Kultur & Freizeit in Berlin

Zu Hause in der Schule: Internate

Internate sind oft besser als ihr Ruf: Die Klassen sind klein, die Lehrer kümmern sich und die Schulkosten halten sich auch in Grenzen

InternatIst das Gleis Neundreiviertel gefunden, steht der Weg ins Zauberinternat Hogwarts offen. Ein Ort an dem Freundschaften fürs Leben geschlossen und gemeinsam Abenteuer bestanden werden. Als Hintergrundkulisse für den idyllischen Schulalltag sind Internate in Filmen nicht erst seit Harry Potter beliebt. In der Re-alität leiden sie jedoch unter Imageproblemen. Oft gelten sie als Elite-Schmieden für Reiche oder als letzter Ausweg für Problemkinder. Die im Zuge der PISA-Studien angestoßene Bildungsdis­kus­sion lässt die Internatsschulen wie­der in einem besseren Licht stehen. Sind Internate vielleicht gar nicht so schlecht wie ihr Ruf? Können Sie mitunter sogar mehr bieten als das eigene Elternhaus?
Der Ansatz von Internaten geht über die ausschließliche Vermittlung von fachlichem Wissen hinaus. Im Zentrum steht die Förderung der Persönlichkeits- Entwick­lung des Kindes. „Neben der schulischen Bildung möchten wir die Kinder auch praktisch fördern“, sagt Florian Becker vom Verband Deutscher Privatschulverbände. „Dabei wird viel Wert auf ein großes Angebot an Projektunterricht, kleinere Klassen und eine verstärkte individuelle Förderung gelegt, die in staatlichen Schulen oft nicht in der Form erbracht werden kann.“ Je nach Internatsform werden unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt. Auf die längste Bildungstradition blicken die kirchlichen Internate zurück. Im Vordergrund steht die Vermittlung religiöser Werte sowie sozialer Kompetenzen. Die Kirchenmitgliedschaft wird nicht vorausgesetzt, die Teilnahme am Religions­unterricht ist jedoch Pflicht. Im Internat des Evangelischen Gymnasiums Hermannswerder liegt ein weiterer Schwerpunkt auf der musischen Förderung, der sich in einem großen Chor- und Theaterangebot widerspiegelt. Ein diakonisches Pflichtpraktikum soll au­ßerdem dazu beitragen, dass die Jugendlichen Sozialerfahrungen machen, beispielsweise in caritativen Einrichtungen oder Behindertenwerkstätten. „Häufig führt das dazu, dass später soziale Berufe ergriffen werden“, berichtet Internatsleiter Achim Jägers. „Die Schüler sollen sich mit den Aussagen von Religion im zwischenmenschlichen Bereich auseinan­der­setzen. Es wird niemand in die Kirche gezerrt.“ Ebenfalls evangelisch geprägt ist das Internat der Königin-Luise-Stiftung in Dahlem. Eine Unterbringung ist bereits ab der ersten Klasse möglich. Mithilfe von Schulpartnerschaften im Ausland soll die Erziehung der Kinder zu respektvollem und tole­ran­tem Handeln unterstützt und interkulturelle Erfahrungen ermöglicht werden.

Neben dem Wunsch nach einer besonderen Förderung des Kindes kann für beruflich stark eingebundene Elternteile der Internatsbesuch auch eine Erleichterung darstellen, weiß Christoph Schmidt, Geschäftsführer des In­ternats der Seeschule Rangsdorf: „Die gesellschaftlichen Strukturen haben sich geändert. Eltern stehen bei der Erziehung ihrer Kinder teilweise vor Herausforderungen, die sie neben ihrer Berufstätigkeit überfordern.“ Gerade in Ballungszentren wie Berlin sind Jugendliche vielen Einflüssen ausgesetzt, die die Eltern nicht immer auffangen können. Gleichzeitig fehlen familiäre Strukturen, wie sie in ländlichen Regionen üblich sind. Schmidt: „Die intensive Betreuung durch geschulte Pädagogen kann einen wichtigen Beitrag dazu leisten, das familiäre Verhältnis zu entspannen.“ Im Wocheninternat der Seeschule finden die Kids einen „Kontrapunkt zur Groß­stadt“, sodass sie während der Woche zur Ruhe zu kommen und trotzdem am Wochenende am familiären Leben teilnehmen. In einem geschützten Raum werden die Schüler zu Eigenständigkeit, Toleranz und Respekt gegenüber der Natur erzogen. Der Umgang mit Tier und Natur wird auch auf der Schulfarm Insel Scharfenberg in Reinickendorf großgeschrieben. Neben der Beherbergung von Pferden, Ziegen oder Schweinen wird der landwirtschaftliche Anbau von Kartoffeln und Getreide betrieben. Auf die Sprachförderung hat sich hingegen das Stift Neuzelle spezialisiert. So arbeitet das Internat mit internationalen Partnerschulen in England, Frankreich, Ungarn, Südafrika und Oman zusammen und fördert so den interkulturellen Austausch. Neben sieben Fremdsprachen werden auch zusätzliche Kurse in Wirtschaft oder Recht angeboten.
In Abhängigkeit von Ausstattung und Internatsform variieren die Kosten zwischen ca. 400 und 1500 Euro monatlich. Die Beantragung von einkommensabhängigen Stipendien oder Schüler-BAföG ist möglich. Neben Überlegungen zur langfristigen Finanzierbarkeit der Kosten, sollten auch an­dere Faktoren bei der Entscheidung beachtet werden. Steht das Kind selbst dem Schulwechsel offen gegenüber? Lassen sich regelmäßige Heimfahrten problemlos realisieren? Beratungen finden in­ter­essierte Eltern bei den Internats­verbänden sowie bei den In­ter­nats­schulen selbst. Viele Schulen bieten auch die Möglichkeit eines Probewohnens sowie Schnup­per­tage an.


Text
: Sabine Käsbohrer

Verband Deutscher Privatschulverbände e.V. www.privatschulen.de Tel. 28 44 50 88-0

EID – Evangelische Internate in Deutschland www.evangelische-schulbuende.de Tel. 05564-960 82 80

Internat Hermannswerder www.internat-hermannswerder.de Tel. 0331-23 13 10-0

Königin-Luise-Stiftung www.königin-luise-stiftung.de Tel. 84 18 1431

Internat der Seeschule Rangsdorf www.seeschule.de Tel. 03 37 08-449 47

Schulfarm Insel Scharfenberg www.insel-scharfenberg.de Tel. 43 09 44 33-0

Gymnasium und Internat im Stift Neuzelle www.internat-neuzelle.de Tel. 03 36 52-82 58-250

 

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