzt hör mal auf mit der Panikmache!“, ruft Kerstin ihn zur Räson: „Wir haben nichts gegen Ausländer, wenn die hier arbeiten, Steuern zahlen, dann ist das ja OK. Ich esse gerne indisch, und ich war ja auch schon mal im Ausland, aber da hab ich mich halt auch an die Regeln gehalten.“ Fritz, gebürtiger Kreuzberger, der „zum Glück vor Langem rübergemacht“ hat, ist ebenfalls Stammgast und sagt: „Der Abstieg von Kreuzberg fing in den Siebzigern an, als die ersten Sizilianer und Portugiesen kamen. Ich bin froh, jetzt in Köpenick zu wohnen, hier ist die Welt noch in Ordnung und der Zusammenhalt stimmt.“

WESTEN Der Diener Tattersall am Savignyplatz war schon zu Mauerzeiten Treffpunkt Charlottenburger Bildungsbürger, Künstler und Schriftsteller.  An den hohen Wänden des geräumigen Lokals hängen unzählige Fotos von berühmten Gästen, die hier in den letzten hundert Jahren ein- und ausgingen. 0,4 Liter Schultheiß kosten 3,60 Euro.

Der Stammtisch sitzt direkt hinter dem dunkelroten Windfang aus schwerer Wolle und hat die Tür im Blick. Fünf Männer über 60.  Bis auf einen gebürtigen West-Berliner kamen sie schon in den 60er- und 70er-Jahren nach Berlin. Gerold, 61, hat an vielen Orten der Welt gelebt und kam nach langen Jahren in Los Angeles vor knapp einem Jahr zurück nach Berlin. Jetzt arbeitet er als Sozialarbeiter mit Drogensüchtigen in Potsdam. Seine Klientel sind „Türken, Araber und Nazis“, wobei die „Nazis“ keine „richtigen Nazis“ seien. „Die sind eher so: Ich hasse Ausländer, aber mein Kumpel, der Ali, der ist voll okay.“

34 Prozent der Einwohner ihres Bezirks haben einen Migrationshintergrund. In Treptow-Köpenick, wo die Kneipe Zuhause liegt, sind es nur neun Prozent – das ist weit unter dem deutschen Durchschnitt, der bei rund 23 Prozent liegt. Unterdurchschnittlich ist auch der Bildungsgrad in Köpenick: Nur 33 Prozent der Bewohner des östlichsten Berliner Bezirks Treptow-Köpenick haben Abitur. In Charlottenburg-Wilmersdorf, rund um den Diener Tattersall sind es 66 Prozent.

OSTEN Die Köpenicker Otto und Kerstin erinnern sich noch gut an die Nacht vom 9. auf den 10. November 1989: Otto fuhr sofort in den Westen, war „drei Tage besoffen“ und wurde von Mitfeiernden zum Übernachten eingeladen. „Da war ich dann das erste Mal in ’ner Westwohnung, und dann war das so ‘ne Bruchbude im Westteil der Sonnenallee“ sagt er,  „da ging es mir damals in meiner Bude in der Grünberger Straße in Friedrichshain besser.“ Die Kneipe Feuermelder gab es schon, und auf seinem Dach feierte Otto mit dem „halben Kiez“ die „geilsten Partys“. „Einmal rumrufen und alle waren da, das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen, dabei hatten wir nicht mal Telefone!“, sagt er und zündet sich eine blaue Pall Mall an. Vor zwei Jahren war er das letzte Mal dort. Aber „da hat sich alles ätzend verändert, Neureiche, Studenten. Und der Boxhagener Platz, der ist von Stuttgartern gekauft worden“ beschreibt er seine Eindrücke. „Unser Szenemilieu ist nicht mehr vorhanden, alles luxussaniert“, stellt er fest. Kerstin nickt. Ost- und Westberlin sei „eine schicki-micki-Soße“ geworden. „Richtige Kneipen, Zille-Milieu, wo man sich kennt, hilft und in schlechten Zeiten zusammensteht, die jibt’s nur noch in Köpenick.“

