Dokumentartheater

„Wo liegt der Osten? Kinder und Krieger“ im Gorki Studio

Seit gut zwei Jahren reist der Theaterregisseur Georg Genoux mit dem Kiewer Theatre of Displaced People durch Städte im Osten der Ukraine, um dort mit Jugendlichen zu arbeiten

Foto: LJUBOV DURAKOVA

In ihren Kunstprojekten in den Kriegsgebieten wird das Theater zum geschützten Raum, in dem die  Jugendlichen über ihre Erfahrungen des Krieges berichten können. Wie beeindruckend, nüchtern und reflektiert sie in diesen Theaterprojekten traumatische Erlebnisse verarbeiten, konnte man bei der Berlinale in Gennoux’ Dokumentarfilm „Shkola nomer 3“ sehen. „Auf unserer Bühne werden Schüler und Soldaten zu Helden ihrer eigenen Biografie. Wir entwickeln mit ihnen Texte, die die Geschehnisse verbalisieren, und präsentieren diese Texte einem Publikum, das durch den Krieg im eigenen Land direkt betroffen ist. In den Städten Popasna und Shastie, die sich nah an der Grenze zu den Separatisten befinden, hörte man auch während der Proben die Schusswechsel. In ­Popasna war es fast unmöglich nachts zu schlafen, da die Schusswechsel die ganzen Nächte über dauerten“, erzählt der Regisseur. Bei ihren Projekten arbeitet das Theatre of Displaced ­People intensiv mit erfahrenen Kriegspsychologen aus der Ukraine zusammen.

„Oft reisen wir mit diesen Projekten aus dem Osten in den Westen der Ukraine. Mir wurde dabei bewusst, wie fremd sich Menschen aus dem Westen und Osten der Ukraine sind, was bei jetzt schon fast zwei Millionen Binnenflüchtlingen ein großes neues Konfliktpotential bedeutet“, berichtet Genoux. „Ich habe so viele Menschen getroffen, die in ihrer Heimat alles zurücklassen mussten und sich nun im Westen der Ukraine eine neue Existenz aufbauen müssen. Ich denke, dass das Theater der ideale Ort ist, um soziale Kontakte zu knüpfen, Traumata zu bearbeiten und auch neue Perspektiven zu erarbeiten. So entstand das Theatre of Displaced People. Sicher wäre es das Beste, wenn es unser Theater gar nicht geben würde bzw. so schnell wie möglich schließen würde, weil seine Tätigkeit nicht mehr notwendig wäre. Aber die Realität ist anders. In der Ukraine gab es 25 Jahre lang keinen Dialog zwischen Ost und West, was letztlich die Möglichkeit bot, dass Russland diesen Krieg in der Ukraine entfachen ­konnte.“ Jetzt müsse man aufwachen und die Situation ändern, einen Dialog beginnen. Auch davon handelt Genoux’ Inszenierung.

Gorki Studio Am Festungsgraben 2, Mitte, Do 20., Fr 21.4., 20.30 Uhr, Eintritt 10/ erm. 5 €

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