Berlinale 2016

Woche der Kritik

Mit einer Woche der Kritik wollen junge Aktivisten nicht so sehr die Berlinale angreifen als vielmehr ?den Betrieb reflektieren: ein Gespräch mit Frédéric Jaeger und Dennis Vetter über Ziele und Konzepte

Frйdйric Jaeger und Dennis Vetter

Frйdйric Jaeger und Dennis Vetter bilden gemeinsam mit Djuna Bialas, Lukas Foerster und Michael Kienzl das Team der „Woche der Kritik“, das auch für die Auswahl der Filme verantwortlich ist. Aktivismus, Genre, Widerstand, Lust, Provokation, Status, Kontroverse lauten die Stichworte, unter denen die sieben Programme stehen. Zu jedem Film soll es ausführliche Diskussionen geben. Die regisseure der ausgewählten Filme sind zum Teil gut bekannt (Johnnie To), zum Teil aber auch Entdeckungen (Bernard Йmand) oder im weiteren Sinne Kollegen (Kevin B. Lee). Die Woche der Kritik findet vom 5. bis 12.2. im Kino Hackesche Höfe statt und wird vom Verband der deutschen Filmkritik und von der Heinrich-Böll-Stiftung getragen. Beginn der Vorführungen ist jeweils um 20.30 Uhr.

tip Herr Jaeger, Herr Vetter, wie kam es, dass Sie während der Berlinale eine „Woche der Kritik“ ausrufen, die wohl auch als ein (obzwar kleines) Gegenfestival wahrgenommen werden wird?
Frйdйric Jaeger Schon 1964 gab es einmalig eine Woche der Kritik. Damals haben Erika und Ulrich Gregor Filme gezeigt, die von der Berlinale abgelehnt worden waren. Ich habe in den letzten Jahren immer wieder von Kollegen gehört, man könnte doch zur Berlinale eine eigene Reihe veranstalten. Dieses Konzept einer Woche der Kritik haben wir auch im Gespräch mit Dieter Kosslick vorgebracht. Im Mai in Oberhausen haben wir dann entschieden, dass wir nicht darauf warten wollen, dass jemand uns das ermöglicht, sondern dass wir es einfach machen.

tip Sie sind unzufrieden mit der Berlinale?
Frйdйric Jaeger Das ist eigentlich nicht der Ausgangspunkt. Es ist nicht neu, dass die Filmkritik unglücklich ist mit der Berlinale, wo Ehrungen an Köche und Food-Aktivisten verliehen werden. Da gibt es sicher Differenzen. Aber wir sehen einen Bedarf, die Filmkultur als Ganzes infrage zu stellen, da ist die Berlinale nur ein kleiner Teil davon. Uns beschäftigt auch, wie Filme ins Kino kommen, welche Filme ins Kino kommen, welche produziert werden und vieles mehr.
Dennis Vetter Und dann interessiert uns natürlich: Wie kann man Filme kommunizieren in der Gesellschaft? Kritik muss wieder sichtbarer werden, muss den Menschen konkretere Anhaltspunkte geben. Das geht über Veranstaltungen im Kinosaal, das geht auch vom reinen Text weg, dass man selber Anschauungsbeispiele schafft, wie Filmkultur sich entwickeln kann.

tip Das Forum war ursprünglich ja auch eine Reihe, die als Kritik des Wettbewerbs der Berlinale gedacht war. Diese interne Differenzierung reicht jetzt nicht mehr?
Frйdйric Jaeger Das Festival versucht permanent Ausgleich zu schaffen, das ist in unserer Zeit der falsche Weg. Wir sehen uns eher als Alternative, nicht als Gegenentwurf, wir sind etwas Neues. Wir setzen nicht auf Premierenlogik, auf eine gewisse Form von Proporzdenken, auf Repräsentanz von Wellen.
Dennis Vetter Wir fällen sicher kein Pauschalurteil über die Berlinale. Das Festival gehört zum internationalen Kalender, der unterliegt gewissen Regeln, da sind die Möglichkeiten beschränkt. Wir wollen diese Regeln untersuchen. Unser Rahmen ist also weiter gefasst. Wir begreifen uns als Ort der Solidarität, an dem sich ein internationales Netzwerk bilden kann, das Routinen in der Festivalwelt hinterfragt, indem es Gegenmodelle entwickelt in einem kleinen, konzentrierten Rahmen. Sieben Programme, jeweils drei, vier Stunden, das ist viel Zeit, um Dinge zu reflektieren.