WESTEN Clemens, Autor über 60, sagt, dass der Mauerfall „natürlich ’ne schöne Sache war“. Man habe sich über die neue Freiheit der Anderen gefreut. Einig ist der Stammtisch sich aber auch, dass die Wiedervereinigung langsamer und viel besser hätte laufen können. Zu viele Ossis seien über den Tisch gezogen worden, von windigen Geschäftemachern und der Treuhand. Später seien die internationalen Immobilienhaie dazugekommen, es sei „klar, dass die Ossis sich abgezockt fühlen“ würden. Frank, „über 65“, Weinhändler in Rente, sagt: „Nach dem Mauerfall waren sie dann plötzlich hier in der Grolmanstraße, mit ihren Nietenhosen und den Plastiktüten, und standen mit Kind und Kegel am Sexshop von Beate Uhse in der Schlange. Und bei ihnen zuhause gehörte plötzlich alles, was zuvor Volkseigentum war, irgendwelchen reichen Wessis, die im Mercedes angereist kamen und ‚ihren‘ Besitz zurück haben wollten. Das war nicht gut. Außerdem hätte man vieles, was im DDR-Sozialsystem gut funktionierte, übernehmen sollen.“

Trotz des „alarmierenden Rechtsrucks“ im Osten will hier niemand die Mauer wiederhaben. Und trotz der Mieten, die mittlerweile stark gestiegen sind. Obwohl Gerold damals schon ahnte, „dass dem Niedrigmieten-Gründerzeit-Wohnungsparadies Berlin bald sein letztes Stündlein schlägt“.

So kommt es denn auch: Seit 1991, als Berlin zur Hauptstadt wurde, boomt der Immobilienmarkt, seit der Banken- und Finanzkrise im Jahr 2007 erst recht. Bei den Kaufpreisen hat Berlin London in manchen Gegenden längst überholt. Und nachdem die Bezirke innerhalb des S-Bahn-Rings so langsam durchgentrifiziert sind, ist jetzt Treptow-Köpenick dran. Die Heimat der Gemeinschaft aus dem Zuhause.

OSTEN „Die ganze Wasserfront wird verkauft an Engländer in Brexit-Panik“, sagt Ingo, 54,  Maurer und Fliesenleger. „Der Ausverkauf nervt natürlich alle hier“, sagt Fritz*, 65, der einzige Nicht-Ur-Köpenicker im Raum. Er spielt am Stammtisch neben der Theke Würfel mit einer Gruppe von sechs Männern und einer Frau. Die Würfler, allesamt selbstständige Handwerker, arbeiten „überall“ in Berlin, würden aber nie aus Köpenick wegziehen wollen – „weil’s hier am schönsten und noch so richtig Berlin ist“, sagt Manfred, 49, Tischler. Mit dem Westen haben sie „nichts am Hut“. Bis auf einen: Mirko*, 43, Maurer, hat im vergangenen Jahr mit Gästen aus Dresden eine Stadtrundfahrt auf der Spree gemacht. Er sagt, „es war schon irre, mal so was von der Stadt mitzukriegen.“ „Ist ja nicht so, dass wir nie rübergehen. Unsere Herthaner sind alle zwei Wochen im Olympiastadion und haben sogar Bekannte in Spandau!“, wirft Rico*, 45 und ebenfalls Handwerker, ein.

WESTEN „Gentrifizierung ist für uns zum Glück kein Thema“, sagt Frank*, 69, Schriftsteller. Die Mitglieder des Stammtisches im Diener leben in Gründerzeit-Prachtbauten auf zum Teil „viel zu viel Platz“. Immobilienmanager Giuseppe, Italiener und alter Westberliner, kommt durch den schweren dunkelroten Vorhang in die Kneipe und setzt sich sofort dazu. Er ist beruflich oft in Prenzlauer Berg unterwegs und wundert sich über Dessousgeschäfte „mit Preisen wie in Paris“. Wer sich das leisten könne? „Die westdeutsche Erbengeneration, da stecken Milliarden dahinter!“, rufen mehrere am Tisch zeitgleich aus.
Rund 400 Milliarden Euro werden jährlich in Deutschland vererbt – allerdings sehr ungleich: Nur sieben Prozent der Ostdeutschen Erben können sich über einen Nachlass von mehr als 100.000 Euro freuen, im Westen sind es 19 Prozent – so eine Studie des Marktforschungsinstituts YouGov aus dem vergangenen Jahr. Logisch, zur Wende standen die meisten vor dem Nichts.

