Historiendrama

„Zama“ im Kino

Mit „Zama“ gelingt der argentinischen Filmemacherin Lucrecia Martel die kongeniale Adaption des großartigen Romans von Antonio di Benedetto

Foto: ReiCine / BananeiraFilmes / El Deseo / Patagonik

Der Justitiar Don Diego de Zama lebt als Vertreter der spanischen Krone in einem der hintersten Winkel Lateinamerikas. Es sind die letzten Jahre des 18. Jahrhunderts. Ein Brief an den König muss sehr lange den Rio Paraguay hinunter, dann weiter auf dem Rio Parana nach Buenos Aires, von dort über den Atlantik nach Spanien. Und dann? „Den ersten Brief liest der König üblicherweise nicht“, sagt der lokale Gouverneur zu Don Diego. „Wir warten zwei Jahre, dann schreiben wir einen weiteren.“ Mit der Versetzung, die der Diplomat so dringend erwartet, wird es also noch dauern. Im Grunde scheitert das Gesuch schon im Ansatz, denn jedes Mal, wenn er den Gouverneur daran erinnern will, stellt der sich wieder so dumm, als hätte er nie etwas von einem Brief gehört.

Der Landvermesser, der in Franz Kafkas Roman „Das Schloss“ in einen undurchdringlichen Bürozusammenhang gerät, hat es geradezu mit einem Eilverfahren zu tun im Vergleich zu dem, was der argentinische Schriftsteller Antonio di Benedetto sich 1956 für den Helden seines Romans „Zama“ ausdachte. Der Vergleich mit Kafka ist keineswegs nur motivisch, manche wollen sogar in dem Namen Zama eine Anspielung auf Gregor Samsa erkannt haben. Di Benedetto (1922–1986) gilt als einer der zu Unrecht noch nicht so bekannten Klassiker der lateinamerikanischen Literatur, geschätzt von Kollegen wie ­Roberto ­Bolaño, ein „writer’s writer“, dem nun die Ehre einer großen Verfilmung seines Hauptwerks zuteil wurde.

„Zama“ von Lucrecia Martel hält sich treu an das Buch, und das heißt konkret: Sie nimmt sich viele Freiheiten im Detail, die aber alle die Sache nur noch besser machen. In beiden Fällen – Buch wie Film – handelt es sich um moderne Kunst. Man darf also eines nicht erwarten: eine packende Dschungelgeschichte oder auch nur eine vom Abenteuer ins Nihilistische kippende Suche nach dem Eldorado, wie bei Werner Herzog und seinem „Aguirre – Der Zorn Gottes“.

Wobei das mit dem Nihilismus durchaus eine hilfreiche Spur ist. Immerhin ist Don Diego de Zama als königlicher Amtmann nicht nur Vertreter einer christlichen Kolonialmacht, sondern eben auch Repräsentant einer Moderne, von der die Ureinwohner nichts wissen. Als Justitiar muss Zama Streitfälle schlichten, wie den einer Gruppe von Bauern, die Indianern das Land weggenommen haben und sich darüber wundern, dass die Vertriebenen nicht einfach als Sklaven da bleiben: Zama soll ihnen am besten „40 folgsame Indianer“ zuteilen.

Schon in ihrem Debütfilm „La ­ciénaga“ („Der Morast“, 2001) zeigte sich Lucrecia Martel als eine höchst sensorische Filmemacherin, die in schwülen Gegenden in ihrem Element zu sein scheint. Damals ging es um eine Großfamilie, die am Rande eines Urwalds vor sich hindämmert; und wenn man nun „Zama“ sieht, dann meint man, zwischen diesen beiden Meisterwerken eine atmosphärische Kommunikation wahrzunehmen. Über allem liegt dabei eine Erotik, deren Aphrodisiakum und deren Ende der Schweiß ist, den die Figuren in „La cienaga“ mit immer neuen Drinks nie versiegen lassen, und den Don Diego sich von drei nur bedingt keuschen Mädchen vom Leib reiben lässt, als wäre selbst das Bad eine Strafe.

Die Fleischeslust ist der Stachel im Fleisch. Seine Frau ist weit weg, zu den Mulattinnen, mit denen sich die anderen Herrschaften vergnügen, wagt Zama sich nicht. Nach einem Zeitsprung in der Erzählung hat er dann plötzlich ein Kind mit einer indigenen Frau. Was im Text zwischen den bewusst spröden Sätzen zu erahnen ist, wird im Film immer wieder auf komplexe Weise räumlich.

Foto: Grandfilm

Der Bandit Vicuna Porto wird bei Lucrecia Martel zu einer Chiffre dafür, dass es keine Zivilisation gibt, in die man aus der Situation zurückkehren könnte, von der „Zama“ erzählt. „Es erinnert sich besser an Europa, wer nie dort war“, sagt Dona Luciana, und sie meint damit auch den „americano“ Don Diego, der bei seinem Gesuch an den König nicht auf eine europäische Geburt verweisen kann. Er ist Kolonialist und Kolonisierter in einem. Madrid oder auch nur Buenos Aires kann er sich aus dem zunehmend fiebrigen Kopf schlagen. Er muss weiter hinein in das Innere eines Kontinents, nun tatsächlich auf der Suche nach diesem Banditen, der fast nur aus seinem schlechten Ruf zu bestehen scheint – bis er dann plötzlich einfach da ist, und sein böses Spiel mit Don Diego treibt.

Die Schlusspassagen von „Zama“ zählen zu den Höhepunkten eines visionären Kinos. Und Don Diego wird hier noch einmal zu einem Orakel, zu einem Mann, aus dem die Wahrheit spricht, auch wenn sie nur noch negativ sein kann: Die Räuberbande um Vicuna Porto erhofft sich von ihm, dass er sie „zu den Kokosnüssen“ bringen kann, an den Ort der „runden Steine“, die voller „preciosas“ sind. Selbst der Mythos von Eldorado erscheint in „Zama“ nur noch in der Entstellung eines Deliriums, und Don Diego spricht (man könnte fast sagen: mit letzter Kraft) das Urteil über einen anderen, den geschäftlichen Aspekt der Moderne: „Diese Steine sind nichts wert. Ich zerstöre eure Hoffnungen.“

Zama ARG/BRA/E/F/NL/MEX/POR/USA 2017, 115 Min., R: Lucrecia Martel, D: Daniel Giménez Cacho, Lola Duenas, Matheus Nachtergaele, Start: 12.7.

 

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