Musik & Party in Berlin

Zodiak Revival im WAU

Eine Gruppe unerschrockener Neokrautrocker bringt den Weltraumklang der 60er Jahre zurück an den Ort seiner Bestimmung – ins sagenumwobene Zodiak - Berlins erster Undergroundclub

atelier ThereminWas den Vorsprung durch Technik angeht, war man in Berlin schon immer recht weit. Der Ingenieur Konrad Zuse baute hier in den späten 1930ern den ersten Computer, die Techno-DJs der ers­ten Stunde schickten Ende der 80er elektronische Tanzmusik aus ihren temporären Kellerclubs rund um den Planeten, und zwischendurch, in den 60ern, vereinten sich in Berlin ebenfalls  Pioniergeist mit der Begeisterung für son­derbare Gerätschaften und Klänge. Damals drehten langhaarige, vollbärtige Männer an ihren Oszillatoren, Sinusgeneratoren und Bandmaschinen, sie laborierten an den ersten analogen Synthesizern oder verfremdeten die Klänge von Tubas, Gitarren und Cellos zu bislang unerhörter Musik. Einer Musik, die englische Journalisten später Krautrock nennen sollten und die durch Bands wie Can, Amon Düül und Tangerine Dream weltbekannt wurde, als der Inbegriff einer eigenständigen deutschen Rockmusik. Die Speerspitze dieser Klangforscher versammelt sich Ende der 60er in der Mauerstadt, hier hatten die einflussreichen Labels des Kritikers und Musikproduzenten Rolf-Ulrich Kaiser, Ohr und Pilz, ihren Sitz, und hier entstand im Herbst 1968 das Zodiak, der erste Undergroundclub Berlins.

In der Kantine der Schaubühne, die damals noch am Halleschen Ufer in Kreuzberg residierte, wo sich heute das HAU 2 befindet, malte der ehemalige Schiffskoch, Bildhauer und Elek­tronikpionier Conrad Schnitzler einen Raum weiß und den anderen schwarz, mehr als ein paar Eimer Farbe brauchte es nicht für eine kleine Revolution. Schnitzler und seine Bandkollegen von Klus­ter (später Cluster), Hans-Joachim Roedelius und Boris Schaak, erschufen sich und ihrem Umfeld einen Freiraum, in dem sie die Idee der Kosmischen Musik entwickelten. Free Jazz, Elektronik, Psychedelia und Avantgarde verschmolzen dort zu einem aufregenden Amalgam. „Im Zodiak haben Bands gespielt, die sonst nirgendwo in Berlin auftreten konnten: Agitation Free, Ash Ra Tempel, Peter Brötzmann und Manuel Göttsching experimentier­ten, und die Westberliner Künstler, Freaks und Linken kamen, tranken, redeten oder spielten spontan mit“, erinnert sich Schnitzler. Auch spä­tere RAF-Terroristen und Mitglieder der Bewegung 2. Juni schauten vorbei, die Kommune 1 und die herumschweifenden Hasch­­­rebellen waren gern gesehene Gäs­te. Selbst Joseph Beuys gab sich die Ehre.

Die ausufernden, in Haschisch­wolken verschwindenden Sessions der Kosmischen Kuriere läuteten eine neue Klangzeit ein. „Das Diktat des dreiminütigen Beat­songs galt nicht mehr, wir wollten weg von Melodie, Strophe und Refrain“, erklärt Schnitzler den neuen Sound, der dem neuen Denken entsprach und nicht selten von halluzinogenen Drogen, fernöstlicher Mystik oder uto­pi­schen Ideologien geprägt war. 40 Jahre später mögen die alten Geschichten verstaubt klingen, doch die Bedeutung des Zodiak für Berlin steht der des UFO in London in nichts nach. Jenem Club, wo Pink Floyd und Soft Machine ihre ersten Konzerte gaben, rauschhafte Lightshows entstanden und die psychedelische Musik auch in Europa laufen lernte.

Das Zodiak wurde im Sommer 1969 nach mehreren Drogenrazzien geschlossen und existierte damit nur knapp ein Jahr, in der Berliner Clubhistorie verdient es dennoch ein eigenes Kapitel. Daran erinnern nun die Neokraut-Aktivisten von Krautopia Records. Das Label feiert am historischen Ort, der heutigen Kantine des HAU 2, die Veröffentlichung ihrer neuen CD „Morgen im Garten des Neokrautrock“ der experimentell-psychedelischen Band Atelier The­­remin und zugleich den 66. Geburtstag des legendären und ebenso verschollenen Krautrock-Visionärs Rolf-Ulrich Kaiser. Ob der Produzent, der angeblich an wechselnden Orten unter dem Namen Meson Cristallis lebt, von „seiner“ Party erfahren und vielleicht im wieder zum Leben erweckten Zodiak auftauchen wird, ist ungewiss, die Organisatoren denken trotzdem schon an weitere Zodiak-Veranstaltungen. The Kraut goes on … 

Text: Jacek Slaski

Zodiak Party und Konzert von Atelier Theremin

im WAU – Wirtshaus am Ufer, Kantine des HAU 2 (ehemals Zodiak), Hallesches Ufer 32, Kreuzberg,

Do 18.6., 20 Uhr, Eintritt frei

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