Im Prassnick in Mitte. Foto: Anna Thut

In den Osten fahren die Männer vom Stammtisch in Charlottenburg nur selten. Drei waren zu Ost- und Wendezeiten öfter „drüben“ als heute. Sie erinnern sich gerne an die lebhafte Literaten- und Künstlerszene in den Kneipen, die aber leider vollständig verschwunden sei. Kaum jemand, den sie kennen, sei nach Osten gezogen. „Einer ging nach Mitte, weil es da mehr junge Frauen gab“, kichert Frank.

OSTEN Im Leben der Köpenickerin Kerstin gibt es keine Berührungspunkte mit Orten außerhalb von Köpenick, mit Westdeutschland oder Westdeutschen gar. Kerstin war ja 1989 schon Mutter von zwei Kindern und hatte Sorgen, als die Mauer fiel. Es dauerte zwei Wochen, bis sie das erste Mal „rüberfuhr“. Einmal, 1992, flog Kerstin nach Kreta, „war schön, aber muss nicht sein: Mir geht’s auch so gut!“, sagt sie. Der Westen und die Reisefreiheit hätten sie nie besonders gereizt, „schließlich muss die Kohle stimmen, erstmal zählt die Realität.“
Kerstin, die nur mit Überstunden, Schichtdienst und in leitender Funktion auf ihre „gut 2000 Euro netto“ kommt, steht stellvertretend für den ostdeutschen Durchschnittsarbeitnehmer, der mit jährlich 1346 Stunden rund 67 Stunden mehr als seine Kollegen im Westen arbeiten muss.
Kerstin ist unglücklich über Preissteigerungen, vor allem bei den Mieten, und sie ist besorgt um den Nachwuchs, der so dringend in der Altenpflege benötigt wird: „Wie sollen die denn leben, mit 1200 Euro netto, nach fast vier Jahren Lehre?“ Und, überhaupt: „Wo sollen die jungen Leute denn jetzt plötzlich herkommen?“

Im Osten Deutschlands liegt das Durchschnittsalter der Bevölkerung fast flächendeckend um und über 55 Jahre, im Westen, wohin es immer noch viele junge Ostdeutsche zieht, bei Mitte 40. Ein Grund für die Abwanderung ist die Strukturschwäche des ländlichen ostdeutschen Raumes. Eine Untersuchung von Statista zeigt die Arbeitslosigkeit im Osten mit 7,4 Prozent deutlich über dem Wert der restlichen Bundesländer von 5,1 Prozent.

Der Durchschnittsverdienst von sozialversicherungspflichtig Vollzeitbeschäftigten liegt mit 3.339 Euro brutto pro Monat im Westen weit höher als im Osten mit lediglich 2.600 Euro brutto, so die Bundesagentur für Arbeit 2018. Das niedrigere Einkommen und die bei vielen durch die Wende gebrochenen Lebensläufe  schlagen sich auch auf die Renten nieder: Im Osten sind sie rund 12 Prozent niedriger als im Westen, eine Angleichung ist erst für 2024 angepeilt.

OSTEN Otto hat das Zuhause mit deutlicher Schlagseite verlassen, Kerstin raucht am Tresen, Ingo schäkert und trinkt mit Anke – letzte Frage an den Stammtisch: Ob denn Ost- und Westberlin nun zusammengewachsen seien, ein Land und eine Stadt? „Ach ja klar, klappt schon, ist ja nicht so, dass hier einer die Mauer wiederhaben will, auch wenn es sich manchmal so anhört“, ruft Mirko laut vom Würfler-Stammtisch. Jeder im Zuhause lacht, die Barfrau dreht die Musik lauter, den Sirtaki aus „Alexis Sorbas“. Ingo und Anke beginnen, sich im Takt zu wiegen.

