Kulturpolitik

Zukunft der Volksbühne – Die Petiton

„Das ist Etikettenschwindel“ – Evelyn Annuß hat die Petition initiiert, die fordert, die Zukunft der Volksbühne neu zu verhandeln – hier erklärt sie, weshalb

Volksbühne
Volksbühne

tip Frau Annuß, Sie haben mit einigen Bekannten eine Online-Petition gestartet, die den Berliner Senat auffordert, die Zukunft der Volksbühne und die Konditionen von Chris Dercons künftiger Intendanz neu zu verhandeln. Innerhalb von gut zwei Wochen hatte Ihre Petition über 20.000 Unterschriften. Hat Sie diese Resonanz überrascht?
Evelyn Annuß Unsere Petition ist eine Art Stimmungsbarometer. Sie zeigt, dass viele in der Stadt nicht damit einverstanden sind, wie man die Volksbühne in ihrer bisherigen Form, als Sprechtheater mit einer spezifischen ästhetischen Tradition und der ersten Liga an Schauspielern, abwickelt. Diese Abwicklung wurde deutlich, als Chris Dercon sein Programm für die erste Spielzeit vorgestellt hat. Von dessen Profillosigkeit, dem fehlenden Bezug zu dieser Stadt und der Geschichte des Hauses sind viele Leute offenbar entsetzt; das erklärt das große Echo zum jetzigen Zeitpunkt.

tip Andererseits hat Dercon einen gültigen Vertrag. Den kann man nicht einfach zur Disposition stellen, weil einem sein Programm nicht gefällt.
Evelyn Annuß Wenn man sich Programmbuch und Ankündigungen zur kommenden Spielzeit ansieht, verstößt der neue Spielplan gegen den im Haushaltsplan festgeschriebenen Auftrag. Der ist unmissverständlich: Das Land Berlin finanziert die Volksbühne als ein Ensemble- und Repertoire-Theater, in dessen Zentrum das Sprechtheater steht. In Dercons Ankündigungen findet man eine einzige Sprechtheater-Eigenproduktion auf der großen Bühne. Der Rest ist eine App, die als „Premiere“ angekündigt wird; die Projektion von Fotografien aus den 1980er Jahren; ein Konzert, das ebenfalls als „Premiere“ angekündigt wird; eine „Uraufführung“, deren Teile in anderer Kombination schon woanders zu sehen waren. Das ist Etikettenschwindel. Diese Rhetorik der Umdefinition dessen, was Begriffe wie Ensemble, Premiere oder Repertoire bedeuten, erinnert an Fake News.

tip Und was sind die Real News?
Evelyn Annuß Die bisher veröffentlichte Planung zeigt, dass es in erster Linie um die Präsentation von Gastspielen geht, zum Teil mit Künstlern, deren Arbeiten bisher im HAU und anderen Berliner Häusern zu sehen waren und die offenbar von der neuen Volksbühne abgeworben worden sind. Wenn das Dercon-Team in Interviews sagt, die Volksbühne sei weiterhin ein Produktionshaus, deckt sich das nicht mit den Programmankündigungen. Sie zeigen, dass der Kernauftrag des Hauses in Frage gestellt ist. Offenkundig wird es dort in Zukunft sehr viele Schließtage geben. Das müsste auch den Haushaltsausschuss des Abgeordnetenhauses interessieren. Wenn der klar formulierte Auftrag an die Volksbühne von der neuen Theater-Leitung so offenkundig missachtet wird, sollte das politische und administrative Konsequenzen haben.

tip Ihre Petition hat inzwischen viele prominente Unterzeichner, darunter Künstler und Intellektuelle wie Diedrich Diederichsen, Corinna Harfouch, Helene Hegemann, Navid Kermani, Dominik Graf, Boris Groys, Claudia Michelsen, Juliane Rebentisch, Christoph Menke, Constanza Macras, Wolfgang Engler, Dirk von Lowtzow …
Evelyn Annuß Nicht nur viele der wichtigsten Intellektuellen und Kulturschaffenden des Landes haben unterschrieben, sondern 20.000 Leute aus unterschiedlichsten Zusammenhängen. Auch die Mietrebellen haben die Petition auf ihrer Facebook-Seite gepostet – also eine Initiative, die gegen die Gentrifizierung Berlins kämpft. Die Abwicklung der Volksbühne wirkt offenbar wie ein Symbol für den Ausverkauf der Stadt an Investoren und betuchte Touristen. Die Volksbühne stand für eine international bekannte, spezifische Form des Theaters und war ein besonderer Ort, an dem kritische Öffentlichkeiten zusammenkamen. Während dieses Profil abgewickelt wird, werden Mieter an den Stadtrand verdrängt und Mietshäuser als Airbnb-Hostels zweckentfremdet. Zwischen beiden Vorgängen kann man einen Zusammenhang sehen. Das erklärt vielleicht die große Resonanz unserer Petition.
Auch Künstler der Freien Szene sind derzeit alarmiert. Sie befürchten, dass Dercons Apparat versucht, die Förder-Töpfe anzuzapfen, die für unabhängig produzierende Künstler mit sehr begrenzten Budgets die Voraussetzung sind, um überhaupt arbeiten zu können. Wenn dieser Konflikt etwas Gutes hat, ist es die Chance, die Frage, wem die Stadt gehört, noch einmal neu zu stellen. Die Auseinandersetzung um die Volksbühne ermöglicht eine breite Allianz für eine linke Kulturpolitik im Interesse derer, die hier wohnen und arbeiten – egal, woher sie kommen.

tip Stimmt es, dass der Vertrag, den Tim Renner mit Dercon verhandelt hat, einem Blankoscheck gleicht und allen Regeln seriösen Verwaltungshandelns widerspricht – etwa indem er auf Zielvereinbarungen, zum Beispiel bei der Zahl der Vorstellungen, verzichtet?
Evelyn Annuß Ich kenne den Vertrag nicht, aber er ist offenbar ohne irgendeine sachkundige Beratung zustande gekommen. Tim Renner, der damals zuständige SPD-Kulturstaatssekretär und ehemalige Musikindustrie-Manager, hat laut den Sitzungsprotokollen gegenüber Parlament und Kulturausschuss deutlich gemacht, dass es in diesem Vertrag keine Zielvereinbarungen gibt. Das ist in der Tat eine Art Blankoscheck für einen Kurator, der bislang mit Theater nichts zu tun hatte.

tip Wie kamen Sie auf die Idee, sich den Stress dieser Petition anzutun?
Evelyn Annuß Ich war bei der letzten Aufführung von „Der Spieler“ und hatte eine Karte in der ersten Reihe ergattert. Mich haben die Schauspieler noch mal regelrecht umgehauen. Ich bin keine Aktivistin, sondern Theaterwissenschaftlerin, das ist mein Beruf. Bei der Volksbühne in ihrer bisherigen Form geht es um gewachsene künstlerische Strukturen, die ohne Not kaputt gemacht werden, weil eine sachfremde Politik auf große Investoren spekuliert hat. Die Volksbühne steht also für mehr als für eine bestimmte Spielweise. Sie ist gerade ein Kristallisationspunkt, an dem über die Institution Theater, über eine bestimmte Subventionsform, und über die Zukunft dieser Stadt gestritten wird.

Mehr unter: www.change.org/p/zukunft-der-volksbühne-neu-verhandeln