Schräg bis exzentrisch

Diese Berliner Originale prägen das Stadtbild

Man kennt sie selten persönlich, doch irgendwie kennt sie jeder. Die Berliner Originale führen ein öffentliches Leben. Manche sind Legenden, andere längst vergessen. An dieser Stelle stellen wir fünf Berliner Originale vor, denen ihr noch heute im Stadtbild begegnet.


Der Papageien-Mann

Alberto Nebiolo radelt am liebsten mit seinen Papageien. Foto: privat
Alberto Nebiolo radelt am liebsten mit seinen Papageien. Foto: privat

Rund um den Kreuzberger Landwehrkanal oder in der Neuköllner Hasenheide haben Passanten im Frühjahr und Sommer manchmal ein seltsames Erlebnis: Auf einem Fahrrad kommt ihnen ein Mann entgegen, vielleicht Mitte 40, auf dessen ausladendem Lenker Papageien sitzen. Es ist Alberto Nebilio, ein Koch und „der Papageienmann“, der seine zwei Aras, den Kakadu sowie zwei Amazonen- und einen Graupapagei ausführt. Damit den Vögeln, die Nebilios Wohnung fast vollständig erobert haben, nicht die Decke auf den Kopf fällt, begibt er sich mit ihnen seit Jahren regelmäßig an die frische Luft. Den Tieren scheint es Spaß zu machen. Von Eva Apraku. Freund der Papageien: Alberto Nebilio


Platten-Pedro

Platten Pedro sammelt aus Leidenschaft. Foto: Benjamin Pritzkuleit
Platten Pedro sammelt aus Leidenschaft. Foto: Benjamin Pritzkuleit

Berlins schrulligster Plattenhändler sitzt in Charlottenburg und verkauft nur Vinyl. „CDs sind Sondermüll mit Verpackung“ steht deutlich in seinem Schaufenster. Sein chaotisch anmutendes Schallplattenantiquariat führt alles von Schellack bis 180g-Vinyl. Schon Steven Spielberg soll hier nach Schellack-Schätzen hat suchen lassen. Was es aber nicht gibt, ist Service. Platten-Pedro, bürgerlich Peter Platzek, lässt sich nicht stören, dafür belästigt er die Kunden auch nicht beim Stöbern. Viele mögen das. Von Friedhelm Teicke. Plattenhändler-Legende Pedro


Die Ein-Mann-Demo

Olé! Olé! Olé!  Aydin Akin radelt täglich durch Kreuzberg und Neukölln. Foto: Lena Ganssmann
Ein-Mann-Demonstrant Aydin Akin. Foto: Lena Ganssmann

In Kreuzberg und Neukölln kann man fast die Uhr nach ihm stellen: Dann, wenn zum Abend die Büros schließen, schrillt von der Straße her plötzlich eine Trillerpfeife. Aydin Akin, der „Berliner Türke von der Schwarzmeerküste“, wie er sich nennt, ist wieder als Ein-Mann-Demo auf seinem Fahrrad unterwegs. Als radelnder Sandwich-Mann, eingeklemmt zwischen zwei leuchtend gelben Protestplakaten, fordert der pensionierte Steuerberater kommunales Wahlrecht für Ausländer, die schon lange in Deutschland leben und hier Steuern sowie Sozialabgaben zahlen. Für Akin ist sein täglicher Einsatz „mein Beitrag an unsere Gesellschaft“. Und für die Passanten die Bestätigung, dass Berlin immer noch Berlin ist.  Von Eva Apraku


Der U-Bahn-Dichter

Tim Dege ist der U-Bahn-Dichter. Foto: Patricia Schichl
Tim Dege ist der U-Bahn-Dichter. Foto: Patricia Schichl

„Ein Gedicht zur aktuellen Alltagsunterhaltung?“, fragt Timo Dege meistens, wenn er in der U8, am Kotti oder am Hermannplatz Menschen anspricht und ihnen eins seiner Gedichte verkaufen will. Er schrieb all seine 240 Gedichte in nur 24 Stunden. Ein Zeitraum, in dem er ziemlich high auf LSD war und sich als Empfänger und Übertragungsmedium für die „Wahrheiten des Universums“ verstand. Und Zeilen wie „Ich liege, neben den Versuchen!, überlebenslang hinaus!!!, zwischen den Händen und Beinen!!, meines! Tages!, ohne! Sein!“ schuf. Dege ist blond, groß und dünn. So dünn, dass man selbst in der weiten grauen Jeans erkennen kann, dass seine Beine die Hose nicht mal ansatzweise ausfüllen. Einige Jahre verbrachte er in der Psychiatrie. Doch er ist sich sicher: Nicht er ist geisteskrank, sondern die 95 Prozent der Menschen, die in dieser funktionieren. Von Xenia Balzereit.


