Konzept-Interview

Interview mit Wolfgang Müller – 60 Daten zum 60. Geburtstag – Teil 1

Elfenexperte, Genialer Dilletant und Chronist der West-Berliner Subkultur. Der Künstler, Musiker und Journalist Wolfgang Müller (Die Tödliche Doris) wurde am 24. Oktober 1957 geboren. Zum 60. Geburtstag haben wir ein Experiment gewagt und ihn mit 60 Daten aus seinem Leben konfrontiert. Heraus kam ein langes Gespräch über Kunst, Musik und die Stadt und über Fußball, Politik, Sprache, Wahrnehmung, Elfen, Bücher, Filme und vieles mehr. Wir sprachen über Spitznamen in der Grundschule, die CDU in Wolfsburg, ein Coming-Out, das es nicht gab, über den März-Verlag und natürlich über die 1980er-Jahre in West-Berlin, die Tödliche Doris und die Einstürzenden Neubauten, Kunstprojekte mit Nan Goldin, Inspirationen wie Kurt Schwitters, Dieter Roth und Valeska Gert, Kneipen wie das Risiko und das Kumpelnest 3000 und die neben West-Berlin zweite wichtige Insel in Wolfgang Müllers Leben, Island.

Wolfgang Müller: Jan Rickes 2015/ Archiv Wolfgang Müller
  1. 24. Oktober 1957 (Geburt in Wolfsburg)

Da ging der Sputnik hoch, zwar nicht am gleichen Tag, aber im selben Jahr. Deshalb bekam ich den Spitznamen „Sputnik“. Es war ein Schock für den Westen, dass die Russen früher im Weltall waren.

  1. August 1961 (Mauerbau)

Ich war knapp vier, hab nichts davon mitbekommen. Die Teilung Deutschlands wurde mir erst später bewusst. Eine Schwester meines Vaters schickte unserer Familie jedes Jahr Weihnachtspakete aus Magdeburg. Da waren tolle Bücher drin, Physik- und Biologiebücher, Nachschlagewerke oder dieser Pittiplatsch, den ich schon aus dem DDR-TV kannte. Die Bücher besitze ich teilweise heute noch. Deshalb habe ich mich immer über Post aus der DDR gefreut. Hingefahren sind wir allerdings nie.

  1. Herbst 1963 (Einschulung)

Meine Mutter behauptet, ich sei der einzige von über hundert Schülern gewesen, der den Einschulungstest 1963 fehlerfrei absolviert habe. Zuerst wollte man mich nämlich nicht einschulen, da ich körperlich noch nicht so weit sei. Als Schüler war ich ziemlich schüchtern, hatte wohl eine besonders schöne Stimme, das Vorsingen war mir allerdings peinlich. Im Musikunterricht durfte ich daher mit beiden Händen vor dem Gesicht singen.

  1. 1968 (Studentenproteste)

Anfang der 70er entdeckte ich die popgelben Bücher des März-Verlages. Ich las gern „Pardon“ und habe deshalb mal den Wiener Aktionisten Hermann Nitsch angeschrieben, weil ich mir unter dem Begriff „Kunstschlächter“ so gar nichts vorstellen konnte. Der schickte mir dann tatsächlich sein dickes März Orgien-Mysterien-Buch nach Wolfsburg, als Geschenk. In dieser Zeit empfahl mir mein großartiger Religionslehrer Dr. Paul das März-Aufklärungsbuch „Sexfront“ von Günter Amendt. Dieser Lehrer hatte im Krieg seinen rechten Arm verloren, war frustriert aus der DDR in die BRD emigriert, schimpfte vor uns Schülern offen über die Spießigkeit seines Kollegiums und war überzeugter Pazifist. Durch den März-Verlag entdeckte ich die neue amerikanische Popliteratur, beispielsweise in der „Acid“-Anthologie. Vor einigen Jahren lernte ich die Verleger Jörg Schröder und Barbara Kalender persönlich kennen. Seitdem bin ich mit ihnen befreundet und ein glückliches Mitglied der März-Gesellschaft e.V.

