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Hund ins Haus holen? Warum die Entscheidung schwierig sein muss

Ich will einen Hund adoptieren. Ich will keinen Hund adoptieren. Seit Wochen pendle ich von Entschluss zu Entschluss, von Ja zu Nein. Schleudertrauma durch Unsicherheit. Das war nicht immer so. Als meine Partnerin Anfang des Jahres fragte, ob wir uns einen Hund anschaffen sollen, war ich begeistert. So richtig. Es brauchte nur wenige Tage, bis erste Zweifel ihre Wurzeln schlugen. Und mit jedem weiteren Tag wuchsen sie heran. Sie abzuholzen brauchte Zeit – und Geduld. Solltet ihr ebenfalls einen Hund adoptieren wollen, euch aber noch unsicher sein, könnte euch meine kleine Odyssee (unterfüttert mit süßen Hundebildern!) bei eurer Entscheidung helfen.

Hunde adoptieren: Mach ich das fürs Tier oder für mich? Foto: Imago/Westend61

Wer einen Hund adoptiert, ist egoistisch

Mein erster Zweifel. Letztlich sind die Motive für ein Haustier häufig der Wunsch nach Gesellschaft, nach Bespaßung, nach Abwechslung. Doch irgendwie finde ich es befremdlich, mir ein Lebewesen anzuschaffen, nur um meine Bedürfnisse zu befriedigen. Zu groß ist die Angst, übersättigt zu sein. Die Angst, mich zu langweilen. Es ist leicht, nur nach einem Impuls zu handeln, wie es aktuell wohl viele tun. Warum sonst sind 2020, im Jahr der Isolation, die Haustierverkäufe um fast eine Million auf knapp 35 Millionen gestiegen?

Da wir damals noch tief im Lockdown steckten, wollte ich mit der Hundeadoption warten. Es ging darum, herauszufinden, ob ich noch einen Hund wollte, wenn ich guten Gewissens viele Menschen treffen und mit ihnen was unternehmen kann. Mittlerweile sind die Regeln gelockert, die Freiheiten da – und ich bin einem Hund nicht gänzlich abgeneigt. Gehe ich also ins Berliner Tierheim und trage einen Hund nach Hause wie Kevin Costner Whitney Houston? Würde ich, wäre da nicht ein weiteres Problem.

Hund adoptieren: Die Angst vor der Verantwortung

Einen Hund zu adoptieren bringt viel Verantwortung mit sich. Foto: Imago/Chromorange

Viele Hunde landen (bestenfalls) wieder im Tierheim oder (schlimmstenfalls) angebunden an der Autobahn. Und das nur, weil ihre Besitzer:innen plötzlich überfordert sind. Das möchte ich vermeiden. Nun kann ich aber nur herausfinden, ob ich mit einer erweiterten To-do-Liste – Gassi gehen, füttern, erziehen – zurechtkomme, wenn ich einen Hund habe (schade, dass Glaskugeln Humbug sind). Ungewissheit nervt.

Hunde sind keine Puppen. Sie sind zeitaufwendig, bringen Einschränkungen mit sich. Hoffnungslose Romantiker:innen bekommen diese Erkenntnis erst, wenn es zu spät ist. Mir selbst führe ich das aber immer vor Augen – und nein, die Angst vor Verantwortung schwindet dadurch nicht. Mir diese aber immer wieder bewusst zu machen, hilft mir, mit ihr zurechtzukommen. Bisschen Exposition und es läuft. Damit bleibt mir nur noch eine Hürde, die schwierigste.

Der perverse Hundemarkt: Wo soll ich bitte einen Hund adoptieren?

Normalerweise dürfen Welpen nicht nach 12 Wochen abgegeben werden, sondern erst nach 15. Grund: Nach 12 Wochen wird geimpft, drei Wochen später ist der Schutz aufgebaut. War das erste Ergebnis bei der Suche nach Hundewelpen. Foto: Ebay/Screenshot

Haustiere sind mittlerweile das, was Klopapier Anfang 2020 war. Die Menschen stürzten in Tierheime und räumten sie leer wie Wühltische. Schlecht ist das nicht. Die Tierheime nehmen sich Zeit, um die Bewohner:innen medizinisch zu versorgen und Halter:innen zu prüfen. Sie sind seriös. Jetzt ist die Nachfrage aber nicht gestillt. Im Gegenteil. Ich wage mich sogar so weit vor, dass manche Leute von ihren Freund:innen mit der Idee des Haustierzuwachs angesteckt werden. In ihnen brodelt eine Mischung aus Egoismus und Naivität – es folgt der Impuls. Solche Leute kurbeln den unseriösen Handel von Vierbeinern massiv an. Kaufen, ohne nachzudenken.

