Kultur & Freizeit in Berlin

Interview mit dem Staatsoper- Intendanten Jürgen Flimm

Jürgen Flimm, neuer Intendant der Staatsoper, über den Umzug ins Schillertheater, seine Pläne für die Spielzeit und Christoph Schlingensiefs Tod

SchillertheaterSie waren Intendant an großen Theatern und haben wichtige Festivals geleitet, zuletzt die Salzburger Festspiele. Sie müssen niemandem mehr etwas beweisen. Weshalb tun Sie sich die Mammutaufgabe an, als neuer Intendant die für drei Jahre ins Schillertheater umgezogene Staatsoper zu leiten?
JÜRGEN FLIMM?Ich tue mir hier gar nichts an, ich finde das ja schön. Ich habe den wunderbaren Barenboim an meiner Seite, mit dem ich schon seit langer, langer Zeit befreundet bin. Wir haben vor Kurzem das Haus eröffnet  und es war erstaunlich, wie viele Leute gekommen sind und sich gefreut haben, dass das Schillertheater wieder bespielt wird. Die Nachbarschaft ist schön, zur Schaubühne sind es zehn Minuten mit dem Fahrrad, die Deutsche Oper ist in der Nachbarschaft. Es wird vielleicht ein bisschen dauern, aber wir werden uns hier sicher nachhaltig erkennbar machen. Wir müssen halt gut sein, dann kommen die Leute schon.


Die Staatsoper mit ihrer schönen nachgemachten Knobelsdorff-Architekur war etwas plüschig und sehr gediegen. Das Schillertheater mit seiner Nachkriegsmoderne wirkt da ein bisschen sachlicher, oder?
Das ist ein Juwel der Fifties, das jetzt sehr liebevoll restauriert wurde. Wir fühlen uns im Augenblick hier alle sehr wohl. Der Zuschauerraum hat eine ganz tolle Akustik, wie wir mit großer Freude feststellen konnten.


Was haben Sie sich vorgenommen für diese drei Jahre im Schillertheater?

Wir wollen versuchen, das Opernhaus ein bisschen in die Moderne zu schieben. Deshalb fangen wir mit einer Uraufführung an.  Danach kommt das „Rheingold“ und „Rake’s Progress“, was eines der zentralen Stücke der Moderne ist.


Sie setzen nicht nur Opern der klassischen Moderne auf den Spielplan, Stravinsky, Berg, sondern auch Werke der Neuen Musik: Henze, Mauricio Kagel, Eötvös. Mutig.
So mutig ist das nicht. Dafür gibt es ein Publikum, da bin ich sicher. Wir haben die kleine Werkstatt revitalisiert. Dort finden viele Inszenierungen zeitgenössischer Musik statt.


Die erste Premiere, die Uraufführung von Jens Joneleits Oper „Metanoia – über das Denken hinaus“ nach Texten von Renй Pollesch sollte Christoph Schlingensief inszenieren. Unmittelbar vor Probenbeginn ist er gestorben. Wie sind Sie mit dieser Situation umgegangen?

Der Tod von Christoph Schlingensief, diesem großen Künstler, hat uns alle mit Trauer erfüllt. Ja, wie geht man um mit so einer Situation? Wir waren wirklich sehr ratlos. Wir konnten ja schlecht irgendeinen anderen Regisseur anrufen und fragen, ob er das jetzt macht. Das wäre ziemlich würdelos und respektlos Schlingensief gegenüber, abgesehen davon, dass so ein Angebot kein ernst zu nehmender Regisseur annehmen kann. Wir haben eine Woche Trauerzeit verstreichen lassen, danach haben sich alle an der Produktion Beteiligten zusammengesetzt, die Sänger, Barenboim, Schlingensiefs Team, der Komponist, und gesagt, wir wollen versuchen, das zusammen hinzukriegen, im respektvollen Angedenken an den Christoph. Das Bühnenbild war schon im Bau. Wir haben das nicht weiterbauen lassen, sondern die Bühne so gelassen, wie sie war. Wir zeigen sozusagen das, was war, was Christoph Schlingensief wollte, bevor er gestorben ist. Es ist nicht komplett, wir tun nicht so, als könnten wir seine Arbeit machen. Das Schöne ist, wie alle in der Arbeit jetzt zusammenwachsen, ohne Kräche und ohne falsche Reviereifersüchteleien, das ist etwas Besonderes. Da hat Schlingensief noch einmal einen guten Zusammenhalt gestiftet.


Staatsoper_im_SchillertheaterSie selber inszenieren in dieser Spielzeit nur ein kleines, offenbar verspieltes Satie-Projektlein mit dem neckischen Titel „Wissen Sie, wie man Töne reinigt?“. Verstehen Sie sich inzwischen vor allem als Intendant und Kulturmanager und nur noch nebenberuflich als Gelegenheitsregisseur?
Zu inszenieren ist mir irrsinnig wichtig, ich mache das auch sehr, sehr gerne. Aber dafür fehlt im Augenblick einfach die Zeit. Was wir hier vorhaben, ist schon eine ziemliche Herkulesarbeit. Wir haben 16 Premieren in der ersten Saison, das ist viel Arbeit. Ich kann es mir hier nicht leisten, mich für sechs Wochen aus dem Betrieb zu ziehen und auf der Probebühne zu verschwinden.


Sie haben vor vielen Jahren in Hamburg einen Studiengang für junge Regisseure ins Leben gerufen. Zwei der Studenten waren Falk Richter und Nicolas Stemann. Beide inszenieren inzwischen auch Opern. Haben Sie die schon eingeladen, an der Staatsoper zu inszenieren?
Ich bin mit beiden im Gespräch, sicher. Stemanns „Kontrakt des Zeichners“ ist eine absolut überwältigende, tolle Aufführung. Und „Trust“ von Falk Richter an der Schaubühne hat mir sehr gut gefallen.


Wie geht es Ihnen eigentlich als rheinische Frohnatur in so einer eher rüden Stadt wie Berlin?

Ich bin gar keine rheinische Frohnatur. Nur weil ich manchmal gute Laune habe, wird das immer behauptet. Berlin finde ich bis jetzt gar nicht rüde. Und wenn es rüde wird, kann ich mich auch wehren. Dann ist die Frohnatur schnell verschwunden.    

Interview: Peter Laudenbach
Fotos: Thomas Bartilla


Metanoia

?Staatsoper im Schillertheater, Bismarckstraße 110
Termine: 3., 6., 8., 10.10., ?19 Uhr, 12., 16.10., 19.30 Uhr
Spielplan unter: www.staatsoper-berlin.org

 

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