  1. Juli 1969 (Mondlandung)

Damals war der Fernseher noch eine Art Öffnung zur Welt. Im TV konnte man Filme sehen, die Wolfsburger Kinos nie erreichten. Fassbinders TV-Serie „Acht Stunden sind kein Tag“ lief 1972, da war ich gerade mal 15 und sehr beeindruckt. Mein Vater war ja auch so ein Arbeiter am VW-Fließband. Oder Rosa von Praunheim und Werner Herzog. Im Fernsehen entdeckte ich 1975 Valeska Gert als Gast der Talkshow „Je später der Abend“. Als ich sie sah, konnte ich es kaum fassen. Wie kann eine über Achtzigjährige nur so präsent, frisch und jung sein? Kein Wunder, sie hat sich immer gegen diesen braunen Mief gestemmt, der Westdeutschland durchzog.

  1. September 1969 (Willy Brandt wird Bundeskanzler)

Die Wolfsburger SPD war ultrakonservativ. SPD-Ratsmitglied Schulrektor Greve war eine echte Arschkrampe. Laut brüllend drohte er, mich vom Gymnasium zu werfen. Vor Schreck pinkelte ich mir fast in die Hosen. So wurde ich Fan von Norbert Blüm und Hans Katzer und den Sozialausschüssen der CDU. Mit 16 war ich also überzeugter CDU-Sympathisant, ein Herz-Jesu-Marxist und gleichzeitig langhaariger Glamrock-Fan. Ich gründete eine neue christdemokratische Jugendgruppe namens JCDS, unabhängig von Junger Union und Schüler-Union – was die für komplett sinnlos hielten. Ich engagierte mich gegen die geplante Trockenlegung eines großen Schilfgebietes. Es gibt ein Zeitungsfoto, wo ich als 16-jähriger mit dem Transparent „Rettet den Barnbruch“ auf der Porschestraße stehe und Unterschriften sammle. Die SPD, die in der VW-Stadt schon ewig regierte, wollte dort Arbeitsplätze schaffen, also ein Fabrikgelände errichten. Die CDU dagegen versprach, im Falle ihres Sieges das Schilfgebiet unter Naturschutz zu stellen. Nun fuhr ich im Wahlkampfauto durch Wolfsburg, spielte über die Lautsprecheranlage Alice Coopers „Schools out“ und „Children of the Revolution“ von T. Rex. Das mochten einige nicht, sie klopften an die Scheibe und sagten, dass sie zwar schon immer CDU wählten – aber diese Musik abschreckend fänden. Doch trotz – oder vielleicht ja gerade wegen Alice Cooper gewann die CDU erstmals die Wahl in Wolfsburg. Sie hielt ihr Versprechen und stellte das Vogelparadies unter Schutz. Zuvor genehmigte sie allerdings den Bau einer Schnellstraße, die das Sumpfgebiet halbierte, stellte dann die linke Hälfte unter Schutz und erklärte die rechte Hälfte zum Industriegebiet. Auf diese Weise lernte ich, wie Politik funktioniert: Die SPD hätte es genau andersrum gemacht: die linke Hälfte bebaut und die rechte unter Naturschutz gestellt. Ernüchtert wurde ich Mitgründer der „Bunten Liste Wolfsburg“, eines Grünenvorläufers. Ich illustrierte deren Zentralorgan „Buntspecht“ mit meinen Comics. Es ging um Umweltschutz, Bürgerrechte, Friedensbewegung, Gerechtigkeit und anderes mehr. Mit 18 war ich verliebt in Marc Bolan und gründete den „Rosa Käfer“, eine Schwulengruppe, die auch Teil dieser Bunten Liste war. Bei der Europawahl 1979 wählte ich die Grünen mit Spitzenkandidat Joseph Beuys. Ich lud die Hamburger Agit-Prop-Gruppe „Brühwarm“ in das Jugendzentrum im schönen Alvar-Aalto-Kulturhaus ein, wo sie dann mit Musik von Ton, Stein Scherben auftrat. Ein Skandal für CDU und SPD: Deren Politiker diskutierten im Rathaus über ein mögliches Verbot. Sie befürchteten nämlich, ältere Homosexuelle könnten die Gelegenheit nutzen, Minderjährige bei der Veranstaltung zu verführen und stellten mir zwei Zivilpolizisten an die Seite. Am Eingang fragte ich jeden Jugendlichen: „Bist Du denn auch wirklich schon 18?“ Alle sagten: „Aber klar!“ und gingen rein. Am übernächsten Tag zog ich nach West-Berlin.

