Kommentar

Comeback der Denunziation!? Ist Petzen wegen Corona legitim?

Wer sich in der Corona-Krise nicht an Regeln hält, gefährdet andere. Doch ist es deswegen legitim zu petzen? Erlebt die Denunziation ein Comeback? Ist es angesagt, nicht regelkonformes Verhalten von Mitbürger*innen bei der Polizei zu melden? Ein Kommentar.

Denunziation? Ist es in der Corona-Krise legitim, vermeintliche Regelbrecher*innen zu verpetzen?
Comeback der Denunziation? Ist es in der Corona-Krise legitim, vermeintliche Regelbrecher*innen zu verpetzen? Foto: imago/Seeliger

7. April 2020: Im Weddinger Schillerpark steht eine Gruppe junger Männer, sie sind ungefähr zu zwölft und hören laut Musik. Es ist später Nachmittag. Einige lehnen am Zaun neben dem Gehweg, andere auf sitzen auf einer Bank, manche stehen mitten auf dem Weg. Einer sagt zu einem anderen, der keinen Meter von ihm entfernt steht: „Ey, das ist aber kein Mindestabstand.“ Dann lachen beide und bleiben so stehen. Als eine Frau vorbeikommt, bewegen sich die Männer nicht zur Seite. Manche pfeifen und rufen ihr Dinge wie „Ey, Süße!“ hinterher.

Sollte man dieses Typen wegen Missachtung der Corona-Verordnung bei der Polizei verpfeifen? Auch in den Medien tobt eine Debatte über Petzen und „Denunzianten“. Die B.Z. titelte am Dienstag: „In Berlin wird wieder denunziert.“ In seriösen Medien vertreten die Autor*innen beide Positionen: Manche klagen die Petzen an, andere kritisieren diejenigen, die sich über Petzen aufregen.

„Überreaktionen helfen niemandem – manches sollte man einfach mal für sich behalten“, schreibt etwa Jost Müller-Neuhof im Tagesspiegel. Und der Innenminister von Mecklenburg-Vorpommern, Lorenz Caffier (CDU), sagte dem NDR, das Meldeverhalten der Bürger*innen mache ihm Angst. Andererseits warnt Christian Stöcker davor, das Wort „Denunziation“ zu benutzen — weil es einen Unterschied gebe zwischen Denunziantentum, wie man es aus der DDR oder der Nazizeit kennt, und den Petzen von heute.

Zwischen Denunziation damals und Verpetzen heute besteht ein Unterschied

Über diese Argumentation könnte man streiten. Laut Duden bedeutet denunzieren: „jemanden anzeigen.“ Nichts anderes tut man, wenn man die Polizei wegen Corona-Verstößen ruft. Eine Debatte darüber, ob das Wort wegen seiner Geschichte verbrannt ist, könnte nicht schaden.

Tatsächlich gibt es aber himmelweite Unterschiede zwischen der Denunziation damals und dem Anschwärzen von heute. Wir leben in keinem autoritären Staat, sondern in einer Demokratie. Die Konsequenzen für alle, die verpetzt werden, sind nicht zu vergleichen mit denen für Angeschwärzte zum Beispiel in der DDR.

Außerdem übt die Exekutive zumindest in Berlin keinen Druck auf die Bürger*innen aus, Verstöße zu melden. Die Berliner Polizei bat sogar auf Twitter darum, nicht die 110 zu wählen, wenn man eine geöffnete Kneipe sieht. Aber: In anderen Bundesländern sieht das anders aus.

Im Fall der Männer im Schillerpark fällt die Abwägung für und gegen das Verpetzen besonders schwer. Offensichtlich nehmen sie die Pandemie nicht ernst und gefährden mit ihrem Verhalten andere Menschen, ja, sogar das Leben anderer Menschen. Man kann in diesem Fall auch nicht von Unwissenheit sprechen, schließlich haben die Männer sogar Witze darüber gemacht, dass sie sich nicht an die Abstandsregeln halten. Den direkten Weg zu gehen und die Gruppe auf ihr Fehlverhalten anzusprechen erfordert eine große Portion Mut, das ist schon mal klar.

Ist Petzen jetzt legitim? Nein, es vergiftet das Miteinander

Trotzdem gilt: Andere zu verpfeifen ist verdammt problematisch — und zwar, weil Petzen das gesellschaftliche Miteinander vergiftet, weil es gut sein kann, dass gerade die verpetzt werden, die auch im coronafreien Alltag diskriminiert werden und weil es einem immer widerstreben sollte, sich als zivile*r Bürger*in zum verlängerten Arm der Staatsmacht zu machen.

