Stadtleben und Kids in Berlin

Zoff um die Kastanienallee

In Prenzlauer Berg tobt ein Kampf um den Umbau der Kastanienallee. Es hätte niemals so weit kommen müssen

KastanienalleeVon außen betrachtet muss es so scheinen, als läge in Prenzlauer Berg der neue Gazastreifen. Als würden demnächst die UN-Blauhelme bei Konnopke letzte Verpflegungsrationen rot-weiß fassen vor der Friedensmission Kastanienallee. Im „Spiegel“ konnte man unlängst vom gefühlten „Bericht aus einem Krisengebiet“ lesen, von „Milieulobby­is­ten, erfahren im Kleinkrieg des Bürgers mit sich selbst und dem Staat“.
Worum ging es doch gleich? Ein Atomkraftwerk neben dem Cafй Schwarzsauer, eine Genmaisplantage im Prater-Garten? Nein. Um neue Fahrradspuren, eine breitere Straße, schmalere Gehwege. Das plant der Bezirk Pankow mit der Straße. Weil sich doch 2008 zufällig ein Förder­topf aufgetan hat, vom Programm Städtebaulicher Denkmalschutz. 1,5 Millionen Euro lässt kein Amt einfach so liegen. Da musste dann eben rasch ein Plan her. Vor allem geht es um ein gern auch mythisch überhöhtes Lebensgefühl. Die Flanier- und Cas­ting­mei­le. Das historische Pflaster. Der Boulevard der ausgeweiteten Adoleszenzzone.

Es ist schon so. Die Fronten sind verhärtet. Die Rhetorik ist martialisch. Da sammelt auf der einen Seite der Barrikade die Bürgerinitiative Kastanienallee Unterschriften (aktuell: 8000) „gegen die Vernich­tung der Kastanienallee“, gegen die „dummdreiste Zwangsbeglückung“ durch den Bezirk. Auf der anderen Seite attestiert der zuständige Pankower Stadtrat, Jens-Holger Kirchner, einigen Bürgern im „Tagesspiegel“ einen „Grundhass auf den Staat“. Und der „Spiegel“ zitiert ihn so: „Die wollen, dass nüscht jeändert wird.“
Dazu muss man wissen, dass Kirchner zu DDR-Zeiten im Prenzlauer Berg eine Wohnung besetzte und später einen Abenteuerspielplatz mitbaute. Nun ist er bei den Grünen. Die finden gemeinhin Bürgerrechte überaus sinnvoll. Solange man nicht selbst in einem Chefsessel sitzt, ist das aber irgendwie leichter. Man mag dem Bezirksamt zugute halten, dass es wirklich etwas für die Sicherheit der zahlreichen Radfahrer in der Straße tun wollte. Die radeln momentan auf einer Spur zwischen den Schienen. Nun soll für sie ein „Angebotsstreifen“ am Straßenrand freigeräumt werden, wo bislang Autos parken. Für die sind Parkbuchten geplant – auf dem Gehweg. Obendrein halbiert sich die Zahl der ohnehin raren Stell­plätze.

KastanienalleeAber das Gegenteil von „gut“ ist „gut gemeint“. So staunt zum Beispiel der Fahrradbeauftragte des Senats, Benno Koch: „Normalerweise verbreitert man in Bereichen mit extrem starkem Fußgängerverkehr die Gehwege. Hier werden sie schmaler.“ Und wenn die Bürgerinitiative etwa darauf hinweist, dass Lieferfahrzeuge die neue Fahrradspur trotzdem zuparken werden und die Radler somit doch wieder gefährlich die Schienen kreuzen müssen, ist das kein abwegiges Argument.
Sebastian Mücke von der Bürgerinitiative, Betreiber dreier Läden in der Straße, hat, bevor er im März 1990 nach Berlin zog, in New York Stadtteilarbeit gemacht: „Wenn New York den Times Square zur Fußgängerzone machen kann, muss das doch auch in der Kastanienallee möglich sein“, sagt er. Immerhin soll dann Tempo 30 gelten. Nicht 50, wie ursprünglich geplant.

Die Umbau-Unterlagen sind vergangenen Montag bei der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung abgegeben worden. Anfang 2011 könnte losgebuddelt werden. Eineinhalb Jahre Baustelle. Dass auf der Straße nicht so viel Platz ist, alle glücklich zu machen – Autofahrer, Radler, Fußgänger, Cafйbesitzer, Kleingewerbetreibende –, wie Stadtrat Kirchner gegenüber dem tip anmerkt, ist richtig. Sein kompromissarmes Beharren auf einer zumindest nachbesserungswürdigen Planung – Kastanienalleeein zunächst aus Zeitnot nicht einmal eingeplantes Bürgerbeteiligungsverfahren musste nachträglich von der Bezirksverordnetenversammlung durchgesetzt werden – führt jedoch seine eigene Einschätzung einer „wertvollen Debatte“ ad absurdum. Diese Debatte hätte nie und nimmer derart eskalieren müssen. So aber bringt die Politik Bürger gegen sich auf, die eigentlich nur das tun, was ihr Recht ist: sich beteiligen, sich einmischen. Dann muss eben auch ein Amt damit leben, dass in Prenzlauer Berg jede Menge Leute mit Computern umgehen können, für Presse-Mails und offene Briefe. Einige Anwohner der Allee wollen demnächst auch eine bewusst neutrale Internetseite zur Bürgerinteressenbekundung online stellen. Für jede Meinung. Für alle Seiten.

Stadtrat Kirchner sagt: „Eine Bürgerinitiative hat nicht per se recht, weil sie eine Bürgerinitiative ist.“ Klar, sicher. Aber auch ein Stadtrat hat nicht per se Recht, nur weil er ein Stadtrat ist.

Text: Erik Heier
Fotos: Catherine G.

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