Berlin Besser machen

Sieben Wünsche für die Zeit nach Corona

Corona zwingt uns, soziale Kontakte zu vermeiden. Wir können nicht mehr ausgehen, die meisten Einkaufsläden haben geschlossen und auch essen gehen kann man nicht mehr. Viele Berliner haben dadurch mehr Zeit, einige Glückliche könnten diese sogar sinnvoll nutzen – für die Gemeinschaft. Aber lange nicht alle, daher hat unser Autor sieben Wünsche für die Zeit nach Corona formuliert. Damit wir etwas aus der Krise lernen und Berlin, eine noch lebenswertere Stadt wird, als sie jetzt schon ohnehin ist!

Corona-Wunschkonzert: Mal wieder nebenan einkaufen und nicht nur online. Und ein bisschen mehr Fürsorge für alle. Foto: Imago/Rothermel
Corona-Wunschkonzert: Mal wieder nebenan einkaufen und nicht nur online. Und ein bisschen mehr Fürsorge für alle. Foto: Imago/Rothermel

Wunsch 1: Dass Gitarrenspieler ein paar neue Songs lernen

Es gibt offenbar ein ungeschriebenes Gesetz, dass Gitarrenspieler (und hier sei gezielt nur die männliche Form genutzt) in ihrer Songwahl so unkreativ wie nur möglich sind. Steht irgendwo in der Stadt ein junger, weißer, heterosexueller Mann mit Zupfgerät herum, ist eins so sicher wie das Amen in der Kirche: Früher oder später penetriert er vorbeiziehende Touristen mit „Imagine“, „Wonderwall“ oder „Hallelujah“. Das ist so vorhersehbar wie unerträglich. Wir wissen ja, dass eine Gitarre irrsinnige Glaubwürdigkeit verleiht (total authentisch!). Wir wissen aber auch: kreativ macht sie nicht. Traut euch was! Sonst muss jeder zur Strafe diese Pop-Version von „Hallelujah“ hören! Und zwar auch andauernd.

Wunsch 2: Dass jeder mal in Ruhe ausmistet

Wir haben fast alle zu viel Zeug rumliegen. CDs, obwohl wir gar kein Abspielgerät mehr dafür haben. Alte Pullis, in die wir doch nie wieder reinwachsen werden (vor allem nicht in bewegungsarmen Corona-Zeiten, in denen wir nur Hamster-Pasta futtern), die aber noch gut sind. Bücher, die zwar im Regal toll aussehen, aber eigentlich auch nur Staub ansetzen. Klar, es muss nicht jeder alles raushauen, was nicht niet- und nagelfest ist. Aber vielleicht in Zeiten der Corona mal zwei, drei Kistchen packen mit schönen Dingen, die er danach weggeben kann. Und zwar für einen guten Zweck. Nicht für eBay. Sondern zum Beispiel für die neuen Gabenzäune, die in Berlin zu finden sind.

Wunsch 3: Dass jeder noch einmal die Führerscheinprüfung macht – die theoretische

Jeder Verkehrsteilnehmer hat immer Recht und alle anderen sind immer dümmer als man selbst. Speziell der Glaubenskrieg Radfahrer gegen Autofahrer gegen Fußgänger wird bei aller Vernunft und Unvernunft der Menschheit nie entschieden werden. Was vielleicht etwas Ruhe reinbrächte: Wenn jeder noch einmal seine alte Theorie-Bögen rauskramt (oder eine passende App lädt) und schaut, wie es denn nun geht, das mit dem Verkehr. Stimmt, Schulterblick, da war doch was. Achja, manchmal haben auch Fußgänger Vorrang. Und sieh an: manchmal auch nicht. Wenn wir wieder raus dürfen, setzen wir das Gelernte einfach mal um. Ein bisschen Frieden, jeden Tag!

Wunsch 4: Dass jeder mal ein bisschen Genuss lernt

Den Supermärkten werden die Dosen aus den Regalen gerissen, Fertiggerichte sind die heißeste Produktgruppe seit Einführung des Lebensmittelhandels. Wobei: Die TK-Pizza und die Aufgieß-Nudeln sind immer schon Bestseller gewesen. Sonst würde es nicht so viele Variationen geben, von der Mikrowellen-Currywurst bis zur Asiapfanne. Argumentation oft: Ist eben billig. Nun ist die Zeit, mal mit ein paar echten Lebensmitteln zu kochen. Und zu merken: Erstens ist das gar nicht wirklich teurer, zweitens schmeckt es mindestens genauso gut, ist dafür drittens aber erheblich gesünder. Keine Zusatz-, keine Konservierungsstoffe. Und für den Gegenwert dreier Menüs der größten Fast-Food-Ketten kann man zu Hause ganze Festessen produzieren, wenn man Preise vergleicht und frisch einkauft – und danach sogar noch was einfrieren.

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Wunsch 5: Dass jeder nun endlich nutzt, was er angeschafft hat

Ungelesene Bücher in jeder Ecke. Endlose Lesezeichenlisten im Browser mit längeren Texten, für später. Streaming-Watchlists für drei Leben. Und dann noch ein halbes Dutzend Video- und Computerspiele, das man nie beendet hat. Nicht nur Lebensmittel werden gehortet, sondern auch Medien und Inhalte. Wozu? Vielleicht, weil der Mensch sich so vorgaukelt, sich irgendwann doch die Zeit zu nehmen, die er gern für die schönen Dinge im Leben hätte. Aber zwischen Job, Kindern, Partnerschaft eben doch nicht findet. Übrigens: Gerade Liebe in Zeiten von Corona ist etwas, für das man die Zeit nun auch mal nutzen kann – auch, wenn es nicht immer leicht ist.

Wunsch 6: Dass vor allem nicht unnötig Neues angeschafft wird

Wir leben in einer Konsumgesellschaft, in der auch ohne Not gehamstert wird. Bevor jetzt die Versandshops leergekauft werden: Vielleicht das Lieblingsbuch doch noch einmal lesen? Vielleicht endlich die vergilbten weißen Shirts, die aber noch gut sind, färben? Und wenn doch eingekauft wird online: Vielleicht mal nicht die tolle Lieferung am selben Tag des Marktführers nutzen (wir haben ja jetzt Zeit und sind daheim), sondern in den kleinen Shops um die Ecke ordern? Die leiden jetzt besonders stark. Aber auch da mit Bedacht: Denn während wir mehr oder minder sicher daheim hocken, muss der Paketlieferant vorerst weiter jeden Tand ausliefern. Von Tür zur Tür.

Wunsch 7: Dass alle ein bisschen mehr aufeinander achten und nett zueinander sind

Egal, ob Pflegepersonal oder Gastronom, ob Paketlieferant oder Kanzlerin: Jeder ist nur einen Schritt von der Extremsituationen entfernt. Und doch gibt es immer noch so viele Menschen, denen es noch viel, viel schlechter geht. Deshalb: Wer kann, kann versuchen, für ein bisschen mehr Zusammenhalt in die Zeit nach sozialer Isolation und Angst zu sorgen. Vielleicht sogar mit den „Wonderwall“-Gitarristen.


In unserem Spezial Corona in Berlin haben wir das Thema von vielen Seiten beleuchtet. Zudem haben wir ein Hilfsangebot gestartet, bei dem Berliner Berliner finden können, die Hilfe brauchen – und ihnen helfen.

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