Kultur & Freizeit in Berlin

Zur Innotrans 2010: Interview mit Andreas Knie

Der Mobilitätsforscher Andreas Knie über das Ende des Privatautos, eine Flatrate im öffentlichen Nahverkehr, eMobility und die Verkehrsmesse Innotrans

Andreas KnieAn der U2-Viaduktbaustelle in der Schönhauser Allee herrscht das blanke Verkehrschaos. Machen Sie uns doch bitte ein wenig Hoffnung, dass wir von so was künftig verschont bleiben.
Das kann ich leider nicht. Wir werden sicher unser schönes altes U- und S-Bahn-System auch künftig modernisieren müssen. Das heißt: Die Zahl der Baustellen wird eher mehr als weniger.


Sie wollen das Gebiet im S-Bahn-Ring zum Labor eines „intermodularen Verkehrs“ machen. Wie müssen wir uns das vorstellen?

Der U- und S-Bahn-Verkehr wird ergänzt durch kleine Individualverkehrsmittel. Das können Räder oder Autos sein. Sie haben einen Anbieter, dort lassen Sie sich registrieren, dann werden einmal Ihre Daten hinterlegt. Sie bekommen dann eine entsprechende Karte und haben auch mittels ihres Handys die Möglichkeit, überall festzustellen, wo diese Autos oder Fahrräder gerade stehen. Da gehen Sie einfach mit dem Handy oder dieser Karte ran, fahren los und stellen sie hinterher an jeder anderen beliebigen Ecke wieder ab. Das ist bequem, das ist einfach, man muss dabei nicht nachdenken, man hat einen hohen Komfort. Und das Ganze ist, eben weil es kollektiv genutzt wird, auch noch nachhaltig.


Von welchen Zeiträumen reden wir dabei?

Wir fangen ja jetzt schon an. Es gibt bereits eine Flotte von mehreren Anbietern, die wird jetzt zunehmend ausgebaut. Die Bezirke Mitte und Prenzlauer Berg werden die ersten Testgebiete sein, dort geht das ab Ende des Jahres peu а peu los. Wir werden sicherlich im nächsten Jahr schon ein gut nutzbares Angebot haben.


Ein anderes Konzept, das in Berlin seit zweieinhalb Jahren getestet wird, ist das „Touch & Travel“-System, bei dem man sich per Handy am Ausgangsbahnhof an einem Touchpoint anmeldet, und das System automatisch Reiseroute und Fahrpreis errechnet.
Das ist wegen der begrenzten Anzahl der dafür verfügbaren Handys noch im Teststadium. Die rund 500 Kunden der Testgruppe sind sehr zufrieden, es ist ein ganz anderes Fahren. „Touch & Travel“ wird das Generalthema für alles im öffentlichen Verkehr. Sie werden ab 2012 das System überall einheitlich vorfinden. Und natürlich beginnen auch die Schienenverkehrsunternehmen darüber nachzudenken, wie sie sich gegenüber dem weltweiten Megatrend der Individualisierung aufstellen. Der Klimawandel und die Ressourcenverteuerungen bringen die Menschen nicht automatisch zur Bahn!


Inwieweit spielen diese Konzepte auf der Fachmesse für Schienenverkehrstechnik, der Innotrans, schon eine Rolle?

Die Verkehrsunternehmen müssen nachdenken, wie sie ihr Angebot attraktiver und persönlicher machen. Und da sind „Touch & Travel“ und zusätzliche Ergänzungsbausteine ein großes Thema.


Sie sagen auch, dass Tarif- und Preiszonen künftig der Vergangenheit angehören sollen. In Berlin wird aber seit Jahren über mehr Tarifzonen diskutiert. Das passt doch nicht zusammen.
Tarifzonen sind ein Folterinstrument aus dem 19. Jahrhundert. Das können Sie in der Moderne nicht mehr machen, wenn Sie attraktiv sein wollen. Sie brauchen ganz einfache Preise. Das geht in Richtung  Flatrate: einmal bezahlen, immer fahren.


Was macht Sie so optimistisch, dass Berlin eine Vorreiterrolle bei der sogenannten eMobility übernehmen kann?

Die guten Voraussetzungen. Wir haben schon eine große Menge an
Menschen, die gar keine Autos haben. Der Berliner ist geübt in der
intermodalen Verkehrspraxis, das macht er schon seit Jahren. Wir haben einen guten öffentlichen Nahverkehr, das Rückgrat für die Zukunft des Verkehrs. Und alle, die nach Berlin kommen, sind doch in gewisser Weise experimentierfreudig.


Werden wir unser Verkehrssystem 2050 noch wiedererkennen?

Doch, man wird die U-Bahn, die Straßenbahn und die S-Bahn schon
wiedererkennen. Aber die Autos fahren ausschließlich mit elektrischem Antrieb. Wir werden überhaupt überall elektrisch unterwegs sein. Und es wird in den Städten kaum noch eigene Fahrzeuge geben. Dass ich exklusiv und allein mit meinem tollen Wagen durch die Gegend kurve, wird‘s weiterhin geben. Aber das Auto ist eben nicht mehr mein Eigentum. 

 

Der Berliner Soziologieprofessor Andreas Knie ist Geschäftsführer des Innovationszentrums für Mobilität und gesellschaftlichen Wandel (InnoZ), einem Unternehmen u.a. der Deutschen Bahn AG, T-Systems und des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR).


Interview: Erik Heier
Foto: Georg Kumpfmüller


Innotrans 2010? – Internationale Fachmesse für Verkehrstechnik
Messegelände am Funkturm, Charlottenburg, Fachmesse 21.-24.9., ?Publikumstage 25.+26.9. (nur Frei- und Gleisgelände), ?www.innotrans.de

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