Zeitungsausriss Barnbruchrettung 1975, Archiv Wolfgang Müller
  1.  Oktober 1972 (Joseph Beuys wird von der Kunstakademie Düsseldorf gefeuert)

Beuys war super, sehr amüsant und charismatisch, den habe ich mehrmals live bei Diskussionen erlebt. Mir gefiel seine Kunst und auch, dass er sich als einer der wenigen Künstler seiner Nazi-Vergangenheit stellte, ganz offensiv: Seine Arbeit „Auschwitz-Vitrine“ entstand im Jahr 1954! Eine so frühe Auseinandersetzung findet man extrem selten. Viele andere Künstler haben so getan, als seien sie schon immer irgendwie oppositionell gewesen. Oder sie haben erst den Literaturnobelpreis abgewartet, bis sie sich dann dunkel an ihre SS-Mitgliedschaft erinnerten.

  1.  Juli 1974 (Deutschland wird Weltmeister)

Fußball hat mich überhaupt nicht interessiert. Bei der letzten EM habe ich mich trotzdem sehr über die Siege der Isländer gefreut.

  1. 24. Oktober 1975 (Volljährigkeit)

Da war ich viel per Anhalter unterwegs. Ich trampte nach Frankreich, Holland, Dänemark und in die Schweiz, einmal sogar ins Fürstentum Liechtenstein: Es sah auf dem Atlas so irre aus. Der 18. Geburtstag selbst hatte keine große Bedeutung. Ich komme aus einer Arbeiterfamilie, doch meine Eltern würde man wohl eher als bürgerlich-liberal bezeichnen. Türkisfarbige Cordhosen zu tragen oder schwul zu sein war kein großes Problem. Mein Vater sagte nur: „Das sieht man halt heute anders.“ Ich durfte zum Beispiel sogar „Fremde“ mit nach Hause nehmen. Das konnten zwei Studenten aus Kabul sein, die gerade im VW-Werk ein Praktikum machten, ein Japaner aus Heidelberg, ein polnischer Tramper oder auch mal ein Junkie, der bei uns duschen konnte. Meine Mutter hat sich immer gefreut, die fand das vermutlich interessant.

  1. 1977 (Punk, Deutscher Herbst)

Ich hatte lange, mit Henna rotgefärbte Haare und damit galt man bei vielen Bürgern bereits als potentieller RAF-Sympathisant. Absurd! Nach den Anschlägen bildete sich eine kollektive Stimmung der Feindseligkeit. Wir spürten, dass es überall diese hässlichen Menschen gibt, die irgendwie den Krieg in sich tragen und den ganzen Nazi-Sumpf dazu. Die Bedeutung von Punk hat dann mein Bruder (Max Müller, Gründer der Gruppe Mutter, Anm. d. Red.) früher als ich kapiert. Wir beide fanden zuerst Udo Lindenberg super. Er war der erste, dem es gelang, originelle deutsche Texte völlig unverkrampft mit Rockmusik zu verbinden. Ton Steine Scherben gefielen mir zwar auch sehr gut, aber die waren manchmal etwas zu pathetisch. Dieses Politische in direkter Form bekommt schnell etwas Kitschiges. Da sprach mich die Lakonie eines Lou Reed mehr an, der hat bestimmte Themen in einer völlig unpathetischen Weise gebracht, gerade wenn er über damalige Tabus wie Drogen, Homosexualität oder Transgender sang. Wenn ich „Walk On The Wild Side“ im Mykonos, der Prog-Dorfdisco von Kästorf hörte, stellte ich mir vor, dass jetzt gleich Warhol-Superstar Holly Woodlawn aus Miami reinschneit und mittanzt. Das Mykonos wurde von griechischen Einwanderern betrieben. Die konnten, wie die meisten anderen Wolfsburger auch, die jungen Glamrock-Queers, Freaks, Späthippies und Junkies zwar nicht ausstehen, die dort am Wochenende verstreut aus umliegenden Käffern anreisten, entdeckten durch sie aber gleichzeitig eine Marktlücke. Die DJs legten Velvet Underground, Bowie, Can und Roxy Music auf. Musik, die woanders nie gespielt wurde, auch im Radio kaum.

  1. 18. März 1978 (Valeska Gert stirbt auf Sylt)

Auf einem Flohmarkt entdeckte ich „Die Bettlerbar von New York“. Das von Valeska Gert selbst verlegte Buch ist sensationell! Valeska Gert war eine Künstlerin, die bewiesen hat, dass man nicht verblöden muss, wenn man älter wird. Sie zeigte, dass Künstler, wenn sie nur eine Vision haben, zugleich auch immer sehr offen sein können, sich ständig weiterentwickeln, weil sie sich vom Unbekannten nicht automatisch bedroht fühlen. Valeska Gert hat künstlerische Ideen konsequent verfolgt, ob diese nun gerade populär waren oder nicht, war ihr offenbar egal. So etwas gefällt mir sehr. Sie ist mir in dieser Beziehung ein Vorbild, wie auch Dieter Roth, Lil Picard, Meret Oppenheim und eine Reihe jüngerer Künstler.

