Gegenwartsdramatik

„Wut“ in den DT-Kammerspielen

Hier spricht der Stellvertreter Gottes: Martin Laberenz katapultiert die Schauspieler durch Elfriede Jelineks „Wut“ – mit Assoziationssurfen

Foto: Arno Declair

Geht man auf Elfriede Jelineks Seite, um sich wieder mal in den Jelinek-Sound einzulesen, damit man in den Kammerspielen des Deutschen Theaters bei der Aufführung von Jelineks „Wut“ nicht komplett von den in Hochgeschwindigkeit vorbeirauschenden Heidegger-Zitaten, Assoziationen, Sätzen aus antiken Tragödien, Gegenwartsbeobachtungen und Kalauern überfordert ist, macht man zwei Entdeckungen: Zum einen veröffentlicht Jelinek ihr „Wut“-Textkonvolut  nicht in der Abteilung „Theater“, sondern unter „Aktuelles“, schließlich ist es unter anderem ihre Reaktion auf die Ermordung der Charlie-Hebdo-Zeichner. Um alles andere (zum Beispiel den rasenden Herakles, das väterliche Gesetz und die ödipale Szene, die Psalme König Davids und Klaus Theweleits Aufsatz „Das Lachen der Täter“) geht es natürlich auch.
Zum zweiten aber warnt die Autorin den Leser und ermahnt sich selbst: „Kleines Epos. Geh bitte, Elfi, hast du’s nicht etwas kleiner?“

Gute Frage, angesichts dieses hochverdichteten Text-, Terror- und Themenlabyrinths. Nein, kleiner geht’s offenbar nicht, erst recht nicht, wenn alles mit allem zusammenhängt und einer der Paris-Attentäter einen leider nachvollziehbaren Satz sagt: „Wir töten Euch, weil Ihr die seid, die überall auf der Erde bestimmen.“

Regisseur Martin Laberenz, bisher am DT mit etwas wirren Inszenierungen auffällig geworden, entscheidet sich für die offensive Kapitulation: Ehrlicherweise tut er gar nicht erst so, als könnte eine Theateraufführung diesem Bilder- und Gedankengebirge gerecht werden, es zu kompakten Szenen kleinraspeln und ordentlich servieren.

Stattdessen bedient sich Laberenz in Jelineks Überangebot – man könnte sagen, er surft so assoziativ durch den Text wie Jelinek durch ihre Gedanken und die Wirklichkeitssplitter, die in sie hereinplatzen. Es beginnt wie eine Cocktailparty, bei der sich Andreas Döhler, Sebastian Grünewald, Linn Reusse, Anja Schneider und Sabine Waibel die wuchtigen Jelinek-Sätze zuwerfen, als wären sie Stoff einer vertrackte Smalltalk-Konversation: „Singe den Zorn, meinen wirst du nicht damit erregen!“ Natürlich crasht das spätestens, als Andreas Döhler auffällt, dass er hier mit Fake-Deko spielt und die Sektgläser auch nur aus Plastik sind: „Wir wälzen hier Weltprobleme, und ich saufe hier Leitungswasser.“ Logisch, hier wird auch nur mit Wasser gekocht.
Um es nicht zu einfach zu machen, entgleitet die Inszenierung in den überdrehten Karneval. Die Textlieferanten in Frack und Abendkleid (Kostüme: Aino Laberenz) mutieren zu antiken Göttern („Hier spricht der Stellvertreter Gottes“) oder diskutieren das Verbot, Allah abzubilden.

Spätestens als die Kostüme immer schneller und wilder wechseln und das Publikum mit in  die Menge geworfenen Bällen bespaßt wird, ist klar, dass die Weltprobleme heute abend auch nicht gelöst werden und die überirdischen Mächte mal wieder alles falsch verstanden haben, „diese depperten Götter, nicht wir, die Getöteten müssen das ausbaden“.

Deutsches Theater (Kammerspiele) So 19., Mo 27.3., 20 Uhr, Eintritt 23–30, erm. 9 €

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