Conscious-Hip-Hop-Rock

Der rappende Rock-Philosoph Yungblud spricht über Socken, Macho-Kultur und Gentrifizierung

„Verfickt noch mal!“ – Yungblud ist ein hyperaktiver Klassenclown samt Autoritätsproblem – und somit genau der richtige 20-Jährige Rock-Philosoph, der uns gefehlt hatte, um Machos und Waffenlobbyisten anzupissen

Foto: Universal Music

Ruhig Blut kennt der 20-jährige Dominic Harrison aka Yungblud aus Nord­england nicht. Der Pinksocken-Fetischist ist ein hyperaktiver Arctic Monkey der nächsten Generation und sagt: „Hip-Hop ist der neue Rock’n’Roll.“ Sein Pop auf dem Debüt-Album „21st Century Liability“ speist sich aus Young-Adult-Anger, aber ergießt sich nicht zum pubertären Tränenschwall, sondern wagt den sozial gewahren Twist. So stürmt Yungblud, millionenfach erklickt, gegen Macho-Mentalität und gegen die US-Waffenlobby NRA. Yungblud ist ein blutig anarchistischer Sozialphilosoph im Pop-Schafspelz.

tip Dominic, was hat das mit den pinken Socken auf sich, du die immer trägst?
Yungblud Die sind quasi an mich rangewachsen.

tip Du meinst, du wäschst die nie?
Yungblud Na gut, ich hab 25 Paar und trage immer eins davon. Das kommt aus dem Northern Soul Movement, einer englischen Bewegung aus den frühen 1960ern. Dem Norden Englands ging’s besonders mies, weil er davor so industriell war. Jetzt ging es drum, so abgefahren wie nur möglich zu tanzen und bloß, verfickt noch mal, nicht auszurutschen. Es war die Zeit von Bruce Lee und Kung Fu. Die Jungs gingen also mit solchen Socken in die Clubs und zeigten ihre Knöchel. Ich wollte das modern re-interpretieren. Und Pink hab ich immer geliebt, Pink repräsentiert meine Persönlichkeit, denn ich bin ein Spinner.

tip Wie das?
Yungblud Energetisch, leuchtend, hyperaktiv, boah, Leute, ich bin hier!

tip Ich hab mich gefragt, ob du mit dem Pink als Junge auch auf Gender-Themen hinauswillst. Denn in deinen Songs geht’s ja auch gegen Macho-Kultur.
Yungblud Ja, definitiv! Ehrlich gesagt sollte man in diesen Zeiten so was einfach tun können, ohne geächtet zu werden. Denn alles, was man sein kann, ist ja, man selbst zu sein. Dazu möchte ich ermutigen.

tip Warst du immer so ein Philosoph?
Yungblud Ich war immer meinungsstark und hatte viel zu sagen. Viele haben das auch in den falschen Hals gekriegt und mochten mich deshalb nicht. Ich war das Kind, das die anderen Mamas hassten.

tip Mit 16 bist du nach London gezogen.
Yungblud Weil ich die Kunstschule ausprobieren wollte. Musik, Bildende Kunst, Drama – ich musste mich verfickt noch mal ausdrücken. Und weiß du, was passierte? Die waren sogar noch schlimmer als an meiner Schule davor. Weil sie mir verklickern wollten, auf welche Weise ich mich auszudrücken hätte. Jemandem zu verbieten, sich auszudrücken – das ist eine Sache. Aber jemandem vorzuschreiben, wie er sich auszudrücken hätte – das ist viel, viel schlimmer. Du machst jemanden zu einem Roboter. Ich hab also hingeschmissen.