Der Leierkastenmann

Milos Kozon, Drehorgelspieler, besprüht seinen Papagei Robinson am Brandenburger Tor zur Abkühlung mit Wasser. Foto: Christoph Soeder/dpa
Milos Kozon, Drehorgelspieler, besprüht seinen Papagei Robinson am Brandenburger Tor zur Abkühlung mit Wasser. Foto: Christoph Soeder/dpa

Am Pariser Platz gibt es zwei Wahrzeichen: das Brandenburger Tor und den Leierkastenmann. Hier spielt Milos Kozon mit der Drehorgel zum Alt-Berliner Tanz auf, als hätte ihn eine Zeitreise aus den Goldenen Zwanzigern hergebracht: Tweed-Anzug, Lackschuhe, Hut. Sein Gesicht ist mit feinen Tattoos verziert. Ein Hingucker, ein Hinhörer. Und Papagei Robinson ist Schulter-kompatibel. Man kann ihn buchen: unter www.berlin-leierkastenmann.de. In den 90ern kam der Ostslowake nach Berlin. Und will nie wieder hier weg. Von Erik Heier


Komet Bernhard

Fehlt auf keiner Party: Komet Bernhard. Foto: Kai Stuht
Fehlt auf keiner Party: Komet Bernhard. Foto: Kai Stuht

Er hat einen weißen Rauschebart, nur noch wenige Zähne im Mund und eine Stimme, die so gar nicht zu seinem Äußeren passen will: Komet Bernhard, eigentlich Bernhard Enste, ist ein Star des Berliner Nachtlebens. In fast jedem Club stand Komet schon mal auf der Tanzfläche und hat die Wellen des Basses über sich rollen lassen. Sein Name kommt nicht von Ungefähr: Komet redet gerne übers Universum, zum tip sagte er einmal: „Unser aller Heimat ist die Erde. Geformt sind wir aus dem Sternenstaub unserer Galaxie, der Milchstraße.“ Von Xenia Balzereit


Günther Krabbenhöft

 Niemand ist besser angezogen als der Berghain-Opa Günther Krabbenhöft. Foto: imago images / Future Image
Niemand ist besser angezogen als der Berghain-Opa Günther Krabbenhöft. Foto: imago images / Future Image

Er ist so einer, den das Alter nicht stoppen kann. Mit seinen 75 Jahren legt Günther Krabbenhöft mehr Wert auf einen ausgesuchten Stil als so mancher Mittzwanziger. Sein Markenzeichen ist ein Hut mit breiter Krempe: Krabbenhöft ist Herrenmodel. Neben der Mode ist seine zweite große Leidenschaft das Feiern. Das tut er besonders gerne im Berghain. Auch weil Tanzen für ihn eine Flucht aus dem Alltag bedeutet. Auf Facebook schreibt er: Tanzen hilft mir immer ganz zuverlässig, immer dann, wenn der Kopf zu platzen scheint, wenn er angefüllt ist mit Nachrichten, die erschüttern.“ Von Xenia Balzereit


Schräge Künstlertypen, exzentrische Obdachlose, windige Geschäftsleute.
Es gibt verschiedene Formen der Berliner Originale, doch sie alle gehören zu der Stadt dazu. Eine Liebeserklärung.

Man kennt sie selten persönlich, doch irgendwie kennt sie jeder. Die Berliner Originale  führen ein öffentliches Leben. Manche sind Legenden, andere längst vergessen. An dieser Stelle stellen wir fünf Berliner Originale vor, die das Leben in West-Berlin der 80er-Jahre aufmischten.

Gedichte von der Seele: Timo Dege gehört zum Kreuzköllner Inventar. Tagein, tagaus verkauft er seine Kleinstlyrik in der U-Bahn, ingesamt 240 Gedichte. Geschrieben hat er sie an einem einzigen Tag. Jeder kennt ihn. Doch wer ist er?

Nicht aus der Partyszene wegzudenken ist Komet Bernhard, der mit seinen 70 Jahren Schreiner, Performer und Berliner Party-Institution ist. Hier erklärt er, was für ihn Heimat bedeutet.

Berliner Original der Gegenwart: Komet Bernhard, über 70 Jahre alt und Berliner Partyinstitution. Foto: Harry Schnitger
Berliner Original der Gegenwart: Komet Bernhard, über 70 Jahre alt und Berliner Partyinstitution. Foto: Harry Schnitger