INTERVIEW

»Wir sind der Ku’damm«

Intendant Martin Woelffer über den Abriss seiner Traditionsbühnen am Kurfürstendamm,
das Versagen der SPD-Kulturpolitik und seine Pläne für die „Komödie am Kurfüstendamm im Schillertheater“ Interview: Friedhelm Teicke

Die 100 Jahre alten Theater am Kurfürstendamm sind Geschichte, im Juli hat der Abriss begonnen. Immerhin: eine neue Bühne wird im Neubau entstehen, in der Zwischenzeit spielt die Komödie am Ku’damm, die ­Martin Woelffer in dritter Genera­tion leitet, im Schillertheater.

Martin Woelffer im Saal des Schillertheaters – temporärer Spielort seiner Komödie am Kurfürstendamm – Foto: Michael Petersohn / www.polarized.de

Herr Woelffer, für die Theater am Kurfürstendamm gibt es nach langem Bangen nun eine Perspektive. Wie sehr aber schmerzt der Verlust der alten Bühnen weiterhin?
Diese Wunde wird vermutlich immer bleiben. Ebenso das Unverständnis darüber, wie die Berliner Politik es 15 Jahre lang versäumt hat, hier klare Verhältnisse und Vorgaben zu schaffen. In anderen Städten wäre es gewiss nicht möglich, zwei Max-Reinhardt-Theater abzureißen. In Wien etwa würde der Bürgermeister geteert und gefedert werden. Erst der Kultursenator Klaus Lederer, der ja von seinen Vorgängern die Situation geerbt hat und den Abriss nicht mehr verhindern konnte, hat einen Kompromiss ausgehandelt, der uns ein Weitermachen ermöglicht: Der Investor Cells Bauwelt wird für uns ein neues Theater am Kurfürstendamm bauen, in der Zwischenzeit bespielen wir das Schillertheater. Für diesen Kompromiss sind wir dankbar.

Doch die alten, vom Theaterarchitekten Oscar Kaufmann errichteten Bühnen sind unwiederbringlich zerstört. Viele der Politiker, die das verbockt haben, waren häufig zu Gast in Ihrem Theater. Hat ein Klaus Wowereit zukünftig Hausverbot?
Nein, aber ärgerlich bleibt, dass bei ­diversen Sitzungen des Kulturausschusses im Berliner Abgeordnetenhaus und der BVV von Charlottenburg-Wilmersdorf klare und einstimmige Beschlüsse für den Erhalt der Bühnen abgegeben wurden, die dann aber durch irgendwelche parteipolitischen Querelen nie umgesetzt wurden. Gleichzeitig hat man sich einen möglichen Denkmalschutz bereits Ende der 1990er-Jahre vergleichsweise billig abkaufen lassen. Somit ist auch klar, warum der Berliner Senat nie wirklich um den Erhalt der Bühnen gekämpft hat.

Das Ergebnis solch uninspirierter Stadtplanung nach Investorenlogik ist am Niedergang des Ku’damms zur bloßen Einkaufsstraße zu spüren.
Und auch darauf müsste die Politik achten: Soll ein Boulevard wirklich funktionieren, dann ist er mehr als eine Einkaufsstraße. Hier muss alles stattfinden: Kultur, Gastronomie, Einzelhandel. Wenn es immer nur danach geht, wer am meisten Miete zahlen kann, dann sieht es hier bald aus wie überall: die immer gleichen Franchise-Läden an jeder Ecke. Deswegen ist es ein Riesenerfolg, dass nun am Kurfürstendamm ein neues Theater entsteht.

Aber vermutlich mit einer anderen Atmosphäre als die plüschig-raffinierten Oscar-Kaufmann-Bühnen?
Es soll schon wieder ein klassischer Theaterraum werden, mit Guckkastenbühne und in den klassischen Theaterfarben, hell, dunkelrot und gold. Aber was die Technik angeht natürlich auf dem modernsten Stand, auch die Sitzabstände werden größer sein. Was wir aber auf jeden Fall in den neuen Saal hängen werden, ist der alte Kronleuchter, dazu auch das eine oder andere Detail, das wir vor dem Abriss gerettet haben.

Zunächst zieht der Ku’damm aber mit Ihnen an die Bismarck­straße, ins große Schillertheater. Was bedeutet das für Sie?
Das ist eine tolle Herausforderung. Das Schillertheater ist eine fantastische Bühne – allerdings deutlich größer als unsere alten Theater. Wir haben hier die Chance, großformatiger zu arbeiten. Was wir selbstbewusst sagen ist: „Wir sind der Kurfürstendamm“ – wenn wir an die Bismarckstraße ziehen, dann ist der Kurfürstendamm hier.

