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Radikale Passivität: Politiken des Fleisches

Radikale Passivität: Politiken des Fleisches
Andrea Winkler Vests, 2019

Informationen des Veranstalters

Mit: Sophia Eisenhut, Sidsel Meineche Hansen, KAYA, Jutta Koether, Andreas Langfeld, aLifveForms (cared for by J.P. Raether), Lee Lozano, Alina Szapocznikow, Paul Thek, Clemens von Wedemeyer, Marianne Wex, Andrea Winkler, David Wojnarovicz u.a.

Die Ausstellung widmet sich in drei ›Szenen‹ neuen Formen von Sensibilität und Fleischlichkeit in den Künsten. Das thematische Spektrum reicht von Auseinandersetzungen mit Schmerz, Sucht und Erregung über die Idee einer neuen digitalen Fleischlichkeit bis hin zu Fragen nach der gesellschaftlichen Formierung einer nicht mehr subjektzentrierten Empfindsamkeit.

Szene 1. Ästhetiken der Affizierung: Schmerz und ErregungSzene 2. Digitale Fleischlichkeit: Mensch-Maschine-Sex (ab 2. Okt.)Szene 3. Politiken des Fleisches: Formierungen des Körpers (ab 16. Okt.)

Die drei aufeinander folgenden Szenen der Ausstellung, deren Display der Künstler Eran Schaerf entwickelt hat, entfalten sich als eine Choreografie aus aktiven und inaktiven Arbeiten. Zu jeder neuen Szene findet ein Veranstaltungsprogramm mit Vorträgen, Performances und Filmscreenings statt.

Die heutigen gesellschaftlichen Appelle mit ihren Versprechen der Selbstentfaltung und Kreativität haben sich als perfidere Formen von Kontrolle herausgestellt. Die Versuche, ihnen durch Passivierung, Verweigerung, Rückzug oder auch Selbstsorge und Achtsamkeit zu entgehen, dienen im Grunde nur ihrem noch besseren Funktionieren. Im Unterschied dazu sind in der zeitgenössischen Kunst – auch wenn sie in diese Logiken verstrickt ist – Formen radikalisierter Passivität freigelegt worden.

Die gezeigten Arbeiten reflektieren die Zusammenhänge von Krankheit, Empfindsamkeit und Kunst, lenken die Aufmerksamkeit auf das Unwillkürliche und Hinfällige und hinterfragen Politiken der Affizierung und Affektregulierung. Unter Einbeziehung von Werken aus den 1960er und 1980er Jahren wird in der Ausstellung dasjenige adressiert, was in Kunst und Leben nicht Gegenstand der Wahl und nicht im Möglichkeitsspielraum des Einzelnen vorgezeichnet ist. Schwäche, Altern, Erschöpfung oder Sterblichkeit, aber auch Geburt, Verletz- und Erregbarkeit werden verstanden als Phänomene einer anderen Form von Widerstand und fungieren als Kritik an der Illusion von Machbarkeit.

Paul B. Preciado hat in einer Fortschreibung von Michel Foucaults Überlegungen zur Biopolitik die These aufgestellt, die Machtform der heutigen Gesellschaft sei ›pharmakopornografisch‹: Die Weise, in der die Menschen gegenwärtig subjektiviert und regiert werden, verlaufe zum einen über Pharmazien (gemeint sind Medikamente, Hormone, Aufputschmittel, Tranquilizer, Drogen usw.). Zum anderen funktioniere die heutige Machtform über Erregung, wobei nicht nur die Pornoindustrie gemeint ist, sondern auch andere gesellschaftliche Mechanismen, die der masturbatorischen Logik: »Erregung – Frustration – Erregung« gehorchen. Zeitgleich findet man, vor allem in queer-feministischen Positionen, eine Aufwertung von Vulnerabilität, Krankheit oder Schwäche, die gerade im Raum der Kunst mit ihrer Neigung zu exzessiver Empfindsamkeit widerhallt.

Dies gewinnt angesichts der Digitalisierung zusätzlich an Bedeutung. Gerade in einer Zeit, in der die bestimmenden Faktoren der Existenz immer unsichtbarer werden und die Schwelle der Bemerkbarkeit unterschreiten, wenn Techniken in den Körper eindringen, Regulierungsprozesse unwahrnehmbar werden und das Digitale sich mit dem Leiblichen überkreuzt, zeigt sich die Ebene der Passionen, der Sensibilität und Beeinflussbarkeit als das eigentliche Feld des Politischen. Zu fragen ist, wie die Kunst auf diese neuen Machtformen reagiert, welche Süchte sie kultiviert oder auch welche neuen Affekte sie erfindet. Wo liegen die Grenzen der Handlungsmacht und welchen Enteignungen sollte man widerstehen?

Ein Kooperationsprojekt der neuen Gesellschaft für bildende Kunst (nGbK) und der Gesellschaft für künstlerische Forschung in Deutschland (gkfd)Kuratorisches Team: Kathrin Busch und Ilse LaferKuratorische Mitarbeit: Jonas von Lenthe und Carolin Schulz

Finanziert aus Joint Venture Mitteln der Senatsverwaltung für Kultur und Europa.