Lebenswerk

Grenzgänger der Künste

Jürgen Böttcher, als Maler unter dem Namen Strawalde bekannt, ist ein Grenzgänger der Künste. Sein Werk wird jetzt im Schloss Sacrow zusammengeführt.

Foto: Johanna Henning

Im Jahr 1962 entstand in der DDR ein Film über das Pergamon-Museum. Man sah darin Menschen aus aller Welt beim Betrachten der berühmten Weltkulturdenkmäler aus „dem alten Babylon, Assur, Attika“. Regie bei dieser DEFA-Produktion führte ein junger Mann, der damals noch nicht genau wusste, ob er Maler oder Filmemacher werden sollte: Jürgen Böttcher wurde schließlich beides. Allerdings gab er sich für seine Laufbahn als Maler einen zweiten Namen: Strawalde – nach dem Ort in der Lausitz, in dem er seine Kindheit und Jugend verbrachte. Gelegentlich verbanden sich seine Tätigkeitsbereiche, vor allem in den frühen 1980er-Jahren, als er mit „Potter’s Stier“, „Venus nach Giorgione“ und „Frau am Klavichord“ eine Trilogie von sogenannten Übermalungsfilmen machte. Aber über weite Strecken blieben das filmische Werk von Jürgen Böttcher und das künstlerische Werk von Strawalde für sich, sie hatten jeweils ein eigenes Publikum, und man ging entweder ins Kino oder in die Galerie, um sich damit zu beschäftigen.
Das soll nun mit einer Ausstellung im Schloss Sacrow anders werden. „Der Kreis schließt sich“ ist dabei ein in mehrfacher Hinsicht passender Titel. Denn als in Berlin 1961 die Mauer errichtet wurde, war Jürgen Böttcher, der 1931 im sächsischen Frankenberg geboren worden war, gerade in Babelsberg an der Filmhochschule. Von Sacrow trennte ihn damals ein Ausläufer von West-Berlin, die Heilandskirche wurde quasi ein Teil der „Sperranlage“. Vor wenigen Tagen wurde Böttcher 87 Jahre alt, es trifft sich also einigermaßen symbolisch, wenn er nun eine späte Werksynthese an einem Ort erleben kann, der damals für ihn so nahe und zugleich auch weit entfernt lag.

Der Kreis soll sich in Schloss Sacrow aber auch insofern schließen, als hier die beiden Werkbereiche und alle Genres und Gattungen zusammengeführt werden: „Grafik Malerei Collagen Rollbilder Spielfilm Dokumentarfilm Experimentalfilm“. Und zwar immer wieder in einem Raum: 1990 drehte Böttcher (noch für die DEFA!) den Dokumentarfilm „Die Mauer“, eines der wichtigsten spontanen filmischen Zeugnisse der Wende. Der Film wird nun gemeinsam mit einigen seiner Mauerbilder gezeigt, also Malereiarbeiten, die in dieser Phase stark auch Materialarbeiten waren, bis zu der Verwendung konkreter Mauerstückchen als Bildinhalt. Es ist einer der Punkte in der Ausstellung, an dem eine spannende Verbindung zwischen der künstlerischen Tendenz zur Abstraktheit und einer dokumentarischen Tendenz zum Konkreten ganz lebendig wird.

 

Verbotsfilmer und Dokumtarist
Der Filmemacher Jürgen Böttcher wurde nicht zuletzt dadurch berühmt, dass er einen der „Verbotsfilme“ gemacht hat, die 1965/66 von der DDR-Kulturpolitik aus dem Verkehr genommen wurden: „Jahrgang 45“ gilt heute als eines der besten Zeugnisse einer europäischen Aufbruchstimmung, die sich im Prager Frühling und in den Ereignissen von 1968 äußerten, die in der DDR aber die Ära Honecker mit sich brachte. Meistens aber hat Böttcher dokumentarisch gearbeitet: Filme über „Wäscherinnen“ oder „Rangierer“ zeigen einfach Menschen bei der Arbeit, oder gar nur die Arbeit an sich, befreit aus dem ideologischen Korsett, in das in der DDR noch die kleinste Geste gesperrt war. Von einer Reise in die damalige Sowjetrepublik Georgien brachte er einen Film mit, der Alltagskultur und große Kultur durcheinanderbrachte, also auch das Menschheitspathos, das sich im Pergamon-Museum zeigte, ein wenig aufmischte.

Als Maler, Zeichner und Collagist ist Jürgen Böttcher bzw. Strawalde nicht leicht einzuorden. Es finden sich stilistische Anleihen quer durch das 20. Jahrhundert. Manchmal zeigt Strawalde sich ausdrücklich in einer Auseinandersetzung mit dem Erbe der klassischen Moderne, zum Beispiel mit Bildern, in denen er das Motiv des „Frühstücks im Grünen“ aufgreift (und dabei seine eigene Variation auch gleich seriell bricht). Manchmal nimmt seine Arbeit auch konzeptuelle Züge an, etwa in seinen Rollbildern, in denen er die Rückseite von Schullandkarten als Leinwand benützte, deren Vorderseite nach 1989 obsolet geworden war. Allerdings bildet sie nun so etwas wie eine vorbewusste Dimension der Bilder, denn Strawalde ist als Mensch wie als Künstler nun einmal jemand, der in der Welt groß wurde, die er in den Rollbildern übermalte. Das Konzept von Identität, das sich hier andeutet, ist wiederum dem gesetzten Maß, das sich im Film über das Pergamon-Museum zeigte, deutlich entgegengesetzt: Böttcher/Strawalde zeigt sich in seinen Filmen, vor allem aber in seinen anderen Arbeiten als eine schillernde Figur, als jemand, der in alle Richtungen hin neugierig und spontan ist.

Die DDR hat dieser Dynamik für einige Jahrzehnte einen zum Glück nicht allzu engen Rahmen gesetzt. Nach 1990 entfaltete sich bezeichnenderweise Strawalde stärker als der Filmemacher Jürgen Böttcher, der allerdings 1995 mit „Konzert im Freien“ noch ein überragendes Werk über die Geschichtspolitik vor und nach der DDR fertigstellte. Aus dem Jahr 1991 gibt es einen kurzen Film „Strawalde und Penck malen ein Bild“. Hier schloss sich schon ein Kreis, zugleich aber wurden viele weitere geöffnet. A.R. Penck wurde ein Weltstar, Strawalde blieb eher eine Figur für sich.
Für den Kunstsommer in Berlin könnte die Ausstellung „Der Kreis schließt sich“ zu einem echten Höhepunkt werden, jedenfalls aber zu einem Anlass, diesen auch nach dem Fall der Mauer weiterhin entlegenen, kostbaren Ort aufzusuchen.

Der Kreis schließt sich, Schloss Sacrow, Krampnitzer Str. 33, 14469 Potsdam, Mo 11–18, Fr–So 11–18 Uhr, Eintritt 8, erm 5 €, bis 7.10.

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