Surrealismus

Yves Tanguy in der Sammlung Scharf-Gerstenberg

Die Sammlung Scharf-Gerstenberg gibt einen seltenen Einblick ins grafische Werk des Sur­realisten Yves Tanguy

Roman März / bpk / Nationalgalerie, SMB, Sammlung Scharf-Gerstenberg

Alt ist er nicht geworden. Der Franzose Yves Tanguy, im Jahr 1900 in Paris geboren, starb wenige Tage nach seinem 55. Geburtstag. Durch das in die Höhe getrimmte Haupthaar wirkt der Künstler auch auf anderen Fotos, etwa von Man Ray, hellsichtig und abgedreht, stets zu einem Jux bereit.

Es ist überliefert, dass er mit Spinnen belegte Butterbrote aß – und seine eigenen Strümpfe, um dem Militärdienst zu entgehen. Vor einem Pariser Schaufenster hatte Tanguy der Legende nach sein Erweckungserlebnis. Dort sichtete er ein mysteriöses Gemälde Giorgio de Chiricos. Der Erfinder der „Pittura metafisica“ und Inspirator der Surrealisten animierte den 22-Jährigen zur Malerei.

Als 1924 das erste Manifest der Surrealisten-Bewegung um André Breton erschien, schloss sich der Autodidakt der Literaten-Gruppe an. Mit René Magritte, Salvador Dalí und seinem Freund Max Ernst pinselte Tanguy um die Wette. „Reiseleiter aus der Zeit der Misteldruiden“ nannten sie ihn – nach den ominösen Magiern. Sein Atelier in der Rue du Chateau gehörte zu den wichtigsten Künstlertreffs.

Dass er aus den Schatten der berühmten Kollegen nie herausgetreten ist, wird die Schau seiner Grafiken in der Sammlung Scharf-Gerstenberg nicht ändern. Aber vertrauter macht sie mit diesem spannenden Künstler, dessen verschlüsselte Bildwelten bis heute Rätsel aufgeben. Direktorin Kyllikki Zacharias glaubt, seine relative Unbekanntheit könne damit zu tun haben, dass er 1939 „in die USA emigrierte und amerikanischer Staatsbürger wurde“.

Einen weiteren Grund vermutet Zacharias darin, dass seine der Abstraktion zugeneigten Bilder im Unterschied zu Dalí und Co viel „weniger verständlich“ seien. Kegelberge ragen aus dem Nichts, Fische fliegen durch die Luft. Tanguy vermittelt sogar die Ahnung einer künftigen Welt, „regiert von technoiden, an Transformer erinnernde Wesen“, wie sie uns heute, zumindest im Film, häufiger begegnen.

Alles andere als durchschaubar erscheinen diese geheimnisvollen grafischen Blätter (aus der Kölner Sammlung von Heinz Joachim Kummer). Schließlich folgte ihr Urheber ja auch dem Credo der Surrealisten, das Unbewusste zutage zu fördern und der Logik der Fantasie zu ihrem Recht zu verhelfen, um die Kunst durch neue Formen zu beleben. Auf die Frage, was seine Malerei sei, meinte Tanguy bescheiden: „ein kleiner weißer Rauch.“

Ergänzt werden die kleinen, hinreißenden Werke, Radierungen zumeist, um Zeichnungen, skulpturale Objekte, Publikationen, Dokumente und das Ölgemälde „Je suis venu comme j’avais promis, Adieu“ (1926) aus der Sammlung Scharf-Gerstenberg. So vermittelt der abwechslungsreiche Parcours durch den Surrealismus die Gratwanderung der Abstraktion, die Tanguy vollzieht. Seine organische Formensprache seltsam gewölbter, geometrischer oder weich fließender Körper in weiter Landschaft nimmt die Gestalten Dalís vorweg. Auch erinnern seine Figuren an die Wesen des Bildhauers Hans Arp und weisen voraus auf die amorphen Figurationen von WOLS. Vergleiche, die verdeutlichen, wie inspirierend Tanguy wirkte.

Im Reich der Misteldruiden. Das grafische Werk von Yves Tanguy Sammlung Scharf-Gerstenberg, Schlossstr. 70, Charlottenburg, Di – Fr 10 –18 Uhr, Sa+So 11–18 Uhr, Fr 8.12.– 8.4.2018

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