Tragödie

Yorgos Lanthimos’ moderner Rachemythos: The Killing of a Sacred Deer

Yorgos Lanthimos kippt und dehnt in seinen Filmen die Koordinaten unserer vertrauten, ­modernen Erfahrungsräume. Irritierende und bizarre Welten entstehen so. Wenn Colin Farrell und Nicole Kidman in „The Killing of a Sacred Deer“ mit Freunden und Familie kommunizieren, scheint alles ein wenig schonungsloser, sexualisierter, aber zugleich auch unempathischer und narkotisierter als gewohnt. So als würde ein Algorithmus jede Gefühlsregung in einen ­neuen, seltsamen Ausdruck überführen.

The Killing of a Sacred Deer
Foto: Alamode Film

Lanthimos und sein Co-Autor Efthimis Filippou haben diese Methode schon in der Trauer­therapie von „Alpen“ und in der Beziehungsdiktatur von „The Lobster“ erprobt. Jetzt kämpft der Herzchirurg Steven (Farrell) mit einem Fluch, den er selbst über seine Familie gebracht haben mag. Kann die Psychosomatik klären, warum Sohn und Tochter plötzlich mit lebensbedrohlichen, hysterischen Lähmungen geschlagen sind? Oder liegt der Ursprung in der archaischen Wut seines jungen Protegés Martin (Barry Keoghan)? Die Rachetragödien rund um Agamemnon und Iphigenie werfen Schatten in die Erzählung, als Steven sich entscheiden soll, wen er aus seiner Familie opfert, um die Schuld zu tilgen.

Lanthimos’ Figuren machen neugierig, aber bleiben auch fremd, sie sprechen keine Einladung zur Verschmelzung aus, sondern eine zum distanzierten Blick. Wer als Zuschauer das Raster des unterkühlten und absichtsvoll frustrierenden Films zurückkippen will, kann ein zweites, unheimliches Bild unserer Gegenwart entdecken. 

The Killing of a Sacred Deer GB/IRL 2017, 121 Min., R: Yorgos Lanthimos, D: Colin Farrell, Nicole Kidman, Barry Keoghan, Start: 28.12.

The Killing of a Sacred Deer

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