Kultur & Freizeit in Berlin

„Wir erleben den ­permanenten Weltkrieg“ – Frank Castorf im Gespräch

Der Volksbühnen-Chef Frank Castorf über die Technik des Staatsstreichs und seine Volksbühnen-Inszenierung ?"Kaputt" nach einem Roman des Faschisten Curzio Malaparte

Frank Castorf im Gespräch

tip Herr Castorf, Sie inszenieren wieder mal einen moralisch fragwürdigen Autor, den Mussolini-Anhänger Curzio Malaparte. Erst Celine, jetzt Malaparte – müssen es immer diese anrüchigen Dunkelmänner sein?
Frank Castorf Das sind Biografien des 20. Jahrhunderts, Rechtsrevolutionäre wie Ernst Jünger, Carl Schmitt, auch Malaparte, der in den 20er-Jahren Futurist und Faschist war. Nach dem Krieg, in den 50er-Jahren, wird er Mao-Verehrer und verschenkt seine Villa auf Capri an das chinesische Volk. Er war sicher kein lupenreiner Demokrat und Antifaschist. Aber diese Leute gehören zu unserem kulturellen Background, dessen sollte man sich bewusst sein. Anfang der 30er-Jahre schreibt Malaparte eine „Technik des Staatsstreichs“, eine Gebrauchsanweisung für Putschisten. Hitler taucht im „Staatsstreich“ als kleiner, teigiger Kostgänger Mussolinis auf, da hat ihn Malaparte schwer unterschätzt. Die Nationalsozialisten haben das Buch verbrannt. Es gibt ein berühmtes Foto von Castro, wie er als Guerillero in den Bergen sitzt und die „Technik des Staatsstreichs“ liest. Als das Militär 2002 in Venezuela gegen Hugo Chбvez putscht, schickt Castro dem Genossen Chavez aus seiner Bibliothek Malapartes „Staatsstreich“, damit er weiß, wie er das beim nächsten Mal verhindert.

tip Machen Ihnen diese amoralischen Autoren gerade im gemütlichen, politisch korrekten Berlin besonders Spaß?
Frank Castorf Ja, klar. Es ist auch schön, dass ein Schauspieler wie Horst Günter Marx in der Aufführung mitspielt. Der ist mir vor 30 Jahren in Anklam direkt von der Bühne verhaftet worden, als wir „Trommeln in der Nacht“ zusammen gemacht haben. Er musste für zwei Jahre ins Gefängnis. Ich will nichts romantisieren, aber ohne die Erfahrung als junger Künstler mit einer sehr autoritären Gesellschaft, die den Einzelnen zerbrechen will, würde mir was fehlen, glaube ich. Als junger Künstler muss man das, was etabliert ist, nicht nur das Deutsche Theater, auch die Volksbühne, töten wollen. Anders geht es gar nicht. Man muss sagen: Ich will die killen. Wenn die Freie Szene diese partisanenhafte Aggression nicht hat, kann sie sich gleich verbeamten lassen. Der radikale Bruch in meiner Biografie, als meine Inszenierungen verboten wurden, das war wichtig. Ich habe mir noch mal das Video von „Othello“ angeschaut, die Aufführung ist 1982 nach der Premiere in Anklam verboten worden. Ich war echt erstaunt, was man damals gemacht hat, mit Silvia Rieger, Hendrik Arnst, Horst Günter Marx.

tip Jetzt reden Sie wie ein alter Mann, der sich über die Heldentaten seiner Jugend freut.
Frank Castorf Ist ja auch so. Wenn ich die alten Inszenierungen heute sehe, bin ich wirklich erstaunt. Aber nicht nur bei meinen eigenen Sachen. Eine Inszenierung wie „Leonce und Lena“, die Jürgen Gosch 1978 hier an der Volksbühne gemacht hat, bevor er rausgedrängt wurde und in den Westen ging – das war atemberaubend. Ein großes Kunstwerk, nicht nur ein Zeitzeichen.

tip Sie inszenieren Malapartes „Kaputt“. Der grelle Kolportage-Roman, erschienen 1944, zeigt ein düster schillerndes Panorama Europas am Ende des Zweiten Weltkriegs. Was interessiert Sie daran?
Frank Castorf Was Malaparte schreibt, ist eine provozierende Literatur, die nicht aufarbeiten will, die sich auch nicht den Aporien des Holocaust stellt. Das Warschauer Ghetto kommt in Malapartes Roman vor, aber noch nicht die industrialisierte Massenvernichtung von Millionen Menschen. Er geht mit dem schwarzen Engel der SS durch das Ghetto in Warschau und sagt, früher lebten hier 200?000, jetzt vegetieren hier anderthalb Millionen Juden. Er sieht dieses Grauen, aber er kann wieder gehen. Er hat kein Geld dabei, keine Zloty, er schenkt einem hungernden Mädchen seine kubanische Havanna, ein Sinnbild der Dekadenz.

