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„Wir haben sie so geliebt, die Revolution“- Ein Gespräch mit Regisseur Alexander Karschnia

In einem Jahr mit 50 Jubiläen fragt die andcompany nach den besten postrevolutionären Depressionen und deren Gegenteil bei Invisible Republic: #stilllovingtherevolution. Ein Gespräch mit Regisseur Alexander Karschnia

Foto: Helen Jilavu

tip Entschuldigung, Herr Karschnia, aber der Untertitel Ihrer neuen Arbeit klingt schon etwas nach Kitsch und Nostalgie: „Still­lovingtherevolution“. Was für eine Revolution lieben Sie denn immer noch?
Alexander Karschnia Natürlich ist 2018 ein besonders nostalgisches Jahr, voller Revolutionsjubiläen: 50 Jahre ’68, 100 Jahre Novemberrevolution, 200. Geburtstag von Karl Marx. Wir beziehen uns auf einen Satz von Dany Cohn-Bendit: „Wir haben sie so geliebt, die Revolution.“ Das ist ja eine gängige Narration der 1968er, die ihre revolutionären Jugendsünden als Liebestäuschung ausgeben. Stellt sich die Frage, ob man mit dem Liebesverzicht leben will oder sich ein neues Liebesobjekt sucht, um mit seiner postrevolutionären ­Depression umzugehen. Das Schwelgen in linker Melancholie ist eine sehr männliche Perspektive. Für viele Frauen bedeutet ’68 nicht das Ende, sondern einen Neubeginn: Was mit dem Tomatenwurf einer Aktivistin auf einen SDS-Mann begann, war die zweite ­Welle der Frauenbewegung, exakt 50 Jahre nach der Einführung des Frauenwahlrechts durch die Novemberrevolution. Wie sieht es heute, weitere 50 Jahre später aus? Stimmt es, dass die einzige erfolgreiche Revolution des letzten Jahrhunderts die des Feminismus war?

tip Was geschieht in Ihrer Inszenierung?
Alexander Karschnia Inspiriert hat uns die Anekdote, dass Cohn-Bendit auf die Frage, was er nach dem Pariser Mai als nächstes tun werde, geantwortet hat: „Einen Western drehen mit Godard.“ Godard wusste davon nichts, als er darauf angesprochen wurde, sagte er nur: „Western? Non. Cohn-Bendit? Oui.“ Daraus entstand der Film „Le Vent d’Est“, allerdings beschränkte sich Cohn-Bendits Beitrag darauf, vormittags Vollversammlungen abzuhalten. Wir haben auch viele Vollversammlungen abgehalten. Und wir haben gedreht: Wir waren mit der Videokünstlerin Kathrin Krottenthaler in Frankfurt, an der deutsch-französischen Grenze und in Sofia, wo 1968 ziemlich turbulente Weltfestspiele der Jugend stattgefunden haben. Auf der Bühne sind Nina Kronjäger, Mira Partecke, Claudia Splitt und Marianna Senne, die sich historische Figuren aneignen wie historische Kostüme. Diese Kostüme werden ziemlich schnell wieder ausgezogen, sie reden, singen und spielen zusammen die ­postrevolutionäre Depression durch, die alle Nachgeborenen befällt, denen man eingetrichtert hat, nach 1968 könne nichts mehr kommen.
Diese Mythen werden schnell entsorgt, zusammen erproben sie „neue Beziehungsweisen“ in einer Art Kommune. Die Idee dazu kam von einer Frau, die wir nur als Frau von Rudi Dutschke kennen: Gretchen Dutschke-Klotz. Allerdings wurde ihr die Idee von einem Mann (Dieter Kunzelmann) geklaut, so dass sie mit ihrer Familie nicht in die Kommune 1 einzog. Im Bühnenbild von Janina Audick bereiten sie sich darauf vor, auf die Straße zu gehen und reisen durch 100 Jahre Revolution, von der Novemberrevolution über ’68 und den Fall der Mauer bis heute: Götterdämmerung, 5. Akt.

tip Wo genau liegt die „unsichtbare Republik“?
Alexander Karschnia Im Keller einer Kommune, wo eine Gruppe von vier Frauen die alten, bösen Lieder neu vertont, wie einst Bob Dylan mit seiner Band. Zu diesen Liedern gehören heute natürlich auch seine Songs. Wir erleben eine Zeit, die viele Parallelen zu den 1960ern aufweist – die „Black Lives Matter“-Demonstrationen sprechen eine deutliche Sprache.

