Wilmersdorf: Ein Dorf für die Kunst

Zugegeben, Madonna war noch nicht in der Bar jeder Vernunft in der Schaperstraße. Aber immerhin war es Vincent Paterson, der unter anderem mit ihr gearbeitet hat und etwa ihre „Blond Ambition Tour“ (1990) gestylt und geleitet hat. Für das Musical „Cabaret“ war es 2004 gelungen, ihn als Regisseur und Choreografen zu gewinnen. Offenbar hatte es ihm das historische Spiegelzelt auf dem Parkdeck hinter dem Haus der Berliner Festspiele angetan: Eng, hitzig, kein Hochglanz. Das passte famos zu dieser Geschichte über Berlin in den „Goldenen Zwanziger Jahren“. Die Produktion wurde so erfolgreich, dass sie bis heute läuft, und zwar im weitaus größeren Tipi am Kanzleramt.
Die Bar jeder Vernunft freilich ist geblieben, geschätzt und geliebt nicht nur in Wilmersdorf, sondern weit über Berlin hinaus. 1992 wurde sie von Holger Klotzbach und Lutz Deisinger gegründet, die sie zu einem innovativen Hotspot für Kleinkunst und leichte Muse, für Chanson, Kabarett und eigene Theaterproduktionen machten. Legendär wurde 1994 die Operette „Im weißen Rößl“ mit Otto Sander und Max Raabe. Die Produktion war über Jahre hinweg das Must-See der Stadt und dauernd ausverkauft. Die Geschwister Pfister wurden in der Bar jeder Vernunft zu Stars, ebenso Georgette Dee, Meret Becker oder Maren Kroymann. Man sitzt an kleinen Tischen, wird vom charmanten Personal aufmerksam verpflegt und kann sich immer auf einen schönen Abend freuen.
Manchmal hört man vor Beginn aus der Nachbarschaft ein paar Musikfetzen, wenn in der Universität der Künste die Student:innen der Fakultät Musik üben. Manchmal mischt sich das Publikum mit demjenigen im Haus der Berliner Festspiele, in dem bis 1993 die Freie Volksbühne Theater spielen ließ. 2001 sind die Berliner Festspiele in den ikonischen Entwurf des Berliner Architekten Fritz Bornemann eingezogen. Die Inszenierungen des Theatertreffens im Mai werden meist in dem schlanken, eleganten Sechzigerjahrebau gezeigt. Ganzjährig gibt es internationale Gastspiele aus allen Genres von der MaerzMusik bis zum Literaturfestival.
Ein ausverkauftes Theater
Wer’s weniger groß mag, wird das Kleine Theater am Südwestkorso bevorzugen. Es ist das zentrale Theater in Wilmersdorf und längst mehr als die Kiezbühne in diesem Bezirk. Die Regisseurin Karin Bares hat es 2006 übernommen und ist bis heute die künstlerische Leiterin und Geschäftsführerin. Sie hat an der Universität Gießen Angewandte Theaterwissenschaft studiert und es geschafft, am Südwestkorso engagiertes Sprechtheater und anspruchsvolle Unterhaltung zu bieten.
2021 etwa wurde die Inszenierung „Eine blassblaue Frauenhandschrift“ beim Privattheatertreffen in Hamburg als beste Produktion des Jahres ausgezeichnet. Außerdem hat Karin Bares das mit seinen 99 Plätzen gut überschaubare Haus als Erstaufführungsbühne etabliert, in der gern literarisch orientierte Stücke gespielt werden. Es ist eine kreative Oase in einer sehr bürgerlichen Umgebung mit feinen Altbauten.
Rings ums Kleine Theater findet seit Jahren im Herbst die „Südwestpassage Kultour“ statt. An diesem ausgedehnten Parcours beteiligen sich rund fünfzig Galerien und Ateliers und bringen bei diesem Wilmersdorfer „Gallery Weekend“ Künstler:innen und ihre Werke mit Besucher:innen auf Tuchfühlung.
Ganz so eng geht es bei den örtlichen Kiezkinos (von denen streng genommen einige nur gefühlt in Wilmersdorf liegen), aber zu sehen gibt es trotzdem jede Menge, ob im Kino am Bundesplatz, dem Cosima Filmtheater oder in den Eva Lichtspielen, die für die Veranstaltungsreihe „Der alte deutsche Film“ – Kaffee und Kuchen inklusive – viel Anerkennung ernten.
Der kulturelle Leuchtturm in Wilmersdorf – und nicht nur da – ist natürlich die Schaubühne. Der künstlerischer Leiter Thomas Ostermeier, der seit 1999 im Amt ist, hat die Erfolgsgeschichte, die am Theater am Halleschen Ufer unter Peter Stein begann, mit neuen Mitteln, Stoffen, Mitwirkenden fortgeschrieben. Die unglaubliche Auslastung liegt bei knapp 100 Prozent. Wann immer man kommt, ist die Atmosphäre voll Energie und Vorfreude, voll Erwartung und Erregung. Alt und jung, Einheimische und Tourist:innen treffen sich in einem der Säle, um hohe Theaterkunst zu genießen. Etliche Produktionen werden bei ausgiebigen Tourneen von China bis New York gezeigt. Das Ensemble ist prima besetzt, doch der eindeutige Star ist Lars Eidinger, der mit „Hamlet“, „Richard III.“ und seit diesem April mit Molières „Der Geizige“ für volle Reihen und helle Begeisterung sorgt.
Der neu erschlossene Raum „Ku’damm 156“ im Erdgeschoss des Nebengebäudes der Schaubühne wird künftig ein Probenzentrum und eine Studiobühne enthalten (Nutzungskonzept: Architekturbüro Ortner & Ortner). Schon jetzt sind dort Produktionen wie „Egal“ von Marius von Mayenburg und „Paradiesische Zustände“ von und mit Henri Maximilian Jakobs zu erleben. „K 156“ erlaubt übrigens eine tolle Perspektive: Man kann durch die Glasfront auf den Kurfürstendamm hinausblicken und sich im Fall des Falles umgekehrt auch von den Passant:innen beobachten lassen – wie es eben zu so einem „Fenster in die Stadt“ gehört. Mehr Wilmersdorf geht nicht.
Dieser Artikel ist Teil der Titelgeschichte unserer Ausgabe 6/26. Wir empfehlen auch gleich noch die besten Adressen in Wilmersdorf und unseren großen Text über Wilmersdorf – wo alles geht. Viel Spaß beim Lesen!