tip Sie setzen also Konzentration gegen Aufblähung, wofür die Berlinale auf jeden Fall auch ein Beispiel ist. Können Sie ein, zwei konkrete Programmbeispiele nennen?
Dennis Vetter Da ist etwa ein Abend zu Im Kwon-taek, anhand dessen wir das Thema Status diskutieren wollen; der vielleicht bekannteste koreanische Regisseur mit seinem 102. Film, formal brillant. Man kann über Status in verschiedenen Kulturen nachdenken, aber auch, welche Deutungsmacht man durch jahrelange Sichtbarkeit erreichen kann. Das gilt ja auch für Kritiker und generell kulturelle Akteure.
Frйdйric Jaeger Die Berlinale hat den Status von Im Kwon-taek wesentlich mitbegründet, indem sie ihm 2005 einen Ehren-Bär verliehen hat. Unter dem Thema Widerstand zeigen wir Bernard Йmand, einen Regisseur aus Quebec mit einer Tschechow-Adaption. Eine langweilige Geschichte, ein unmerklicher Widerstand, der allen Bewegungen des Aufbäumens etwas Sanftes verleiht. Kino ist widerständig in seiner Form, weil es sich der Gefahr preisgibt, nicht wahrgenommen zu werden. Bernard Йmands Filme ??haben eine extreme Souveränität, die sehr wach macht, dabei aber nie effekthascherisch werden muss. Es geht um Widerstand gegen Kulturpessimismus, um eine Entscheidung für das Leben auch im Angesicht des Todes.

tip Sie zeigen auch „Die Lügen der Sieger“ von Christoph Hochhäusler, der offensichtlich auf anderen Festivals nicht zum Zuge kam.
Frйdйric Jaeger Wir nehmen den nicht, um zu zeigen, dass den andere hätten zeigen müssen. Hochhäusler überschreiben wir mit Kontroverse, wir zielen auf Spielarten des politischen Kinos ab. Wir haben über den Film auch unter uns am längsten debattiert.

tip Was bedeutet genau Aktivismus in einer „aktivistischen“ Filmkritik?
Dennis Vetter Aktivismus bedeutet die Verteidigung von Gedanken in der Kultur, das kann digital sein oder ganz konkret. Ich begreife das als Frage meiner Generation. Ich stimme zu, das ist gerade sehr schwer zu definieren: Wie verhalten sich Leute konkret politisch? Wie entstehen Informationsnetzwerke? Da entstehen gerade sehr viele. Wie entsteht daraus kulturpolitische Relevanz? Das zu untersuchen, ist Aktivismus.

tip Es ist das Schicksal alternativer Modelle in unserer Kultur, dass sie irgendwann Mainstream werden. Können Sie ausschließen, dass Sie in 15 Jahren selbst Berlinale-Direktoren sind?
Frйdйric Jaeger Wenn man einen Blick auf die politischen Entscheider wirft, dann kann man das wirklich ausschließen. Aber unabhängig davon möchte ich betonen: Die Grundstruktur unseres Handelns ist Unabhängigkeit.

Interview: Lars Penning, ?Bert Rebhandl

Fotos: Andreas Schöttke

Woche der Kritik findet vom 5. bis 12.2. im Kino Hackesche Höfe statt
und wird vom Verband der deutschen Filmkritik und von der
Heinrich-Böll-Stiftung getragen. Beginn der Vorführungen ist jeweils um
20.30 Uhr.

Weitere Informationen: ?www.wochederkritik.de, www.critic.de, www.negativ-film.de

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