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Zwei Jahre SchwuZ in Neukölln

Das SchwuZ ist mehr als ein Club. Seit zwei Jahren residiert es in Neukölln. Einige waren anfangs skeptisch. Es kam ganz anders als sie dachten.

Zwei Jahre SchwuZ in Neukölln

Samstag, 26. September, im Neuköllner Rollbergkiez. „Oma!“, ruft ein junger Schwuler begeistert, als er sieht, wie seine Großmutter die Rollbergstraße blockiert. Seite an Seite mit Politlesben, Glamourtunten – und allerlei Leuten am Rollator. Verqueerte Welt? Es sind Bewohnerinnern und Bewohner der MoRo Seniorenwohnanlage, die hier gemeinsame Sache machen mit dem SchwuZ, wie das Schwulenzentrum verkürzt genannt wird, und einigen seiner Gäste. Sitzblockade, damit die Taxis nicht den Rollberg hochbrettern.
Vor zwei Jahren war hier nachts noch Totenstille. Inzwischen feiern jedes Wochenende 3.000 Leute im neuen SchwuZ, direkt gegenüber vom Senior-Wohnheim. 108 Wohnungen für 130 Leute zwischen 60 und 95 Jahren. Manche wohnen hier schon seit über 20 Jahren.
Trotzdem hätten die alten Menschen kein Problem damit, dass hier das queere Leben tobt, so Sylvia-Fee-Wadehn, die 64-jährige Leiterin des Wohnheims mit „transsexueller Vergangenheit“, wie sie sagt. Sie glaube nicht, dass ihre Bewohner hier den Rosenkranz runterbeten, wenn die Schwulen den Rollberg raufheizen. Manche Großmütter erzählen von ihren schwulen Enkeln, die hier manchmal zu Besuch kommen.  Ein offen schwules Paar lebe hier auch und ein lesbisches. „Und ich wette, auch drei Klemmschwestern“, sagt Wadehn lachend.
 Sie erinnert sich auch gerne daran, als man vor einem Jahr beim Chanson-Abend gemeinsam im SchwuZ war und eine 90-jährige Bewohnerin anschließend Claire Waldoffs „Wer schmeißt denn da mit Lehm“ über den Rollberg schmetterte. Auch wenn das SchwuZ am 21. November seine Zweijahres-Jahres-Jubiläumsfete wirft, ist man mit von der Partie. Das SchwuZ macht dann sogar einen Schnaps-Stand, um Geld für den nächsten Ausflug der Seniors zu sammeln.
„Ich gehe jeden Tag durch den Kiez und sehe Bilder, die so gar nichts zu tun haben mit den Klischees, die immer wieder von Neukölln gezeichnet werden“, sagt SchwuZ-Geschäftsführer Marcel Weber. Klar, seine Partys laufen super, auch der „Elektronische Donnerstag“, den man seit zwei Jahren mit externen Partykollektiven macht. Jean Paul Gaultier hatte seine Filmpremiere im SchwuZ und Arte zeichnet hier Konzerte auf. Aber man merkt, dass das, was Weber antreibt, vor allem das Miteinander ist. Hier im Kiez und überhaupt. „Wir definieren uns nicht ausschließlich als Veranstalter für schwulen Mainstream“, sagt er. Seit 38 Jahren ist das SchwuZ nicht bloß ein Club, sondern Plattform für Diskussionen der queeren Community. „Das SchwuZ definiert sich auch als Schutzraum“, sagt LCavaliero aus Webers Team. „Rassismus gibt es nicht nur draußen, sondern auch innerhalb der Szene.“ Es sei wichtig, sich nicht bloß als Emanzipationsbewegung selbst zu beweihräuchern und zu feiern, sondern weiterzudenken. Im SchwuZ hängt mittlerweile ein Anti-Diskriminierungs-Papier.  Und Ende Oktober schmiss man die „Refugess Welcome!“-Party, bei der die 1.500 Gäste 9.000 Euro für Geflüchtete spendeten. Kein einmaliges Soli-Symbol. Insgesamt arbeitet man im SchwuZ am Abbau von Barrieren. Spätestens seitdem das SchwuZ am Rollberg ist, gibt es Kontakt mit der migrantischen Lesbeninitiative LesMigraS, dem „Netzwerk diskriminierungsfreie Szenen für Alle!“ und der Salaam-Schalom Initiative.
