Kolumne

Jackie A. entdeckt … Das gute Sunil

Langsam reicht es mit den Flucht-ausm-Osten-Storys. Wobei, die von Gitti (Name geändert),  Servicekraft aus Cottbus, fehlt hier noch. Und die Gründe zur Flucht waren, daran muss mal erinnert werden, nicht immer nur die großen, die mit Repressalien oder Verfolgung zu tun hatten. Es ging auch um banales Frustpotential: eine triste Ehe, der freudlose Job, diese „War das schon alles?“-Frage – kurz,  ein Alltag mit deutsch-deutschen Gemeinsamkeiten und einem entscheidenden Unterschied: Der Ossi konnte hoffen!

Denn im Fernsehen präsentierte sich die Illusion der „perfekten Welt von nebenan“ in Werbeclips mit strahlenden Familien („Jacobs Krönung“), blütenweißer Bettwäsche („Der Weiße Riese“), exotischen Tripps („Raffaello“) und ewig haltbaren Frisuren („Gard“). Bevor Gitti ihre Flucht antrat ging sie noch einmal zum Friseur, packte einen abgegriffenen Pittiplatsch (das Lieblingsstofftier des Sohnes) und die teure Bluse aus dem „Exquisit“ in einen Rucksack. Und als sie wenig später zum ersten Mal westlichen Boden betrat, da war das ihr ganz privater historischer Moment. Frei von den nörgelnden Schwiegereltern, den langen Schichten in der HO-Speisegaststätte und einem Ex-Mann, der sich nicht ums gemeinsame Kind kümmerte.

Ihre erste Adresse im Westen vermittelte ein ehemaliger Kollege, der sich schon vor Jahren nach West-Berlin abgesetzt hatte. Dort angekommen, musste Gitti feststellen, dass die Vermittlung nicht so exklusiv wie angenommen war. Teile der Belegschaft des Restaurants, in dem sie zuletzt  „Steak au Four“ servierte, hatten ebenfalls die Flucht ergriffen und fanden hier, in der Ein-Zimmer-Wohnung des besagten Freundes, wieder zusammen. Ein Dutzend euphorischer DDR-Gastronomen in einer Vokuhila-Stone-washed-Jeans-Blase inmitten Charlottenburger Bürgerlichkeit – so lustig wurde es nie wieder in der Tauroggener Straße! Zu lustig und vor allem unruhig für Gitti, die weiterzog in eine Flüchtlingsunterkunft nach Spandau: 15 Quadratmeter für sich und den Jungen.

Als sie, am Abend, mit Tüten voller Lebensmittel, die Tür zum Zimmer aufschließen wollte, hörte sie hinter sich plötzlich eine Stimme: „Gitte? Das gibt es doch gar nicht!“ Noch bevor sie sich umdrehte, fiel der Traum vom neuen Leben wie ein unfertiger Hefeteig in sich zusammen. Da waren sie wieder, die Schwiegereltern. Nach deren Flucht über Ungarn wurden sie in Spandau, auf derselben Etage wie sie, einquartiert.  „Wie ein schlechter Witz“, dachte Gitti,  während die  Schwiegermutter ihren Einkauf musterte: „ Ist das Sunil? So ein tolles Waschmittel könnten wir uns nicht leisten! “ Gitti überließ ihnen den Einkauf und ihre Träume vom goldenen Westen gleich mit. Die Packung  Sunil hat sie allerdings behalten.

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