Volksbühnen-Inszenierung ?

tip Malaparte war Kriegsreporter, er beschreibt den Krieg als „objektive Landschaft“, aber er genießt auch die mondänen Salons, die Bankette, die Herrenreiter-Perspektive auf den Krieg.
Frank Castorf Ja, das Essen, die Dekadenz, sein enzyklopädisches Wissen um die Malerei, die Musik – das trifft auf die härteste Gefährdung und Barbarisierung des Menschen. Das ist etwas, was Malaparte mit einer schockierenden Schnitt-Technik der Ästhetisierung macht. Adorno sagte, nach Auschwitz könne man keine Lyrik mehr schreiben. Das stimmt offenbar nicht. Vielleicht sind es diese Gebiete des absoluten Tabubruchs eines Malaparte, die uns überhaupt noch wachrütteln können. Malapartes nächster Roman nach „Kaputt“ hieß „Die Haut“, und das ist das Einzige, was wir wirklich haben, unsere Haut. Wenn es uns an die Haut geht, egal wie, werden wir stark sensibilisiert. Das ist besonders und wieder zu entdecken. Es gab ja die Wellen der Malaparte-Rezeption. In den 40er-, 50er-Jahren war „Kaputt“ ein europäischer Bestseller. Die letzte Malaparte-Wiederentdeckung hat Heiner Müller angestoßen, als er 1989 über Malapartes Frontberichte geschrieben hat. Müller interessiert, was der Marxist Karl Korsch, ein Freund Brechts, über den Zweiten Weltkrieg, den „Blitzkrieg“ schreibt: Das sei „gebündelte linke Energie“. Diese Sicht des Krieges findet Müller bei Malaparte, der Maschinenkrieg als Fortsetzung der Industriearbeit. Das ist die Figur des Arbeiters bei Ernst Jünger.

tip Ist es auch ein Roman darüber, wie zerbrechlich Zivilisation ist?
Frank Castorf Ganz bestimmt. Wir erleben wieder die europäische Burg-Mentalität. Das ist ein Cйline-Gedanke: Wir in der Burg Europa müssen zusammenhalten, gegen den Ansturm des Asiatischen, des Anderen, des Afrikanischen, des Hebräischen, des Russischen. Das zu sagen gehört sich nicht, aber genau das macht Europa. Notfalls werden seltsame Figuren, zum Beispiel in der Ukraine, mit dem Adelsschlag zu demokratischen Rittern erhoben, wenn wir glauben, dass sie uns gegen diesen Ansturm nützen. Wir leben nicht mehr in der alten Ordnung der Pole Washington?–?Moskau. Dieser Zustand war furchtbar, aber die Welt war geordnet. Jetzt erleben wir im Prinzip einen Zustand des permanenten Weltkrieges. Der Krieg, zum Beispiel um die Ressourcen, hat nie aufgehört. Man sieht Soldaten und weiß nicht, ob man auf einer Modemesse ist. Die Camouflage-Hosen, die Ray-Ban-Sonnenbrillen, die Fahrzeuge – alles ist auch Design, Lifestyle, Pop. Der Krieg ist schick und die Mode ist militärisch. Gleichzeitig ist Krieg härteste menschliche Realität, in der Frauen, Kinder, Männer, Alte umkommen, auch direkt an den Grenzen Europas. Desto mehr umkommen, desto stärker wird sich diese Burg Europa abschotten. Dieser scheinbare Frieden, in dem wir leben, solange wir die Augen zumachen und die Zugbrücke hochgezogen bleibt, ist sehr fragil. Wir wissen nicht, ob die vielen kleinen und großen Brandherde zum Flächen­­brand werden, auch durch die Entflammbarkeit des Treibstoffs des Glücks, des Goldes, des Erdöls.

tip Das Erdöl war ja auch Ihre Übersetzung für das Gold des Nibelungen-Schatzes, als Sie in Bayreuth den „Ring“ inszeniert haben.
Frank Castorf Ja, das war nicht uninteressant, da zu arbeiten. Ich mag es ja sehr, mit Leuten, die in diesen Grenzbereichen leben und denken, so etwas zu machen. Das Schöne war, dass man das nicht irgendwo marginal machen konnte, sondern an einem zentralen Haus. Aber ich glaube, man muss sich der Oper wohldosiert nähern, wenn man nicht gerade Ruth Berghaus ist.

tip In der letzten Spielzeit hat sich der Regisseur Vegard Vinge im Prater eingeschlossen, das gesamte Gebäude mit großem Aufwand umgebaut und dann die geplante Aufführungsserie nach ein paar Vorstellungen abgebrochen. Darüber dürften Sie sich als Intendant nicht besonders gefreut haben. Was fasziniert Sie so an Vinges Extrem- und Exkrement-Kunst?
Frank Castorf Ich bin ja nicht der typische Intendant, der sich jeden Tag Gedanken um seine Belegschaft macht. Ich habe mal gesagt, ich bin nicht nur ein guter Vater. Aber manchmal ist es auch gut, wenn man den Vater nicht zu oft auf der Pelle hat. Vinges Exerzitien finde ich wichtig und etwas Besonderes. Ich hoffe, dass uns Vinge irgendwann etwas zeigen wird, was wieder andere Zeit-Raum-Dimensionen von Theater erfahrbar macht. Vielleicht muss man so unabhängig sein wie Vinge, jemand, der aus einem Land kommt, das den Krieg und die Deutschen erlebt hat, Norwegen. Wowereit sagt zu mir, Frank, sei mir nicht böse, aber irgendwann muss Theater doch auch mal spielen und zu sehen sein. Ich sage, im Prinzip hast Du recht, aber wenn man aus Norwegen kommt und wirklich Avantgardist ist, dann, glaube ich, nicht unbedingt. Wowereit hat gelacht, aber er ist als Regierender Bürgermeister wahrscheinlich anderer Meinung.

Interview: Peter Laudenbach

Foto: Thomas Aurin

Kaputt Volksbühne, Mitte, Do 30.10., Sa 1.11., Sa 8.11., ­19 Uhr, Karten-Tel.: 24 06 57 77

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