Stadtleben und Kids in Berlin

Umsonstläden in Berlin

Nicht zufällig findet der jährliche Buy Nothing Day am letzten Samstag im November, dem inoffiziellen Auftakt zum vorweihnachtlichen Powershopping statt. Eine ähnlich konsumkritischem Haltung pflegen auch die Umsonstläden, die in Berlin immer mehr Freunde finden.

umsonstEine Frau im stylishen Herbstoutfit verlässt mit einer Glasschale in den Händen zufrieden lächelnd das Ladenlokal. Ihr folgt ein Mann im schwarzen Motorraddress, der ein Kinderjäckchen unter seinen Arm geklemmt hält. Beide haben in dem Geschäft für ihre Waren nicht bezahlt. Was normalerweise ein Fall für den Ladendetektiv wäre, ist in Berliner Umsonstläden selbstverständlich und erwünscht: Einfach nehmen, was gefällt. Nicht nur am sogenannten Buy Nothing Day, zu Deutsch: Kauf-Nix-Tag, der 1992 in Kanada erfunden wurde und der in diesem Jahr am 27. November einmal mehr zum Nachdenken über Produktionsbedingungen, Ressourcenverschwendung und den Sinn des vorweihnachtlichen Powershoppings anregen sollte, laden die Berliner Umsonstläden dazu ein, gut brauchbare Dinge vorbeizubringen oder sich aus den Regalen kostenlos etwas Nützliches herauszunehmen.

„Umsonstläden mindern die Be­deutung von Geld“, erklärt Manja Decker, Studentin und leidenschaftliche Umsonstladen-Shopperin, und schickt hinterher, „dass im gleichen Atemzug etwas für die Nachhaltigkeit getan sei, schließlich müssen die Dinge nicht neu produziert werden.“ Aus dem, was die Umsonstläden von den unterschiedlichsten Menschen erhalten, entsteht eine breite Angebotspalette. In der Ula etwa, einer ausdrücklich weiblichen „Umsonstlädin“, die 2009 in Räumen der TU ihre Türen öffnete, liegen schlichte Keramiktassen, Bücher, kleine Schafe aus Ton, Weihnachtsbaumständer und goldgerahmte Häkelbilder in den Regalen. Ihren Ursprung haben die Umsonstläden in der amerikanischen Free-Shop-Bewegung, die ab Ende der 1960er-Jahre eine Alternative zur Geldwirtschaft schaffen wollte. 1999 wurde in Hamburg der erste deutsche Umsonstladen gegründet, 2001 sprang der Funke auf Berlin über: In der Brunnenstraße 183, damals ein besetztes Haus, entstand ein erster Umsonstladen. Nach langen Auseinandersetzungen mit dem Hausbesitzer wurden die Räume zwar vor rund einem Jahr geräumt. Dennoch sind die einstigen Betreiber, ein Kollektiv aus Erwerbslosen, Studenten oder Rentern, zuversichtlich, im Dezember in der Kastanienallee 86 weitermachen zu können.

umsonstIm Unterschied etwa zu Kleiderkammern muss man in Umsonstläden keine Bedürftigkeit nachweisen. Ob arm oder reich, jeder darf hier etwas mitnehmen. Und natürlich guten Gewissens Gegenstände abgeben – sofern sie noch funktionstauglich sind, denn Müll will man in den Umsonstläden natürlich nicht haben. In der Charlottenburger Ula suchen vor allem Studenten nach Brauchbarem und sind für die kurze Verweildauer der DVDs verantwortlich. Der Friedrichshainer Schenkladen Systemfehler hingegen ist geprägt von jungen und alten Kiezbewohnern. Aber auch wohnungslose Menschen der nahe gelegenen Notunterkunft gucken regel­mäßig, ob in den Regalen für sie etwas dabei ist. Dabei begreife man sich nicht als Lückenfüller für eine verfehlte Sozialpolitik, erklärt ein Schenkladen-Mitarbeiter, sondern in erster Linie als „ein selbstorganisiertes konsumkritisches Projekt“. Das allerdings auf wackeligen Füßen steht, denn der durch den Verein Solidar­Koop und durch Patenschaften finanzierte Laden ist von Kündigung bedroht.

Weniger um Gebrauchsgüter oder Bekleidung als vielmehr um Bildung und Kultur geht es in den elf Berliner Filialen von MedienPoint, einer Art Umsonst-Buchläden, die vom Berliner Kulturring e.V., von Jobcentern und Ehrenamtlichen getragen werden. 2001 machte ein Laden in Pankow den Anfang, zuletzt kam 2009 ein Kinder-MedienPoint in Spandau hinzu. Die Literatur-Stützpunkte, die neben Büchern auch Schallplatten, CDs und DVDs im Angebot haben, muten wie Antiquariate oder kleine Bibliotheken an und ermöglichen der geneigten Lese­ratte, bis zu drei Medien kostenlos mitzunehmen. Das ständig wechselnde Angebot an Büchern ist so unterschiedlich wie die Bezirke, aus denen die Spenden stammen. Gemeinsam ist allen Umsonst-Plattformen jedoch ein Konsumerlebnis der besonderen Art und – die fehlende Kasse.

Text: Katrin Falbe

Schenkladen Systemfehler

Jessnerstr. 41, Friedrichshain, Mo 15-18 Uhr, Di 15-19 Uhr, Mi 11-19 Uhr, Do 16-19 Uhr, www.systemfehler-berlin.de.vu

Leila all-sharing-shop

Fehrbelliner Straße 92, 10119 Berlin-Prenzlauer Berg, www.leila-berlin.de
Öffnungszeiten: Mo-Do 15-19 Uhr, Fr 15-18 Uhr, Sa – Wenn jemand Ladenbetreuung machen will
Leila ist der erste Leihladen Berlins, gegründet 2010 in der Kastanienallee, dann Dunckerstr., Karow, aktuell in der Fehrbelliner Str. 92 am Teutoburger Platz. Ähnliche wie in der Bibliothek können hier Dinge wie Werkzeuge oder Sportgeräte ausgeliehen werden, müssen aber in verabredeter Zeit unversehrt zurückgegeben werden.

Ula

Einsteinufer 25, Charlottenburg, HFT-Gebäude der TU Berlin (neben Unirad), Do 15-18 Uhr, http://ula.blogsport.de

Umsonstladen im KuBiz Raoul Wallenberg

Bernkasteler Str. 78, Weißensee, Do 16-19 Uhr,  www.kubiz-wallenberg.de/wordpress/umsonstladen/

MedienPoint

Crellestr. 9, Schöneberg, Mo-Fr 9-18 Uhr, an allen Adventssamstagen: 10-16 Uhr. Weitere MedienPoint-Filialen unter: www.kulturring.org

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