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Gegenbewegung

Corona und Protest: Berliner demonstrieren gegen Rechte und Verschwörungstheorien

Die Corona-Krise hat die Bürger politisiert — im Guten wie im Schlechten. Seit Wochen protestieren in Berlin hauptsächlich Rechte sowie Verfechter*innen kruder Verschwörungstheorien und einige Linke gegen die Corona-Regeln, ohne sich um deren Einhaltung zu scheren. Jetzt hat das Netzwerk „Reclaim Club Culture“ zum Gegenprotest aufgerufen und will außerdem auf die menschenverachtende Flüchtlingspolitik der EU aufmerksam machen.

Der Gegenprotest geht jetzt in die nächste Runde. Kundgebung gegen rechten Protest vor der Volksbühne am 1. Mai. Foto: Imago/Christian Spicker

„Geheimlabor kontrolliert dein Klopapier“ und „Drosten ist der Goebbels von Gates.“ Diese beiden Sätze sind ungefähr gleich hirnrissig und weltfremd. Der Unterschied: Der eine stammt aus dem „Entschwörungs-Generator“ der Amadeu Antonio Stiftung und parodiert bewusst die Schwurbeleien von Verschwörungstheoretiker*innen. Der andere Satz kommt von Vegan-Koch und Porschefahrer Attila Hildmann. Der glaubt das wirklich und ist in den letzten Wochen vor allem mit Verschwörungstheorien auf, die an Wahnvorstellungen grenzen, aufgefallen. Das Gefährlichste daran: Die meisten Verschwörungstheorien sind antisemitisch und rassistisch.

Amadeu Antonio Stiftung startet Offensive gegen Verschwörungstheorien

Hildmann glaubt, dass heute, am 15. Mai, mit der Novelle des Infektionsschutzgesetzes, eine neue Weltordnung in Kraft tritt. Und dass Bill Gates mit Impfungen und unter der Haut der Menschen implantierten Chips die Welt kontrollieren will. Darüber hinaus wittert er Böses hinter dem neuen Mobilfunkstandard 5G und glaubt an einen vermeintlichen Informanten im Weißen Haus, der die Öffentlichkeit mit Informationen über folgende Vorgänge füttert: Die liberalen Eliten, sprich Hilary Clinton und Bill Gates und vermeintlich reiche Jüdinnen und Juden, entführen Kinder und zapfen ihnen einen Stoff namens Adrenochrom ab, der sie verjüngen soll. Dadurch würden sie länger in der Lage sein, an der Spitze der „Neuen Weltordnung“ zu stehen, glauben Hildmann und die Anhänger der QAnon-Verschwörungstheorie.

Die Amadeu Antonio Stiftung will Hildmann, seinem Gefolge und all den anderen Hohlfrüchten ohne Medien- und Quellenkompetenz heute mit einem „Digitalen Aktionstag gegen Verschwörungsmythen und Antisemitismus“ die Stirn bieten. Es gibt Live-Diskussionen und Webinare, in denen die Teilnehmer*innen Verschwörungstheorien im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie und rechts-terroristische Anschläge wie den in Halle thematisieren. Unter www.corona-entschwoerung.de kann man nachlesen, wie man am besten mit Verschwörungstheoretiker*innen diskutiert und wann Hopfen und Malz verloren sind. All das steht unter dem Hashtag #glaubnichtalles was du hörst.

Netzwerk „Reclaim Club Culture“ ruft zum Protest auf der Straße

Corona, Protest und Verschwörungstheorien: Protest fand in den letzten Wochen viel in Form von Plakaten an Hauswänden statt.
Protest fand in den letzten Wochen viel in Form von Plakaten an Hauswänden statt. Foto: imago/Spicker

Der Protest des Netzwerks „Reclaim Club Culture“ dagegen soll auf der Straße stattfinden. Ab 14 Uhr wollen deren Mitglieder den Demonstrant*innen der sogenannten „Hygiene-Demos“ auf dem Alexanderplatz entgegen treten. Dort und vor der Volksbühne kommen regelmäßig Impfgegner*innen, versprengte Linke, streitbare Hippies und Rechte, von verkappten Rassist*innen bis Voll-Nazis, zusammen. Die Mitglieder dieser neurechten Querfront demonstrieren vordergründig gegen die Corona-Maßnahmen und die Aussetzung der Versammlungsfreiheit, anscheinend geht es ihnen aber eigentlich um Verschwörungstheorien und rassistische Hetze.

Reclaim Club Culture will dagegen ein Zeichen setzen. Das Netzwerk hat dazu aufgerufen, „überall in der Stadt spontane Kundgebungen gegen Nazis, Faschist*innen und Antisemit*innen anzumelden.“ Ort und Zeit einer Kundgebung stehen schon fest: Ab 14 Uhr findet auf dem Alexanderplatz die Kundgebung „Für offene Grenzen für alle und gegen Nazis“ auf.

Im Fokus der Kundgebung soll die Kritik an den Rechten und den Hygienedemos sowie der Grenzpolitik der EU und damit Deutschlands stehen. Auch diese Demo läuft unter dem Mantel der Kampagne #LeaveNoOneBehind. Protest gegen die Flüchtlingspolitik der EU und gegen die Zustände in den Lagern auf den griechischen Inseln war in den vergangenen Wochen fast nur in Form von Plakaten an Hauswänden möglich. Bei der Präsenz-Demo am Samstag wollen die Veranstalter*innen darauf achten, dass alle Corona-Regeln eingehalten werden, Musik soll es allerdings auch geben.

Covid-19 ernst nehmen und kritisieren geht zusammen

Das Wochenende scheint also ereignisreich zu werden. Manch einer*m mag der digitale Protest der Amadeu Antonio Stiftung mehr liegen, auch wenn die Wirkung von Menschen auf der Straße immer eine andere, größere ist. Ob die Musik beim Einhalten der Corona-Regeln hilfreich ist, ist fraglich. Auch wenn die Herzen der meisten wahrscheinlich angesichts von lauten Bässen und Rhythmus in die Höhe springen werden und laute Musik den meisten von uns mal wieder gut täte.

So oder so ist klar: Es lohnt sich, sowohl für die Aktionen der Amadeu Antonio Stiftung als auch für die von Reclaim Club Culture, die Stimme zu erheben, auf welchem Weg auch immer. Wo man seine Nase nicht zeigen sollte, ist noch klarer. Denn man kann Covid-19 ernst nehmen, sich Gedanken über die wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie machen und sich Sorgen um die Folgen der relativ autoritären Maßnahmen der Bundesregierung zur Eindämmung der Pandemie machen. Das geht alles drei gleichzeitig, believe it or not.


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