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Keine Ponyhof-Geschichten: Berliner Märchentage 2019

Märchen gibt es in allen Kulturen, sie verbinden die Menschen. Das beweist auch die Entstehungsgeschichte der Berliner Märchentage. Zum 30. Jubiläum besinnt man sich auf alte Stärken

Konzept und Bild / Cathrin Bach

Im September 1990 herrschte Aufbruchstimmung in Berlin. Märchen können Menschen verbinden, dachte sich der Theaterwissenschaftler Horst Dieter Klock und initiierte die ersten Berliner Märchentage.

Noch vor der Wiedervereinigung fanden sich enthusiastische Mitstreiter – Ost-Berliner Autoren lasen in West-Berliner Bibliotheken und West-Berliner Autoren in Ost-Berliner Bibliotheken. Dass dies überhaupt möglich war, ließ den Gedanken aufkommen: Ein Märchen wird wahr. In der DDR hatte das Erzählen und Inszenieren von Märchen einen stärkeren Stellenwert als in der Bundesrepublik Deutschland. Die DEFA-Märchenfilme sind heute noch legendär. So lernte wenigstens auf diesem Gebiet der Westen vom Osten. Die Märchentage entwickelten sich rasch und wuchsen zu einem regelmäßigen Festival heran. In Schulen, Kitas, Bibliotheken oder Buchhandlungen wird inzwischen über mehr als zwei Wochen verteilt gelesen, gesungen, getanzt und erzählt, begleitet von Symposien, Ausstellungen und Filmveranstaltungen. Über die Jahre zählte das Festival insgesamt 4,5 Millionen Besucher*innen.

Geschichten gegen die Spaltung

Silke Fischer übernahm im Jahr 2000 die Leitung der Märchentage und verschob sie vom Monat September auf den gemütlichen, grauen November. 2004 gründete sie den Verein Märchenland e.V., der Märchentage auch in anderen Städten organisiert. „Die Besucher kommen inzwischen in der dritten Generation“, erzählt Silke Fischer. Und sie weiß auch, warum Märchen so wichtig sind: „Märchen erzählen von der glücklichen Überwindung von Widerständen. Aber auch davon, dass man losziehen und sein Glück selber suchen muss. Man braucht Freunde, man muss zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein, aber man muss selber handeln. Und das eigene Handeln hat Konsequenzen. Das sind keine Ponyhof-Geschichten. Und das gefällt den Kindern.“

Zum 30. Jubiläum der Märchentage ist das Motto wieder dasselbe wie 1990 – „Märchen überwinden Grenzen“. Und das ist heute, in einer stark gespaltenen Gesellschaft, wieder sehr wichtig, meint Silke Fischer: „Während die Grenzen in der äußeren Welt fallen, werden sie im Innern wiederaufgebaut.“

Multi-Kulti ist in Berlin normal, in vielen Klassen sind geflüchtete Kinder. Märchen eignen sich zur Verständigung: „Es gibt sie in jeder Kultur“, so Fischer, „Märchen sind der kleinste gemeinsame Nenner zwischen Kulturen und Religionen. Sie können ein emotionaler Türöffner sein.“

Viele Prominente, moderne Held*innen sozusagen, unterstützen das Festival. Schirmherren sind in diesem Jahr Kultursenator Klaus Lederer und der Regierende Bürgermeister Michael Müller. Journalist*innen, Sportler*innen und Politiker*innen treffen sich mit Kindern und lesen vor, diesmal zum Beispiel Familienministerin Franziska Giffey, Hertha-BSC-Funktionär Michael Preetz oder der Journalist Harald Martenstein. Unter dem Motto „Die Frohe Botschaft“ finden Lesungen in zahlreichen Botschaften statt.

Märchen funktionieren immer und überall: „Der Urgedanke ist das freie Erzählen in der Gemeinschaft. Eine Erzählerin tritt auf und plötzlich sind das Schloss, das weiße Pferd und die Prinzessin mit im Raum“, erklärt Fischer. Aber die Welt der Märchen ist groß und schließt auch digitale Erzählwelten nicht aus: „Märchenland goes digital“ heißt eine Rubrik.

Der jährliche Ehrenpreis, die Goldene Erbse, ging 2017 an die „Marmeladen-Oma“, die auf ihrem eigenen Youtube-Kanal Märchen vorliest und so zum Internet-Star wurde. Ein Highlight ist in jedem Jahr die „Lange Nacht der Märchenerzähler*innen“ mit 300 Minuten Märchen im türkischen Theater Tiyatrom. Und das Varieté Wintergarten öffnet seine Bühne für Kinder. Die Akrobat*innen des Kinderzirkus Cabuwazi zeigen ihre Künste in der Märchenerzählung „Pinocchio“ und verlängern so über die Märchentage hinaus das Vergnügen, denn, so Silke Fischer: „Wer zuhören und zuschauen kann, hat hinterher viel zu erzählen.“

30. Berliner Märchentage 7.–24.11., u.a. mit: Lange Nacht der Märchenerzähler*innen, 23.11., 19 Uhr, Tiyatrom, Alte Jakobstr. 12, Kreuzberg; „Zimt und Zauber: Pinocchio“, 24.11., 14 Uhr, Varieté Wintergarten, Potsdamer Str. 96, Tiergarten; das ganze Programm:
märchenland.de

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