Nachruf

Zum Tod des Schauspielers Volker Spengler (1939-2020)

Fritz Kortner sagte während einer Probe zum jungen Volker Spengler einen großen Satz, der das anarchische Talent dieses Ausnahmeschauspielers präzise zusammenfasst: „Spengler, Sie sind der Untergang des Abendlandes.“

Volker Spengler als Amme in „Medea“. Foto: imago images / DRAMA-Berlin.de

Sein Schauspielerleben lang gab sich Volker Spengler, ein wuchtiger Mann mit der richtigen Mischung aus Grazie, Empfindsamkeit und Angriffsfreude, keine Mühe, diesen Verzweiflungsseufzer, dieses Kompliment Kortners zu widerlegen. Für ordentliche Schauspielerdienstleistung war er eher nicht zuständig. Seit seinen Anfängen bei Fritz Kortner arbeite er am liebsten mit radikalen Künstlern zusammen, weil er selber einer war: Der Brecht-Schüler Peter Paltizsch und der Anarchist Rainer Werner Fassbinder, Einar Schleef und Hans Neuenfels, Schlingensief und Pollesch waren seine wichtigsten Regisseure. Spengler dürfte sie mindestens so stark beeinflusst haben wie sie ihn.

In einem der persönlichsten Filme Fassbinders, „In einem Jahr mit 13 Monden“,  mit dem der Regisseur auf den Suizid seines Lebensgefährten reagierte, spielte Spengler 1978 verstörend, lebensgierig und todessüchtig die letzten Tage der Transsexuellen Elvira Weishaupt. Sein offensiver Umgang mit der eigenen Homosexualität, das Vergnügen daran, in seinen Film- und Theaterrollen Geschlechterklischees lustvoll und subversiv zu zerlegen, gerne mit zu einem trotzigen Quäken hochgetriebener Stimme, muss vor einem halben Jahrhundert einigermaßen irritierend gewirkt haben. In einem Alter, in dem andere Schauspieler ihre Filmpreise zählen, entdeckte Spengler für sich an der Volksbühne mit Schlingensief und Pollesch neue, angemessen furchtlose Partner seiner Kunst. Seinem Lebensziel, nie erwachsen werden zu müssen,  ist dieses große, schwer erziehbare, geniale Kind gerecht geworden. Anfang Februar ist Volker Spengler wenige Tage vor seinem 81. Geburtstag in Berlin gestorben.

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