Westernthriller

„Wind River“ im Kino

Das Land von Hier-draußen-bist-du-allein: In „Wind River“ steht die Ermittlung in einem Mord nicht im Mittelpunkt, sondern die Würde des Menschen

In der Wildnis: Jane Banner (Elizabeth Olsen) und Cory Lambert (Jeremy Renner)
Foto: Wild Bunch Germany

Cory Lambert (Jeremy Renner) ist Mitarbeiter der Naturschutzbehörde Fish and Wildlife Service in einem Indianerreservat in Wyoming, ein stoischer Jäger und Fährten­leser, der sich ganz auf das Leben in dem einsamen, verschneiten und kalten Land eingerichtet hat. Einer, der seine Patronen selbst fertigt. Einer, der sich auf sich selbst verlässt. Bis der gewaltsame und bislang unaufgeklärte Tod der Tochter seine Familie auseinander riss, war Cory mit einer Frau indigener Herkunft verheiratet. Er kennt die Probleme im Reservat.

Denn die nordamerikanischen Ureinwohner der „First Nation“, in unseren Breitengraden angesichts eines geografischen Irrtums von Christoph Columbus noch immer als Indianer bezeichnet, gehören neben den australischen Aborigines zweifellos zu den am stärksten marginalisierten Volksgruppen innerhalb großer Kulturnationen. Über Jahrhunderte hinweg entrechtet, hat sich bei ihnen eine Hoffnungslosigkeit ausgebreitet, die ihren Ausdruck in erschreckenden Statistiken von Alkohol- und Drogenabhängigkeit, Kriminalität und Selbstmordraten findet. Der Thriller „Wind River“ des Autors und Schauspielers Taylor Sheridan (er schrieb „Sicario“ und „Hell or High Water“) erzählt von dieser Lebenswirklichkeit, indem er den Blick ­zweier Weißer darauf fallen lässt.

Aufgestellte Fettnäpfchen

Als Cory bei einer seiner Exkursionen die ­Leiche der 18-jährigen Ureinwohnerin Natalie findet, die – offenbar geschlagen und vergewaltigt – barfuß mehrere Kilometer durch die eisige Kälte gerannt war, ehe ihre Lungen kollabierten, kommt eine Außenseiterin ins Spiel: Die unerfahrene FBI-Beamtin Jane Banner (Elizabeth Olsen) ist von einem Ausbildungslehrgang zum Tatort abkommandiert worden. Von Land und Leuten hat sie keine Ahnung, tritt erst einmal in jedes aufgestellte Fettnäpfchen. Und hat noch nicht einmal ausreichend warme Kleidung dabei. Sie wird sich umstellen müssen, denn wie sagt der lokale Sheriff so schön: „Dies ist nicht das Land von Ich-warte-auf-Verstärkung, sondern das Land von Hier-draußen-bist-du-allein.“

Dem Schauplatz und der alles verlangsamenden Kälte angemessen, findet „Wind River“, der Thriller- und Westernelemente mit gelungenen Charakterporträts und fast meditativen Landschaftsaufnahmen verbindet, über weite Strecken zu einem ruhigen, aber nicht unbedingt entspannten Erzählrhythmus. Jane und Cory, den die Polizistin klugerweise um Hilfe gebeten hat, suchen nach Spuren im Schnee, sprechen mit den still verzweifelten Eltern der Toten, müssen sich aber etwa auch der rabiaten Freunde ­ihres Bruders erwehren, der sich längst ­einem Leben voller Drogen und Kriminalität ergeben hat. Langsam kreisen sie eine Gruppe von – außenstehenden – Verdächtigen ein. Die Tätersuche hält die Geschichte in Gang, doch sie ist nicht wirklich deren Kern.

Denn das zentrale Thema von „Wind ­River“ ist die Würde. Jene Würde, die den US-amerikanischen Ureinwohnern bis ­heute verwehrt und immer wieder genommen wird – unter anderem auch von reichlich jämmerlichen Gestalten, die das Wort nicht einmal buchstabieren könnten, wenn sie müssten. Doch „Wind River“ verdeutlicht am Ende mit der Archaik eines Western, dass es in dieser verlassenen Gegend auch ein mora­lisches Gesetz gibt. Der Täter muss nichts buchstabieren. Er muss nur laufen. Barfuß im eisigen Schnee.

Wind River USA 2017, 107 Min., R: Taylor Sheridan, D: Jeremy Renner, Gil Birmingham, Julia Jones, Start: 8.2.

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