Wolfgang Müller (noch) mit langen Haaren, Berlin-Wedding 1979, Fotograf unbekannt/ Archiv Wolfgang Müller
  1. 1979 (Umzug nach West-Berlin)

Anfangs habe ich einige Wochen in einem Durchgangszimmer gewohnt, bei einer Kreuzberger *Trans, gratis. Ich hatte keine Arbeit und wenig Geld. An der HfBK Braunschweig war zwei Jahre zuvor meine – wie ich dummerweise annahm – sensationell gute Bewerbung abgelehnt worden und so landete ich kurze Zeit in diesem West-Berliner Durchgangszimmer. Danach bin ich zunächst Wochen- oder Monateweise bei Freunden in Steglitz und im Wedding untergekommen. Ich jobbte ein Jahr als Kellner im prä-queeren Schöneberger Café Anderes Ufer.

  1. 1980 (Gründung der Tödlichen Doris)

1980 wurde ich an der HdK West-Berlin angenommen, darüber war ich sehr glücklich. Nun bekam ich endlich BaFög und gründete sofort mit einem Mitstudenten, dem 1996 leider an Aids verstorbenen Nikolaus Utermöhlen „Die Tödliche Doris“. Bei der Bewerbung hatte ich den Fehler meiner vorherigen, gescheiterten Bewerbung vermeiden wollen. In Braunschweig hätte ich mich mit viel zu professionellen Zeichnungen und Konzepten beworben, meinte Otto, ein älterer HdK-Student. Zwanzig Jahre später, von 2001 bis 2002 war ich selber Professor an der HfBK Hamburg und da bestätigte sich das: Die Auswahlkommission lehnt solche Bewerber ab, weil die ja angeblich längst wüssten, wohin ihre Reise künstlerisch gehen soll. Deshalb reichte ich 1979 eine Mappe mit extra eingebauten, deutlich sichtbaren Fehlern ein. So konnten die Professoren sagen: „Oh, der Junge hat ja wirklich Talent, aber sehen Sie nur, da und dort muss man doch noch dieses oder jenes korrigieren!“ Mit dieser geschauspielerten Mappe wurde ich also endlich angenommen und konnte 1987 meinen Abschluss mit Bestnote machen. Dass heute angeblich viel zu viele Leute Kunst studieren, um später bei Hartz-4 zu landen, wie heute einige etablierte Akademiker behaupten, finde ich totalen Quatsch! Und überheblich dazu. Klar, sicher werden aus den allerwenigsten Kunststudenten später geniale, berühmte Künstler – aber ein Adolf Hitler, der nach absolviertem Kunststudium sein Leben als miserabler Portraitmaler fristet, wäre doch ein Segen für das Leben von Millionen Menschen gewesen oder etwa nicht?

  1. 4. September 1981 (Festival Genialer Dilletanten)

Ein wichtiges Festival! Im Grunde ein Experiment, das von einer lose organisierten Gruppe verwirklicht wurde. Es kamen unerwartet viele Besucher, über tausend. Was da auf der Bühne stattfand, war teilweise unhörbar, undefinierbar, unausgegoren – und zugleich sehr interessant. Eine komische Melange aus Performance und Musikkonzert. In Klang und Bild gab es die damalige Atmosphäre West-Berlins perfekt wieder. So trist, armselig, provinziell und muffig die Stadt ja teilweise war, so eklig wie sie manchmal roch – all das wurde hier umgesetzt, hörbar gemacht – aber eben auch mit viel Selbstironie und Humor.

