Lesungen und Bücher in Berlin

Zehn Jahre Tristesse Royale

Was aus den fünf Popliteraten Benjamin von Stuckrad-Barre, Christian Kracht, Joachim Bessing, Alexander von Schönburg und Eckhart Nickel wurde, die im Hotel Adlon über alles debattierten, was ihnen gerade einfiel

Im Herbst 1999 brachte Joachim Bessing „Tristesse Royale“ heraus. Das Buch dokumentierte das Schnöseltum eines „popkulturellen Quintetts“ im Adlon-Hotel. Ihr Credo: Das Herbeischreiben hat die Realität zur Folge. Ein unterhaltsames Geschwafel mit lautem Presseecho: Größtenteils ernteten die Dandys Hass für ihre elitäre Weltsicht und den Versuch perfekter Stilbeherrschung. Der Slogan „Irony is over“ wird bis heute gerne zitiert.

BENJAMIN VON STUCKRAD-BARRE
Sagte damals: „Woher kommt es, dass wir Geld nicht anerkennen und es nur als Fortbewegungsmittel nutzen; dass wir es nicht akzeptieren wollen, dass unsere Geldmengen endlich sind?“ Stuck­rad-Barre ist bis heute der Rock­star unter den Popliteraten, er hat keinen Nachfolger. Dafür ist er abgestürzt. 1999, nach Veröffentlichung seines „Soloalbum“-Romans, befand er sich auf der Höhe seiner Popularität. Danach kam Koks, eine MTV-Literatursendung, was allein als Idee schon schlimm klingt, Aufbaugespräche mit Udo Lindenberg, ein – absehbar – sofort nach Erscheinen überholtes Internet­lexikon. Gelegentlich brillant, wie sein Wowereit-Porträt in der „Tem­po“, schreibt er für Springer, den „Rolling Stone“ und gibt „B.Z.“-Redakteuren Tipps. War damals schon „Bild“-Fan: „Die bilden genau ab, was hängen bleibt.“ Arbeitet mit Helmut Dietl seit Ewigkeiten am „Berlin-Mitte“-Drehbuch und zieht auf jedem Foto seine Modelschnute, wohl auch, weil sein Gesicht noch immer so unfassbar leer aussieht.

Tristesse_RoyaleALEXANDER VON SCHÖNBURG
Sagte damals: „Wichtig ist dann nur noch, dass die Klos streng vom Badezimmer getrennt sind. Besonders wichtig ist dies, wenn man nicht alleine reist.“ Niemand kannte ihn vor „Tristesse Royale“, keiner wusste, warum er dabei war. Hinterher schon. Bei von Schönburg hat man immer das Gefühl, er dürfe vor allem deshalb überall mitmachen, weil er die Kohle bereitstellt und seine Kol­legen mit Promi-Newsflashs bei Laune hält. Mehr Stichwortgeber als Innovator, wurde er so zum Ringo des Quintetts. Später war er Chefredakteur bei „Park Avenue“, wo sich Gerüchte breitmachten, er sei halt „Chef“, aber weniger „Re­dakteur“, mittlerweile ist er bei der letzten Seite der „Bild“. Hat seine Meinung über das Blatt anscheinend geändert. 1999 sagte er: „Dort wird mit den fünf Urängsten des Menschen gespielt: knappes Geld in der Kasse, Krieg, Tod, was weiß ich. Die ganze Zeit wird dort von vorne bis hinten beschissen.“

JOACHIM BESSING
Sagte damals: „Und dass Inge Meysel noch lebt, weiß ich auch nur, weil du, Alexander, es mir persönlich versichert hast.“ Bessing schreibt heute einen Foodblog, wobei seine Kulturbeobachtungen („Das schamlose Anstarren unter Männern hat in der Alltagskultur Indiens seinen festen Platz“) interessanter sind als die Beschreibungen des Essens. Tanzte nach „Tristesse Royale“ aus der Reihe, weil er stärker als die anderen versuchte, als Kon­ser­vativer zu provozieren, indem er mit dem Buch „Rettet die Familie“ mit dem „Mythos der heilen Patchworkfamilie“ aufräumen wollte und über die negative Wirkung „antiautoritärer Kräftefelder“ nachdachte. Die Idee konnte auch einfach nur mit seiner Frau zu­sam­menhängen, der vielleicht ein­zigen unerotischen rothaarigen Schriftstellerin überhaupt, die wie er die Familie für das A und O menschlicher Daseinsberechtigung hielt. Später TrenNung. Projekt Familie: gescheitert. Als „Stilredakteur“ kam Bessing jüngst auf die bescheuertste Idee aller Zeiten, nicht einfach nur kleinfingergespreizt, sondern wirklich nur bescheuert: Für die „WamS“-Beilage „Icon“ mixte er die 28 „wertvollsten“ Gesichtscremes „in einer Silberschüssel“ zu einer „Su­per­creme“ zusammen. Kosten: 3127,30 Euro. Gefühl danach: „Wie ein buttrig ausdünstendes Croissant.“

ECKHART NICKEL
Sagte damals: „Ist das sichtbar gefärbte Haar des Bundeskanzlers genauso ein Medientrick wie die zur Schau gestellte Wunde auf Siegfrieds Rücken?“ Nickel schreibt sich heute ordentlich durchs Feuilleton und war Chefredakteur von „Der Freund“. Das Magazin seines Quintett-Kollegen und Jugendfreunds aus reichen Sylter Tagen, Christian Kracht, wurde in Kathmandu produziert. Der Verlag: Springer. Für das Heft brachte Nickel den schönen Begriff des „Brooding“ ins Spiel, womit er sagt, dass jeder Autor schön lange und wohlüberlegt an seinen Worten feilen darf, so lange, bis er halt fertig ist. Die Ruhe verliert Nickel nur dann, wenn er auf Pop­literatur angesprochen wird, davon will er, wie von dem „Irony“-Spruch, nichts mehr hören. Zusammen mit Kracht brachte er zuletzt die „Gebrauchsanweisung für Nepal“ heraus, wo sich die beiden unter anderem auf die Spur Ira Cohens begaben, des „letzten Beatnik von Kathmandu“.

CHRISTIAN KRACHT
Sagte damals über Berlin: „Die Physiognomien dieser Menschen sind so verkommen – den Kassierern im Supermarkt fallen einfach so die Zähne aus, bei der Arbeit an der Kasse.“ Godfather der Popliteratur, Pate Stuckrad-Barres, Dandy mit dem Süßigkeitengesicht, Sohn des ehemaligen Generalbevollmächtigten Axel Springers, derzeitiger Wohnort: Buenos Aires. Ein Verwandlungskünstler, den kein Mensch richtig kennt. Weil Kracht unter Pop versteht, alles sagen zu können, ohne es zu fühlen, hat er sich auch noch nie so richtig blamiert. Schrieb zuletzt eine unerwartet substanzlose „Heart of Darkness“-Variation und bekommt aktuell vom KiWi-Verlag ein Dankeschön in Form einer „Leben und Werk“-Biografie. Ist heute genauso cool wie vor dem Quintett.


Text
: Sassan Niasseri

Foto
: Jens Neumann (von links: Kracht, Nickel, von Stuckrad-Barre, von Schönburg, Bessing – sitzend)

Johannes Birgfeld, Claude D. Conter „Christian Kracht: Zu Leben und Werk“, Kiepenheuer & Witsch, 240 Seiten, 19,95 Ђ

 

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