tip Zufall, dass der Titel „Stilllovingtherevolution“ auf Vergangenheit und trotzig bewahrte Erinnerung verweist?
Alexander Karschnia Ich bin gespannt, wie in dieser Stadt die Erinnerung an den 9. November 1918 begangen wird, dem verpassten Frühling des 20. Jahrhunderts. Das ist das Datum des Mordes an Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg. Rosa hat die Revolution auch so geliebt – die russische. Allerdings nicht jene der Bolschewiki von 1917, sondern jene von 1905. Dort erlebte sie die Räte, Sowjets, Organe kollektiver
Selbstermächtigung, ziemlich modern. Leider wollte das damals in der SPD niemand hören.

tip Sie zitieren die an Kommunismus und Queerness interessierte Theoretikerin Bini Adamczak mit einem prinzipiellen Statement zur neuen Formen der Revolution: „Während 1917 auf den Staat fokussierte, zielte 1968 auf das Individuum. In Zukunft müsste es darum gehen, die Beziehungsweisen zwischen den Menschen in den Blick zu nehmen.“ Genau das ist Facebook, der Ideologie der Selbstoptimierung und dem Mantra des unternehmerischen Selbst hervorragend gelungen. Waren die letzten erfolgreichen Revolutionen, die „Beziehungsweisen zwischen den Menschen“ verändert haben, Social Media und Neo­liberalismus?
Alexander Karschnia Der Neoliberalismus war eine Konterrevolution: Eine Umwertung aller Werte der 1968er. Sie konnte nur erfolgreich sein, weil sie sich ­bestimmte Forderungen zu eigen machte und damit andere verdrängte: individuelle Autonomie versus kollektive Handlungsfähigkeit. Dass es Facebook so gut gelingt, aus unseren persönlichen Beziehungen Kapital zu schlagen, liegt daran, dass im Austausch zwischen Menschen der ­gesamte gesellschaftliche Reichtum steckt. Im digitalen Zeitalter verstehen wir Marx besser, wenn er vom zentralen Widerspruch zwischen gesellschaftlich produziertem Reichtum und privater Aneignung spricht.

tip Ist der Begriff der „Revolution“ völlig entleert, wenn er zur Lieblingsvokabel der Werber degeneriert ist – von „Die leise Revo­lution“ (BMW), „Die grüne ­Revolution“ (Siemens) oder „The experience ­revolution“ (IBM) bis zu diversen Revolutionen der Unterhaltungselektronik, der Körperhygie­ne oder der Kaffee-Zubereitung?
Alexander Karschnia Das ist nicht neu. Das Kapital liebt die „kreative Zerstörung“, die Markteroberung. Ihr „Sturm auf den Winterpalast“ sind die Massen, die das Kaufhaus stürmen, um das neue ­iPhone zu kaufen. Rosa Luxemburg hat früh damit abgerechnet. Revolution wird nicht von oben verordnet, sie kommt von unten: Schwimmen lernt man nur im Wasser. Emanzipation ist ein allgemeiner Lernprozess, in dem sich alle Beteiligten verändern, gerade auch die, die ihn begonnen haben.

tip Wenn man unter Revolution keine Produkt-Innovation, sondern den grundlegenden politischen Umsturz einer Gesellschaftsordnung versteht, muss man davor in ­Zeiten einer aggressiven Neuen Rechten nicht eher Angst haben?
Alexander Karschnia Allerdings. Wenn es stimmt, dass gerade die Macht auf der Straße liegt, sollte sich die ­Zivilgesellschaft schleunigst aufmachen, zu verhindern, dass die Falschen sie in die Hände kriegen. Wir sind zwar nicht die 99 Prozent, wie es die occupy-Bewegung behauptete, aber wir sind viele, 80 Prozent der Gesellschaft, die etwas anderes wollen: eine Demokratisierung der Demokratie.

HAU 2 Hallesches Ufer 32, Kreuzberg, Fr 12.10., Mo 15.10.,19 Uhr, Sa 13.10., 20.30. Uhr, So 14.10., 17 Uhr, Karten 13 €

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