Die Tödliche Doris beim Festival Genialer Dilletanten: Dagmar Dimitroff (1960 – 1990), Wolfgang Müller (* 1957) und Nikolaus Utermöhlen (1958 – 1996). Foto: Horst Blohm/ Archiv Wolfgang Müller
  1. 1981 (Merve-Buch: „Geniale Dilletanten“)

Die Genialen Dilletanten gäbe es heute wohl kaum als Bewegung, wenn es nicht das Merve-Buch gegeben hätte, meinte kürzlich mal Frieder Butzmann zu mir. Und das wiederum war nur möglich, weil es diese beiden einzigartigen Verleger gab. Peter Gente und Heidi Paris sprachen mich im Risiko direkt neben dem Flipper an, ob ich nicht Lust hätte, ein Buch über die Szene zusammenzustellen. Während der Endredaktion entdeckten Heidi, Peter und ich plötzlich den Rechtschreibfehler „Dilletant“ auf dem Festival-Flyer. Nach längerer Diskussion entschieden wir, diesen Fehler auch auf das Buchcover selbst zu übertragen: „Geniale Dilletanten“. Auch das ist natürlich nichts Neues, das gab es schon bei Marcel Duchamp in den 1920er-Jahren, als er die Kunstzeitschrift „Rongwrong“ herausbrachte oder auch bei Kurt Schwitters „Ursonate“, die ursprünglich aus dem Fehldruck eines tschechischen Plakates angeregt sein soll. Der Fehler in der Kunst ist also nichts Neues, aber bringt bisweilen neue Gedanken hervor.

  1. 1983 (Album der Tödlichen Doris „Chöre & Soli“)

Viele glauben, eine gute Idee schlage im Kopf ein wie ein Blitz. Doch wirklich gute Ideen, die schnell überzeugen, entwickeln sich oft sehr mühsam, über einen langen Zeitraum. Auf der ersten Doris-Vinyl-LP waren 13, extrem unterschiedliche Tracks, die die damalige Besetzung aus Nikolaus Utermöhlen, der Dresdner Kunststudentin Dagmar Dimitroff und ich bewusst so montiert hatten, dass sie absolut nicht zueinander passten. Durch dieses Debüt-Album, das übrigens gerade vom Label Viaduct in den USA wiederveröffentlicht worden ist, wurde Die Tödliche Doris schlagartig zur Berliner Kultband mit dem Image extrem widersprüchlich zu sein. Hätte sich dieses Musikkonzept jedoch auf einer zweiten LP wiederholt, dann wäre Widersprüchlichkeit zum festen Image der Gruppe geworden. Sollte es aber nicht. Das Image von Doris sollte sich bei jeder von uns wahrgenommenen Festlegung sofort wieder auflösen, wir wollten das Image permanent in Frage stellen in einem Prozess permanenter Dekonstruktion. Ich überlegte also, was könnte die Doris-Fans derart von der Musik ablenken, dass sie nicht länger über die Musik selbst sprechen und über deren Weiterentwicklung? Es geht also um Ablenkung, Bluff und Camouflage. Also, dachte ich, müsste der Musikträger, also die Platte selbst, ihre Farbe, ihr Äußeres alle Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Im KaDeWe stieß ich dann auf diese Sprechpuppen mit den Miniplatten. „Chöre & Soli“ verkörperte zugleich die totale Unschuld: Kinderschallplatten – das Pendant zur ersten LP: Diese war ja eine ganz gewöhnliche schwarze Vinylscheibe – mit gruseligem Lack-Pornofoto auf dem Cover. Und als LP-Beilage gab es innen „Boingo Osmopol Nr. 2“, ein Porno, in dem sich die Sprache zunehmend verwirrt, bis am Ende die Körper der Geschlechter chaotisch oszillieren.

Die Tödliche Doris „Chöre & Soli“ (1983)
  1. 1983 (Kurzfilm der Tödlichen Doris „Der Fotomatonreparateur“)

Der Film lief auf der Biennale in Paris. Nikolaus und ich starteten beide im Bereich „Experimenteller Film“ bei Prof. Ramsbott. Deshalb beginnt das Werk der Tödlichen Doris auch nicht mit Musik, sondern mit Super-8-Filmen. Der erste entstand 1979 aus zerrissenen weggeworfenen Fotos, die unbekannte Menschen im Fotofixautomaten machten. Wir fischten die Fotos aus Mülleimern, restaurierten sie und filmten die Köpfe Bild für Bild ab. Irgendwann stellten wir fest, dass auf vielen dieser Fotos immer der gleiche Typ auftauchte. Das müsste wohl der Mann sein, der diese Automaten repariert und Testfotos macht. Wir widmeten ihm einen eigenen Film: Der Fotomatonreparateur. Er lief auf der Pariser Biennale in der Reihe cinéma expérimental. Klar, der Gedanke liegt schon nah, dass Jean-Pierre Jeunet, der Regisseur von „Die wunderbare Welt der Amelie“ (2001), sich davon inspirieren ließ, wie der Kurator Eugen Blume mal anmerkte. Aber gute Kunst inspiriert eben. Über eine Erwähnung im Nachspann hätte ich mich trotzdem gefreut.