Jetzt muss auch ich außerhalb von Tierheimen suchen. Spaßeshalber schaute ich auf eBay-Kleinanzeigen und wurde schnell fündig. Hunde zum halben Preis, Hunde in allerlei Farben, Hunde mit langer Schnauze, mit kurzer Schnauze, Hunde mit abgedrehten Haarschnitten. Accessoire oder Hund, wonach genau suche ich? Ich bekam Bauchschmerzen. Schlechte Rechtschreibung, dutzende Grammatikfehler, epileptische Farbkombinationen lassen die Anzeigen außerdem wirken wie Werbung für Jamba-Sparabos. Und natürlich versprechen alle, dass die Tiere geimpft sind und aus bestem Hause stammen. Ist klar.

Mag sein, dass sich unter ihnen auch seriöse Anbieter:innen befinden. Trotzdem kaufe ich hier die Katze den Hund im Sack. Immerhin: eBay weist selbst auf unseriösen Tierhandel hin, empfiehlt Tierheime statt dubiose Händler:innen. Die Angebote gibt es dennoch. Ein hübsches Feigenblatt. Bei Facebook-Gruppen ist es nicht ganz so problematisch, dennoch sind sie nicht unbedingt optimal. Zwar sehen sie teilweise zwar deutlich seriöser aus, ob sie es aber auch sind, weiß ich im Vorfeld nicht. Der Tierschutzverein Berlin sagt etwa, dass einige fragwürdige Anbieter:innen hochprofessionell vorgehen, gar Unterlagen wie Impfpässe fälschen. Die Tiere kommen aus widrigen Bedingungen, sind meist krank, sterben einem mitunter weg. Solange es Kund:innen gibt, floriert der Markt. Nicht gerade verlockend. Es braucht also Vorbereitung.

Wie adoptiere ich einen Hund?

Es gibt so vieles zu beachten, wenn man einen Hund adoptieren will. Foto: Imago/Cavan Images

Übereifrig wie meine Partnerin und ich sind, habe wir eine kleine Fragenliste erstellt:

  • Sind die Hunde gechippt und geimpft?
  • Wie alt sind sie? (Bei Welpen sollten es 15 Wochen sein wegen der Impfung)
  • Kann ich sie kennenlernen?
  • Falls nicht, gibt es Videos?
  • Wie sind die Hunde untergebracht?
  • Werden sie gepflegt (sauber, keine verklebten Augen)?
  • Gehen die Anbieter:innen auf meine Fragen ein?

Es gibt bestimmt noch mehr, uns reichte das fürs Erste. eBay vermieden wir, war zu abschreckend. Züchter:innen ebenso, völlig egal, wo sie ihre Tiere anbieten. Der Gedanke, ein Lebewesen werde nur für den Verkauf „produziert“, war uns zuwider. Ist aber jedem selbst überlassen.

Wir schauten, trotz ähnlicher Vorbehalte wie bei eBay auf Facebook – Videos und Bilder sind dort besser eingebunden. Nach ewigem Rumgeklicke stießen wir auf eine Gruppe, die Straßenhunde vermittelt. Ein gutes Zeichen, da alle Karten gleich sichtbar waren. Die Tiere sollen gechippt und geimpft sein. Videos und Bilder geben Einblicke, vor Vermittlung kommt jemand vorbei, checkt Wohnung und Interessent:innen. Und das Wichtigste: die mitunter sehr kitschigen Texte sind sehr präzise. Jedes Gesundheitsproblem, sofern eins besteht, wird genau aufgelistet.

Letztlich entschieden wir uns für Chihuahua-Mix – dem waren eine Menge Awwws und Diskussionen vorausgegangen. Ein paar Nachrichten, Telefonate und eine Wohnungskontrolle später, waren wir uns einig. Der Hund kommt nächsten Monat. Alles schön, wäre da nicht ein Haken: Die Einrichtung liegt in Rumänien. Ein Kennenlernen ist also nicht drin. Es wird ein Blind Date.

Hundeadoption: Kein richtiges Ende

Natürlich bereitet mir das Warten aufs Unbekannte Kopfzerbrechen. Jede Menge sogar. Allerdings hängt mein Entscheidungspendel über Ja. All die Zeit, die ich nutzte, um mich mit der Adoption zu beschäftigen, all die Reflexion meiner Sorgen, halfen dabei. Ich gehe nicht verblendet an das Thema. Und natürlich weiß ich, dass es schiefgehen kann. Vielleicht bin auch ich letztlich überfordert. Solche Entscheidungen bringen eben ein gewisses Risiko mit sich. Die Frage ist nur, wie gut ich darauf eingestellt bin und, naja, ich fühle mich (zumindest emotional) vorbereitet.


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