Auch drumherum tut sich was: Die „CockTail d’Amore“-Party steigt inzwischen in der Griessmühle und „Party Colare“ in der Loftus Hall. „Die Bereicherung der queeren Szene in Neukölln macht sich aber nicht unbedingt die achte Bar bemerkbar“, sagt Weber. Der Verein „TransInterQueer“ sitzt inzwischen ebenso in Neukölln wie „Rad und Tat“, eine lebische Initiative.
Wenn man im Gemeinschaftshaus Morus 14 das muslimische Zuckerfest feiert, ist auch Marcel Weber eingeladen. Ihm gehe es dann aber nicht darum eine Werbeveranstaltung für das SchwuZ zu machen, „sondern zu schauen, wie es den Menschen geht, die hier leben“. Er und das SchwuZ sind bestens vernetzt. Das SchwuZ ist ein Player im Kiez und drittgrößter privater Arbeitgeber in Nord-Neukölln. „Wir können nicht vor unserer Club-Tür aufhören nachzudenken, sondern müssen schauen, was drum herum passiert“, sagt Weber.
Schlechte Laune bekommen Marcel Weber und sein Team, wenn man sie auf Homophobie im Kiez anspricht – weil sie die Frage schon als „stigmatisierend“ empfinden, „als ob der Rollbergkiez böse wäre“. Ein Stigma, das man nicht stehenlassen möchte. Man habe die Ängste vor dem Umzug ernstgenommen, sagt Weber, „und es hat sich gezeigt, dass bisher nichts passiert ist. So etwas wie eine erhöhte Gefahrenlage durch den Standortwechsel gibt es nicht. Wir können nach zwei Jahren den Beweis antreten, dass Homophobie hier kein Thema ist.“ – „Wichtig ist eher“, sagt Michael von Fischbach aus dem SchwuZ-Team, „die Frage, wie man Brücken baut.“ Und man baut. Auch mit den „Techno Türken“. Einen gemeinsamen Raki-Abend gab es im SchwuZ; umgekehrt haben die „Techno Türken“ das SchwuZ auf ihren Wagen beim „Zug der Liebe“ eingeladen.
Wer hätte das gedacht, als Rosa von Praunheim 1977 den ersten SchwuZ-Mietvertrag in der Kulmer Straße mit unterschrieb. „Das waren die ersten alternativen Treffpunkte“, erzählt er dem tip, „die Schwulenlokale waren damals sehr versteckt, mit Klingeln nachts. Das war voller Angst.“ Nächstes Jahr wird von Praunheim einen Film über Leben in Neukölln machen „Es war und ist kompliziert, schwule Türken oder Araber zu finden, die darüber reden wollen“, sagt von Praunheim. Aber vielleicht bringt das SchwuZ ja auch dabei in Neukölln in den nächsten Jahren noch was in Bewegung.
Sein Freund Oliver gehe ja öfter ins SchwuZ, erzählt von Praunheim. Er selbst wolle sich bei der Jubiläumsparty anschließen.  „Aber in meinem Alter – ein Disco-Typ bin ich natürlich nicht“ lacht er. Was sollen da erst die Seniors aus der Wohnanlage sagen, die auf der Party den Soli-Schnaps ausschenken für all die jungen und auch heterosexuellen Menschen, die inzwischen in Neukölln leben oder zumindest feiern im SchwuZ: Feiern, dass an diesem besonderen Ort ein Miteinander möglich ist, von dem man andernorts träumt oder vor dem man Angst hätte. Wirklich Sorgen gemacht, sagt Weber, hätte er sich, wenn das SchwuZ nicht nach Neukölln, sondern nach Hoyerswerda gezogen wäre.

Text: Stefan Hochgesand

Foto: Guido Woller

SchwuZ Rollbergstr. 26, Neukölln; Jubiläumsparty Sa 21.11., 23 Uhr, Eintritt 10 Euro

Das komplette Programm
des SchwuZ finden Sie hier

Veranstaltung zum Jubiläum mit Ralf König

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