Alter Westen ist es sowieso, hier wie da.
Ich habe tatsächlich das Gefühl, dass es West und Ost in Berlin nicht mehr gibt. Unser Publikum ist sehr gemischt und kommt aus allen Ecken der Stadt – dazu natürlich auch Touristen. Wir machen modernes Boulevardtheater für Jung und Alt. Sowieso sind die heutigen Älteren ja die 68er-Generation. Die waren mal sehr progressiv und sind heute nicht konservativer geworden, nur weil sie älter geworden sind. Die klassischen Wilmersdorfer Witwen gibt es nicht mehr. Aber neulich in der U-Bahn haben zwei ältere Frauen sehr vom Leder gezogen, gar nicht schön und sehr rassistisch – da saßen sie auf einmal wieder.

Eröffnet wird die nun etwas sperrig „Komödie am Kurfürstendamm im Schillertheater“ genannte Bühne am 23. September mit der Komödie „Willkommen bei den Hartmanns“. Ist das als möglichst konfliktfreie Brücke zum neuen Standort gedacht?
Das Stück ist ein modernes Boulevardstück und ein gutes Beispiel für den Spielplan, den wir schon einige Jahre erfolgreich pflegen: eine Komödie, die ein sehr heutiges und sehr ernstes Thema anpackt. Sie basiert auf dem gleichnamigen Kinofilm, wird aber in Berlin spielen und aktuelle Entwicklungen aufgreifen. Gesine Cukrowski und Rufus Beck spielen das Ehepaar Hartmann, das einen Flüchtling bei sich aufnimmt.

Eröffnungspremiere: „Willkommen bei den Hartmanns“ mit Jonathan Beck, Rufus Beck, Pia-Micaela Barucki und Mike Adler (v.l.n.r.) – Foto: Michael Petersohn / www.polarized.de

Eine Verbindung zwischen den Ku’damm-Bühnen und dem Schillertheater ist Katharina Thalbach, seit langem immer wieder Protagonistin Ihrer Bühnen, die ihre erste Arbeiten als Regisseurin Mitte der 80er-Jahre am Schillertheater gezeigt hatte.
Katharina Thalbach hatte bei uns nach der Abwicklung des Schillertheaters eine neue Heimat gefunden. Nun ist ihre Freude riesig, mit uns wieder auf diese Bühne zurückkehren zu können. In Coline Serreaus Neuinszenierung der legendären Produktion „Hase Hase“ spielt sie nach 27 Jahren noch einmal die Titelrolle. Das ist für mich eine schöne Brücke zum Schiller Theater von damals.

Aber reicht eine bloße Reminiszenz für ein modernes Unterhaltungsthea­ter?
Natürlich würde das allein nicht genügen. Doch wenn man die Chance hat, ein so tolles Stück mit der großen Thea­terfamilie Benno Bessons zu verwirklichen, ist das eine echte Sensation. Ich freue mich sehr darauf. Aber natürlich wird Kathi hier auch neue Produktio­nen inszenieren, in denen sie auch auftreten wird.

Auch sonst gibt es viele alte Bekannte vom Ku’damm, von Jochen Busse über Oliver Mommsen bis Gayle Tufts.
Ja, es wäre dumm von uns, uns neu zu erfinden. Aber die Schiller Theater-Bühne bietet einiges mehr als unsere bisherigen Bühnen. Das sehen wir als Chance. Wir werden interessante Gastspiele zeigen und zum Beispiel mit Sasha Waltz und dem Staatsballett zusammenarbeiten. Das Schiller Theater war ja tatsächlich West-Berlin, es war das Staatstheater! Das ist schon lange vorbei. Jetzt machen wir das Haus wieder zum Sprechtheater. Boulevard­theater, wie wir es verstehen, ist modernes Unterhaltungstheater, das sehr heutige, auch kontroverse Themen aufgreift. Freuen Sie sich drauf.

Eröffnungspremiere „Willkommen bei den Hartmanns“: So 23.9., 18 Uhr, Komödie am Kurfürstendamm im Schillertheater, Bismarckstr. 110, Charlottenburg, Eintritt 24–47 €

Willkommensfest am So 16.9., ab 17 Uhr, Moderation: Johannes B. Kerner, mit Katharina Thalbach, Gesine Cukrowski, Walter Plathe, Rufus Beck, Klaus Hoffmann, Quatis Tarkington, Eintritt frei
www.komoedie-berlin.de

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