WESTEN Frank, Schriftsteller und Charlottenburger Gründerzeitbaubewohner aus dem Diener sagt: „Von den Ossis unterscheidet uns doch nicht viel!“

MITTE Das Prassnick auf der Torstraße in Mitte ist eine der letzten Kneipen mit Ostberliner Flair, Ost-Tapete und Ölfarbe an den Wänden. Zwar gibt es hier einen kleinen Stammtisch, eher berlinerisch besetzt, doch am Samstagabend treffen sich auch Menschen aus der Nachbarschaft, die noch nicht so lange hier leben, gemischt mit internationaler Laufkundschaft. Dass es hier „kein Schickimicki“ gibt, keinen Kommerz und keine „überhitzte“ Atmosphäre wie in vielen anderen neuen Bars, ist Barkeeperin Ines wichtig zu erwähnen. Bier wird selbst gebraut, der halbe Liter kostet 2,80 Euro.

Der Stammtisch, der sich sonst im St. Oberholz trifft, heute aber die Abreise zweier Mitglieder zu feiern hat und deshalb nach etwas Größerem suchte, besteht aus Japanern. Alle kommen aus Tokyo und trafen sich erst in Berlin. Ai, 32, ungeschminkt, in schwarz gekleidet und mit Pagenschnitt, ist Friseurin und seit einem Jahr in Berlin. Sie brauchte eine Auszeit vom ständigen Arbeiten, von der Hektik, dem Druck, der in Japan herrscht. Dass sie hier nicht viel verdient, mache ihr nichts aus: „Das ist in meiner Branche überall das gleiche, aber hier ist das Leben wenigstens billig und man hat keinen Stress“, sagt sie. Ihr Freund Riku, 36, ist Installationskünstler und seit acht Jahren in Berlin. Eiichi, 35, ist Modedesigner und Sohta, 34, Architekt.

Mit Deutschen hätten alle nicht besonders viel zu tun, die vier meinen zu spüren, dass Deutsche gerne unter sich blieben. Dann lacht Ai plötzlich und sagt, sie würde eine Deutsche aus Marzahn kennen. „Nie hat sie mein mitgebrachtes Essen bei der Arbeit probieren wollen. Ich glaube, Deutsche sind eher traditionell deutsch, oder?“

Tim, 47, Setdesigner, aus Köln, steht an der Bar des Prassnick. Er hat von 1991 bis ’94 in Berlin gelebt. Die Gentrifizierung ist für ihn „selbstverständlich.“ Sie gefalle ihm nicht, sei aber eine globale Entwicklung, unter der alle europäischen Hauptstädte zu leiden hätten. Er amüsiert sich über die Aufregung um eine Stadt, die „eigentlich gar keine Berechtigung zur Großstadt“ habe. „Anders als Hamburg mit dem Hafen oder das Ruhrgebiet, das durch seine gute Infrastruktur tatsächlich Millionen von Menschen in einem riesigen Umkreis und sehr urban beheimatet, ist Berlin doch nur ein kleiner Haufen von Menschen in der brandenburgischen Pinienwald-Pampa“.

Ein weiterer Mann kommt hinzu und erklärt auf die Frage, wie er das zusammengewachsene Berlin empfinde, nur, dass er das nicht bewerten könne. Er, der junge Tscheche, wisse aber aus Lektüre und eigenem Erleben, dass Berlin „längst nicht mehr Berlin“ sei. Vor Kurzem habe ein Filmteam vor seinem Wohnhaus, einem unsanierten Altbau in einem ärmeren Viertel von Prag, die Straßenschilder umdekoriert. Es hieß, man drehe einen deutschen Film, der im „alten“ Berlin der Vorwendezeit spielt.

Die Autorin Jasna Zajcek, gebürtige Westberlinerin, ist auch Verfasserin des gerade als aktualisierte Taschenbuchausgabe veröffentlichten Buches „KALTLAND“, des laut taz „klügsten ­Buches zur Flüchtlingskrise“ – und den damit ­verbundenen Entwicklungen in Ostdeutschland und Berlin.

*Name von der Redaktion geändert

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