Die Männer im Park hatten allesamt ausländische Wurzeln und sprachen mit Akzent. Die Petze müsste sich im beschriebenen Fall fragen: Verpfeife ich die Typen jetzt wirklich nur, weil sie gegen die Corona-Vorschriften verstoßen haben? Spielt da eventuell mit rein, dass mich ihre laute Musik nervt? Oder dass sie die Frau mit Catcalling belästigt haben? Oder habe ich ein Problem damit, dass diese Menschen selbstbewusst im öffentlichen Raum auftreten? Was wäre, wenn es sich dabei um eine Gruppe biodeutscher Männer gehandelt hätte?

Kurz: Spielt Rassismus in meinem Drang, Menschen zu verpetzen, eine Rolle? Rassismus ist nicht die einzige Komponente, die die Entscheidung für oder gegen das Petzen beeinflussen kann. Auch persönliche Konflikte und Rache können zum Tragen kommen. Ein anderes Beispiel, dieses Mal aus einer Berliner Schrebergartensiedlung: Ein Laubenpieper ruft die Polizei, weil im Nachbargarten sechs Menschen sitzen. Es ist die Besitzerin mit ihrer engsten Familie. Als sie ihn fragt, warum er nicht erstmal mit ihr geredet habe, antwortet er: Die Vorbesitzerin sei so blöd gewesen und er hätte schon schlechte Erfahrungen gemacht, wenn er Menschen direkt angesprochen hätte.

Besser die vermeintlichen Übeltäter selbst ansprechen

Aus Angst vor Widerspruch hat dieser Mann also lieber direkt die Polizei gerufen. Genau so, wie man vielleicht verführt sein mag, im Fall der Zwölfergruppe im Schillerpark gleich die Polizei zu rufen. Aus Angst davor, ausgelacht zu werden. Oder weil man glaubt, dass es eh nichts bringt.

Trotzdem: Der Anstand und die Grundregeln des Zusammenlebens gebieten, zuerst denjenigen anzusprechen, mit dem man ein Problem hat, bevor man laut „Polizei“ ruft. Und falls Menschen wirklich gegen die Verordnung verstoßen, dann ist es Aufgabe der Polizei, diese Verstöße zu entdecken und zu ahnden. Allein am vergangenen Samstag kontrollierten 500 Polizist*innen die Einhaltung der Regeln.

Berliner Corona-Verordnung ist schwammig

Dazu kommt, dass die Berliner Corona-Verordnung in ihrer jetzigen Form ohnehin schwammig und umstritten ist. Jurist*innen debattieren darüber, ob das Infektionsschutzgesetz ausreicht, um derart weitreichende Grundrechtseingriffe zu legitimieren. Der Berliner FDP-Innenpolitiker Marcel Luthe zum Beispiel hat gegen die Verordnung Klage beim Berliner Verfassungsgericht eingereicht.

Zum Beispiel verbietet die Verordnung, sich ohne triftigen Grund im Freien aufzuhalten. Sport ist erlaubt, Pausen auch, aber sich im Park zu entspannen ist eigentlich verboten — auch wenn man allein oder zu zweit auf einer Decke im Park sitzt. Die Polizei hat dieses Detail der Verordnung augenscheinlich eher nicht durchgesetzt. Kein Wunder, denn die Sinnhaftigkeit dieser Paragraphen ist zumindest zweifelhaft. Außerdem lässt sich nur sehr schwer überprüfen, ob jemand Pause vom Sport macht oder einfach so im Park liegt.

Wenn schon die Gesetzesgrundlage schwammig ist, die die Menschen in ihren Grundrechten einschränkt, sollten sich Bürger*innen hüten, andere auf dieser Grundlage zu verpetzen.


Die Corona-Krise bringt die schlechten Seiten bei manchen Menschen hervor. Darum geht es in unserem Text Anspucken, anhusten – So asozial geht es auf Berlins Straßen zu. Und auch bei den Menschen zu Hause führt die Corona-Krise zu schwierigen Situationen. Sie sorgt für einen Anstieg der Fälle häuslicher Gewalt. Die Soziale Isolation und #stayhome gut finden, ist ein Privileg.

Andersherum bietet die Corona-Krise die Möglichkeit, endlich mal wieder mehr als zehn Seiten eines Buches zu lesen — und besondere Buchhandlungen, die nach Hause liefern, zu unterstützen: So gehen sie mit der Krise um. Außerdem müssen wir in der Corona nicht unbedingt auf gutes Brot verzichten: Diese guten Berliner Bäckereien haben trotz der Corona-Krise geöffnet