Nikolaus Utermöhlen und Wolfgang Müller konstruieren die Tödliche Doris (am Leuchttisch), sw-Foto, 1983, Foto: Richard Majchrzak/ Archiv Wolfgang Müller
  1. 1985/1986 (Alben der Tödlichen Doris „Unser Debut + sechs“)

Damit wurden die beiden deutschen Staaten Thema. Nach „Chöre & Soli“ sollten im Abstand von zwei Jahren zwei Platten erscheinen, 1985 eine U-Musikartige, populistische auf dem West-Label ATATAK in der BRD und 1986 eine E-Musikartige, fast esoterische beim Ost-Label AMIGA. Ich hatte bereits 1983 ein Angebot an das DDR-Label AMIGA geschickt, erhielt dann aber leider eine Absage. Beide Labels durften nämlich vorher nicht wissen, dass aus diesen beiden Platten eine dritte entsteht, wenn man sie auf zwei Playern gleichzeitig jeweils auf ihren A- oder B-Seiten abspielt. So waren Text und Musik der Tracks alle bis auf die Sekunde gleichlang. Das ergab dann im Zusammenspiel die entmaterialisierte, nur im Kopf des Hörers entstehende „Unsichtbare LP Nr. 5“ – Doris Suche nach Alternativen, jenseits von U und E, von DDR und BRD oder auch von männlich und weiblich.

  1. 1986 (Wolfgangs Bruder Max Müller gründet die Band Mutter)

In Die Tödliche Doris begegneten sich Performance, Bildende Kunst, Film, Philosophie und Musik. Wie viele junge Menschen identifizierte ich mich stark mit Popmusik. Gleichzeitig war ich mindestens genauso interessiert an bildender Kunst. Musik schien mir in den Achtzigern aber das geeignetste Medium zu sein, um bildende Kunst mit größtmöglicher Freiheit zu betreiben. Die subkulturelle Musikszene bot einen deutlich größeren Freiraum, viel größere Offenheit als die Bildende Kunst mit ihrem hierarchischem Galeriensystem – ganz zu schweigen von der Theaterwelt. Die subkulturelle Musikszene schien der freieste Ort für bildende Künstler zu sein, um neue Ideen zu entwickeln. Das galt nicht nur für mich, sondern für alle aus dem Umfeld der Genialen Dilletanten. Mein Bruder Max, der auch auf dem Festival spielte, versteht sich zwar mehr als Musiker und seine Band Mutter wird klar definiert als Rockband – doch geht es ihm da ebenfalls in erster Linie um die kompromisslose Umsetzung von Ideen jeder Art – einschließlich eigener Covergestaltung. 1989 veröffentlichte ich das erste Album von Mutter auf dem Doris-Label. Das Geld dafür lieh ich mir von Mitstudent Mark Ernestus, dem heutigen Betreiber von Hardwax.

  1. 30. April 1986 (Schließung des Risiko)

Es gibt zwei Phasen des Risiko. Die erste ab 1980, wo es unter der Musikerin Stefanie Mahlknecht entstand, aufblühte, extrem kreativ war und zum wichtigen Treffpunkt queerer Punks wurde und eine ab 1983, als es Alex und Sabina übernahmen und modernes Design und cooles Image eine wichtigere Rolle spielten. In den ersten drei Jahren war das Lokal ja weitgehend drogenfrei, danach wurde es hedonistischer, um die Wirkungen von Heroin, Speed und Koks freundlich zu umschreiben. Diese ganzen Drogenstories werden ja oft nachträglich idealisiert, um sie dann als Existenzialismus zu verkaufen. Und bin für die Freigabe sämtlicher Drogen. Natürlich war ich nicht „immer nüchtern“, wie ein Musikredakteur der taz mal behauptete, um mir danach in den Mund zu schieben: „Nick Cave war immer auf Koks“. Ich bin halt nicht gleich nackt auf den Tisch gesprungen, weil ich zu viel intus hatte. Nackt, aber stocknüchtern saß ich in einer Wanne bei der „Wassermusik“-Performance mit den Einstürzenden Neubauten im Risiko. Da flogen die Flundern.

Lesen Sie den zweiten Teil des Konzept-Interviews mit Wolfgang Müller.

Lesen Sie den dritten Teil des Konzept-Interviews mit Wolfgang Müller.

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