Kino & Film in Berlin

„Wir sitzen im Süden“ im Kino

Fernbeziehung: Eine Dokumentation über Deutsch-Türken in Istanbul, die sich nach Deutschland sehnen.

Wir sitzen im Süden

„Ich habe in meinen Adern türkisches Blut, aber in meiner Seele habe ich Deutschland.“ Fatos Yildiz (43) ist im Schwarzwald aufgewachsen und wurde von den Eltern als 18-Jährige gegen ihren Willen in die Türkei geschickt. Heute kann Yildiz nur noch mit einem Besuchervisum nach Deutschland reisen, doch die einstige Heimat bleibt das Land ihrer Wunschträume: Auch das Visum auf Zeit wird mit Freudentänzen gefeiert.
Zwei der drei anderen Protagonisten, die Regisseurin Martina Priessner für ihre unkommentierte Dokumentation „Wir sitzen im Süden“ in einem deutschsprachigen Call-Center in Istanbul gefunden hat, geht es nicht anders: Murat Demirel (39) teilt das Schicksal von Yildiz und vermisst als Homosexueller vor allem die gesellschaftlichen Freiheiten Deutschlands, seine Wohnung nennt er „50qm Deutschland“. Bülent Kubulu (30) wurde mit Ende Zwanzig aus Deutschland ausgewiesen, heute sitzt auch er in
Istanbul und fühlt sich ohne Freunde völlig fremd. Nur die gut ausgebildete Cigdem Özdemir (33) besitzt noch ihren deutschen Pass und ist freiwillig in der Türkei. Heimisch ist sie dort jedoch auch nicht wirklich.
„Wir sitzen im Süden“ ist ein eindringlicher Beitrag zum Thema Heimat geworden. Und Heimat, das ist eben schon längst nicht mehr das Herkunftsland der Vorfahren, sondern die Gesellschaft, in der man sozialisiert wurde. Eine Erkenntnis, mit der sich konservative deutsche Politiker bekanntlich noch immer sehr schwer tun, wie die Reaktionen auf die eigentlich gar nicht so spektakuläre „Der Islam gehört zu Deutschland“-Rede des Bundespräsidenten unlängst zeigte. Umso bedeutsamer ist es, dies am Beispiel ganz realer Menschen immer wieder vor Augen geführt zu bekommen.

Text: Lars Penning

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Wir sitzen im Süden“ im Kino in Berlin

Wir sitzen im Süden, Deutschland/Türkei 2010; Regie: Martina Priessner; 88 Minuten; FSK k.A.

Kinostart: 11. November

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