Handwerker

Zero-Waste und kreativ: Ein besonderer Baumarkt eröffnet in Berlin

Am Alexanderplatz hat der der erste Zero-Waste Bau- und Kreativmarkt eröffnet. Heimwerken, Kunst schaffen oder sonstwie konstruktiv tätig werden kann damit deutlich nachhaltiger werden: Die hier angebotenen Holzlatten, Rigipsplatten oder Plastik- und Metallrohre stammen aus Überhängen beziehungsweise sind Secondhand-Materialien.

Das Motto: wiederverwerten statt wegschmeißen.
Das Motto: wiederverwerten statt wegschmeißen. für Foto: Kunst-Stoffe

Der Balkon soll mit einer selbst gebauten Blumentreppe verschönert werden. Im Kinderzimmer fehlt noch ein Teppichboden. Und das Gärtnern im Kleingarten wäre mit einem Hochbeet ergiebiger und bequemer: Während der Spitzenzeiten des Corona-Lockdowns wurde nicht nur der Blick auf die eigenen vier Wände nebst der unmittelbaren Umgebung kritischer. Oft gab es auch genügend Zeit, umfangreichere Projekte zur Verschönerung und Verbesserung des eigenen Wohnumfelds endlich anzugehen. Die Baumärkte konnten sich nach ihrer Wiedereröffnung jedenfalls nicht über mangelnden Andrang beklagen. In den Berliner Haushalten, und nicht nur dort, wird derzeit tapeziert, gesägt, gebohrt und gehämmert was das Zeug hält.

Ungenutzte, aber brauchbare Materialen landen zu schnell auf dem Müll

Der Umweltgedanke fällt dabei allerdings meistens hinten über. Renovierungsarbeiten und andere Heimwerker-Projekte erzeugen nicht nur jede Menge Müll, oft Bauschutt. Die Anschaffung von neuen, zu verbauenden Materialien kurbelt auch den Ressourcenverbrauch an – und geht mit jeder Menge Verpackungsmüll einher. In Plastik eingeschweißte Bau-Sets lassen die gelben Tonnen überquellen. Und dem Berg an voluminösen Pappkartons wird man nicht mal mehr mit einem scharfen Teppichmesser zum Zerkleinern wirklich Herr.

Gerade in der Industrie landen viele noch brauchbare Materialien auf dem Müll.
Gerade in der Industrie landen viele noch brauchbare Materialien auf dem Müll. Foto: Eva Apraku

Zu wissen, dass in Industrie und Gewerbe oder beim Messe- und Filmbau gleichzeitig tagtäglich noch bestens brauchbare Materialien, etwa Holzbalken und -latten, unbenutzte Tapeten- und kaum benutzte Teppichrollen, Folien, transparente Wellplatten, nicht benutztes Klebeband, Hanfseile, Plastikrohre oder Schachteln voller Schrauben gleich containerweise weggeworfen werden, macht die Absurdität unserer Konsumgesellschaft dann doppelt deutlich. Das dürfte vor allem der Fridays-for-Future-Jugend vorzeitig graue Haare wachsen lassen. Die „Abfälle“ stammen aus Überproduktionen, Retouren oder es sind Materialien, die bei nur temporären Aufbauten wie auf Messen oder bei Filmdrehs zurück bleiben.

Heimwerken mit Secondhand-Materialien

Corinna Vosse, Künstlerin und Kulturwissenschaftlerin, hat diese Form von Verschwendung schon lange gewurmt. Zusammen mit Gleichgesinnten eröffnete sie deshalb 2006 in Pankow „Kunst-Stoffe“, eine Zentralstelle zur Sammlung und Weitergabe von wiederverwendbaren Materialien. Natürlich bedienten sich hier Künstlerkolleg*innen, die einerseits für ihre Werke, etwa Installationen, einen hohen Materialbedarf hatten, andererseits aber oft nur über schmale Budgets verfügten. Und die einem rücksichtslosen Konsum ohnehin kritisch gegenüber stehen.

Und auch andere ökologisch Bewegte wurden und werden bei Kunst-Stoffe fündig: Schrauber, die sich aus alten Fahrrädern, Eisenrohren und Holzlatten selber Lastenräder bauen. Oder Menschen, die für Orte ohne Abwasseranschluss, etwa Kleingärten und manche Festivals, Klo-Häuschen mit Kompost-Toiletten konstruieren. Wodurch dann Chemieklos mit ihren umweltschädlichen Aldehyden und Phenolen verzichtbar werden.

