Zeitkratzer im Heimathafen Neukölln

Das Ensemble Zeitkratzer

Ein bisschen was von Kulturamt atmet der Saalbau von Neukölln immer noch. Ehemals Dorfgasthaus mit Pferdewechselstation, dann Ballsaal mit Bestuhlung. Der Stuck ist schon lange ab. In der NS-Zeit diente der Hinterhofsaal sogar mal als Möbel­lager für den „Nachlass“ deportierter Juden. Seit 2009 bietet man unter dem neuen Namen Heimathafen, in unmittelbarer Nachbarschaft zur Neuköllner Oper, mit Impro-Shows, Soul-Explosion und Rixdorfer Perlen eine dem Wannabe-Trendbezirk kongenial angemessene Mischung aus Trutz und Trash.
Auch Klassik gibt’s, darunter die Zu-Gast-Reihe Cello Case von Eckart Junge, dem Cellisten des Artemis-Quartetts. Mit Kontraklang initiiert man jetzt eine monatliche Neue-Musik-Reihe, deren Programm „eklektisch und dynamisch“ sein soll. In Kooperation mit dem Education-Programm der Berliner Philharmoniker – unter Mitwirkung von Thomas Leyendecker, Posaunist bei den Philharmonikern – wird die Reihe eröffnet mit dem aus Berliner Ensemble Zeitkratzer.
Der Ausdruck erinnert Fans der Vinyl-Schallplatte nicht zufällig an den Tort, den verblichene Jahre zuweilen alten Schallplatten antun. Und sie zum Teil unbrauchbar machen. Die Assoziation ist richtig, hat sich das Ensemble Zeitkratzer doch seine Meriten besonders auf dem Gebiet von Noise, Improvisation und Stockhausen erworben. Man will Klang sichtbar, tastbar, körperlich erfahrbar machen.
Unter Leitung des Pianisten Reinhold Friedl hat man sich als Septett für Ab- und Aufgedrehtes innerhalb der Neuen Musik einen guten Namen erworben. Mit zwei Hits des bisherigen Schaffens, nämlich mit Friedls „Pierrot Lunaire“-Parodie (nach Schönberg) und mit Stockhausens orgasmischem „Setz die Segel zur Sonne!“ wird so eine Frischwind-Ära der Neuen Musik im Heimathafen eingeleitet.

Text: klk

Bild: Joachim Gern

Ensemble Zeitkratzer, Heimathafen Neukölln, Mo 12.1., 20 Uhr. Karten-Tel. 61 10 13 13

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