tip Du warst also in London mit 16 und hattest nicht mal mehr einen Schulplatz.
Yungblud Das hat mich gezwungen, einen Blick auf die echte Welt zu riskieren. Ich hab in einem Pub gearbeitet und selber meine Miete bezahlt – und geschaut, was politisch passiert. Mir wurde bewusst, was falsch und was richtig ist, in meinen Augen. Dann passierte die Brexit-Abstimmung, als ich 18 war – das erste Mal, dass ich abstimmen durfte. Bei etwas, das meine Zukunft betrifft und die meiner Freunde. Doch dann wurde die junge Generation von der alten überstimmt. Die haben uns abgezogen! Da musste ich erst mal Dampf ablassen.

tip Also ist deine Musik dazu da, jungen Menschen eine Stimme zu geben, eine lautstarke?
Yungblud Ich bin nicht Mutter Teresa. Ich bin bloß ein verficktes Kind aus Nordengland, das ein paar Songs raushaut. Ich möchte Leute dazu ermutigen, zu sagen, was sie denken.

tip „Fuck the NRA“ im Song „Machine Gun“ ist eine Ansage gegen die Waffenlobby.
Yungblud Total! Meine Meinung. Und wenn am Ende des Tages jemand sagen will, dass er die NRA verfickt liebt, ist das eben seine Meinung. Meine Meinung ist hingegen, dass die US-Waffenlobbyisten ein Pack narzisstischer Irrer sind. Das US-Waffenrecht ist in der Sache falsch. Aber ich finde durchaus Hoffnung. Zum Beispiel im „March for Our Lives“, also der Schüler-Bewegung gegen die US-Waffenlobby. Die Welt sieht die Kraft junger Menschen. Wir sind eine intelligente Generation. Das steckt auch in meinem Album.

tip Dein Song „I Love You, Will You Marry Me“ klingt ja erst mal nach einer indie-rockigen Party-Hymne. Tatsächlich hast du da aber Gentrifizierungskritik reingepackt.
Yungblud Das ist der Trick mit den Sounds! Klanglich kann man zu dem Album hüpfen und mitkreischen. Aber man kann auch stocksauer pissig werden oder drauf weinen. Ich will ja kein alter Mann sein, der Kneipen-Folk-Songs gegen Margaret Thatcher dichtet. Auch Rock’n’Roll ist gerade in einer verfickt schwierigen Lage: Trottel in Lederjacken singen über Nichts. Für mich geht’s bei Rock’n’Roll nicht drum, dass Idioten Instrumente zusammenschlagen. Sondern es geht um den grundlegenden Mut, Dinge beim Namen zu nennen. Für mich ist Rosa Parks (die schwarze Bürgerrechtlerin, Anm. d. Red.) Rock’n’Roll! Fick dich, weißer Mann, ich stehe hier nicht auf!

tip Du klingst außerdem ein bisschen nach den Arctic Monkeys.
Yungblud Alex Turner, der Sänger, hat mein Leben verändert. Ich glaube, vor allem seine Lyrics waren es. Dass Lyrics überhaupt so wichtig sind bei ihm. Leute denken ja nicht mehr so viel über Texte nach. Schert sich ja keiner drum! Deshalb kommt dann so was raus: „Bitch, geh auf die Knie! Nutten, Nutten, Nutten! Autos, Geld, Dope!“ Es geht nicht mehr wirklich um was.

tip Hip-Hop spielt doch wohl auch eine Rolle in deiner Musik, oder?
Yungblud Oh ja! Hip-Hop hab ich für mich selbst entdeckt. Rock’n’Roll bekam ich schon durch meinen Opa mit. Aber es gibt nichts Kraftvolleres, als Musik selbst zu entdecken. Und dann hab ich gemerkt, dass Hip-Hop in mir was ganz Ähnliches auslöst wie Rock’n’Roll! Vertraut waren mir das Storytelling und der Groll. So gesehen stammen für mich Rock’n’Roll und Hip-Hop aus der gleichen Seele. Die erzählen von der gleichen Scheiße.

Lido Cuvrystr. 7, Kreuzberg, Mo 21.1., 20 Uhr, VVK 19 €

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