Volle Regale im Zero-Waste Bau- und Kreativmarkt.
Volle Regale im Zero-Waste Bau- und Kreativmarkt. Foto: Kunst-Stoffe

Dass Kunst-Stoffe nun ausgerechnet in Mitte, Nähe Alexanderplatz einen Zero-Waste Bau- und Kreativmarkt eröffnet hat, ist folgerichtig. Denn dort, im einstigen Haus der Statistik der DDR – es ist ein mehrstöckiger, seit 2008 lange leer stehender Gebäudekomplex – haben sich unter dem Schlagwort „ZUsammenKUNFT“ alternative Initiativen zu einem Modellprojekt zusammengefunden. Es sind Künstlerkollektive, soziale Einrichtungen und Verbände, Architekt*innen sowie Stiftungen und Vereine. Sie alle eint der Wunsch, Berlin nicht alleine der Marktmacht von Immobilienfirmen und ähnlichen Investoren zu überlassen. Außerdem die Überzeugung, dass ein ökologisch nachhaltigeres Leben möglich ist.

Zweitverwertung und Bildungsprojekte

„Wir wollen mit unserem Zero-Waste Bau- und Kreativmarkt deutlich mehr Menschen erreichen“, sagt Corinna Vosse. Schließlich ist die – nach wie vor zugängliche – erste Materialsammelstelle vonKunst-Stoffe im abgelegenen Pankow für viele Interessent*innen nur schwer erreichbar. Das sei umso bedauerlicher, weil Kunst-Stoffe nicht nur für eine nachhaltige Zweitverwertung von Bau- und Bastelmaterialien stehe. Zum Selbstverständnis gehöre auch der Bildungsgedanke: Kunst-Stoffe veranstaltet etwa für Schüler*innen Upcycling-Workshops, unterstützt Menschen, die sich selbst ein Lastenrad bauen wollen, lädt zu Repair-Cafés, betreibt eine offene Holzwerkstatt und hat unter anderem das Bildungsprojekt WIR – Wiederverwenden, Instandhalten und Reparieren in der Berufsausbildung – entwickelt.

Wer das „Haus der Materialisierung“ besucht – es liegt quasi im Hinterhof des Haus-der-Statistik-Komplexes und ist Sitz des Zero-Waste Bau- und Kreativmarktes –, fühlt sich in das Berlin kurz nach der Wende zurückversetzt. Von der Seite starren zehn und elf leere Etagen mit scheibenlosen Fenster herunter. Im großen Innenhof ermöglicht eine abgerockte Autoscooter-Anlage regengeschützte Veranstaltungen. Auf der anderen, der Eingangsseite des Materiallagers warten Stühle, Bänke und improvisierte Tische unter freiem Himmel auf Besucher*innen, die einfach nur ein wenig relaxen – oder sich für künftige Zero-Waste-Projekte miteinander vernetzen wollen.

Eine ehemalige Autoscooter-Anlage wird zum Veranstaltungsort.
Eine ehemalige Autoscooter-Anlage wird zum Veranstaltungsort. Foto: Eva Apraku

Die Materialen sind viel günstiger im Zero-Waste Bau- und Kreativmarkt

Die Materialien, die es braucht, um beispielsweise Stände für Umweltmärkte oder für eine Open-Air-Bar auf Freiflächen zu bauen, erwirbt man im Zero-Waste Bau- und Kreativmarkt für etwa ein Drittel des Preises, den man für sie als Neuware aus dem Baumarkt bezahlen müsste, sagt Corinna Vosse. Denn obwohl die Bretter, Planen oder Rigipsplatten als Spende an den alternativen Bau- und Bildungsmarkt gehen, bleibt der Aufwand für den Transport, die Sortierung und Aufarbeitung hoch.Ganz abgesehen von den Lagerkosten.

Vosse hofft, dass Firmen die Entsorgungsarbeit, die Kunst-Stoffe leistet, künftig zu honorieren bereit sind: „Wenn die sich einen Abfall-Container für die Entsorgung vor Ort bestellen, kostet das schließlich auch Geld“, sagt sie. Wobei die Abgabe von Materialien an den Zero-Waste Bau- und Kreativmarkt noch einen wunderbaren Mehrwert hat: Mankann sich hier das supergute Gefühl leisten, Dinge wieder in Kreisläufe zurück zu führen und die Welt durch Müllvermeidung ein bisschen besser zu machen.

  • Zero-Waste Bau- und Kreativmarkt: Haus der Statistik, Otto-Braun-Str. 70–72, Mitte, kunst-stoffe-berlin.de,
  • Zugang zum Haus der Materialisierung über Berolinastraße. Öffnungszeiten: Di 15-19 Uhr und nach Absprache, [email protected], Tel: 0176 – 73 18 76 73

Nachhaltigkeit

Für Heimwerker mit grünem Daumen haben wir eine Bauanleitung für ein eigenes Hochbeet. So klappen Bau und Pflege. In Berlin gibt es so einige Orte, die sich Zeo-Wate auf die Fahnen geschrieben haben. Hier könnt ihr nachhaltig konsumieren.

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