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Kommentar

Gemecker über Berlins Flughäfen: Es läuft nicht – und schuld sind fast alle

Das mit dem Reisen und Corona, das ist ein Thema, das uns wohl noch etwas beschäftigen wird. Denn die vergangenen Wochen zeigten: Die Menschen wollen Urlaub machen, und aller Begeisterung für die Heimat zum Trotze: auch im Ausland. Das führt an den Flughäfen unbestreitbar zu Problemen.

Schauspielerin Collien Ulmen-Fernandes beschwerte sich nun öffentlich über die Zustände in Tegel. Und auch Kolleg*innen von tipBerlin haben nicht nur gute Erfahrungen gemacht. Aber wie kann man sich beschweren, wenn man selbst Teil des Problems ist? Ein Kommentar von Sebastian Scherer.

Landeanflug: Wer in Tegel landet, muss gelegentlich noch einen Bus zum Terminal nehmen. Daran gab es nun prominente Kritik – wegen Überfüllung. Auch andernorts hakt es. Foto: Imago Images/Ritter

Tatsächlich erging es mir anders als Frau Ulmen-Fernandes, als ich vergangenes Wochenende aus Island zurückkehrte. Die Schauspielerin hatte sich bei Instagram in einem Post bitter beklagt, dass sie mit vielen anderen Menschen in einen Bus einsteigen musste, der sie in Tegel vom gelandeten Flugzeug zum Terminal brachte. Ihr Problem: Der Sicherheitsabstand war zwischen Anzahl der Menschen und verfügbarem Platz nicht in Einklang zu bringen. „Hier standen zwar vier Busse bereit, trotzdem wurden alle Passagiere in einen Bus gequetscht“, schreibt sie.

Das zumindest erlebte ich anders: Personal an den Treppen von Fliegertür zu Bus machte einen klaren Cut, als dieser halbwegs gefüllt war. Die kurze Fahrt zum Terminal? Entspannter als die meisten Fahrten in der U8.

Tegel: Gedrängel an der Gepäckausgabe – Flughäfen Gefahrenzone?

Dann allerdings setzte für uns ein merkwürdiges Szenario ein: An der Gepäckausgabe wurde gedrängelt, einige Idioten sahen ihren Mund-Nasen-Schutz als nur noch optional an – und nahmen ihn ab. Als die Gäste eines weiteren Fliegers in die kleine Gepäckbandhalle kamen, die Toiletten stürmten, zu ihren Koffern drängten, war an Abstand nicht mehr zu denken.

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Mit Halsschmerzen im Bett. Und wo ich hier gerade so herum liege, möchte ich gerne eine Sache los werden, über die ich mich furchtbar aufgeregt habe. Für unseren Film musste ich nach Mailand fliegen und zurück. Am Flughafen Mailand klappte alles hervorragend. Alle paar Meter stand ein Flughafenmitarbeiter, der darauf achtete, dass in Warteschlangen Abstand gehalten wird, alle ihren Mundschutz tragen, etc. Das Flugzeug wurde einzeln betreten. In den Flughafenbus wurden nur so viele Menschen gelassen, dass der Abstand von 1,5 Metern in alle Richtungen gewahrt werden konnte. War der Bus voll, kam der nächste. In Tegel gelandet sah das komplett anders aus. Hier standen zwar vier Busse bereit, trotzdem wurden alle Passagiere in einen Bus gequetscht. Als dieser bereits übervoll war (Bild 1) wurden noch weitere Passagiere eingeladen (Bild 2) und nach Bild 2 ging es weiter. Wir haben eine Abstandsregel. In Tegel scheint diese jedoch nicht zu gelten. Direkt hinter unserem Bus standen zwei leere Busse bereit, die Passagiere wurden aber weiterhin gebeten, in den mehr als übervollen Bus einzusteigen, bis der Flieger leer war. Die nicht benötigten Busse hinter uns wurden einfach wieder weg geschickt. Ich finde es ungeheuerlich, wie hier am Flughafen Tegel mit den Corona-Regeln umgegangen wird. Das musste ich jetzt mal, mit Husten und Halsschmerzen und auf mein Corona-Testergebnis wartend, loswerden.

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Was, das ist richtig, ja eher ein Problem der Reisenden ist denn des Flughafens. Aber: Es gab nicht einmal Angestellte, die irgendwie auf die Abläufe achteten. Dafür zeigte sich vor dem Zugang zum Terminal C das gleiche Elend, das sich uns schon bei der Hinreise präsentierte.

Die Regelung der Besucherströme misslingt noch

Denn Tegel versucht, die Besucherströme zu regeln. Wer erst abends fliegt, soll morgens nicht in die Halle, und zum Abholen wird bitte draußen gewartet. Problem: Alles ballt sich vor dem kleinen Eingang, an dem ein Sicherheitsmitarbeiter versucht abzufragen, wer denn wann fliegt – um entsprechend Zugang zu gewähren.

Folge: Im Wuseln der Reisegäste (die auf Anweisung von Airline und Tegel selbst ja extra etwas früher da sein müssen), kommt man sich näher als früher ohne irgendwelche Kontrollen. Weil alle irgendwie schnell rein wollen – und alle somit irgendwie schuld sind. Aber auch: Schuld wegschieben können – denn auch uns war nicht wirklich ersichtlich aus der Ferne, wie der Einlass in die Halle funktioniert. Das war Mist.

Nun ist Tegel ohnehin zu klein, das wissen wir alle, deshalb haben wir seit rund 50 Jahren (gefühlter Wert!) am BER gebaut. Anderes Thema. Aber was da abläuft, ist, gelinge gesagt, ungünstig.

Müssen Menschen wie Collien Ulmen-Fernandes oder ich reisen?

Abe natürlich ist gleichzeitig die Frage: Muss Ulmen-Fernandes im Bus stehen und Teil des Reisezirkus werden? Darf sie sich beschweren, dass nicht alles rund läuft in Zeiten einer Pandemie? Dass sie sich, so vermutet sie, eventuell mit dem Virus infiziert hat (hat sie dann doch nicht)? Sie gibt an, sie habe aus Berufsgründen nach Mailand gemusst. Gut, alle müssen irgendwie versuchen, weiterhin Geld zu verdienen.

Darf ich mich beschweren? Der ich zum Spaß nach Island flog (ein Land, das nun die Einreisebedingungen just massiv verschärft hat, nachdem die vorherige Lockerung wieder Fälle ins Corona-freie Land brachte)? Eigentlich nicht. Aber ich habe die Möglichkeit, und selbst wenn ich zuhause bleibe, nutzen sie andere – die vor den gleichen Unzulänglichkeiten im System stehen.

In den Flugzeugen gilt Maskenpflicht, das Personal versucht, den Konktakt auf ein Minimum zu reduzieren. Draußen geht es dann gern ganz anders zu. Foto: Imago Images/Simon

Zumindest die Fakten zu den Umständen kann Tegel benennen, oder es versuchen. In Sachen Bussen war das Versagen demnach auf Gästeseite: „In  SXF und TXL werden genügend Vorfeldbusse bereitgestellt, so dass maximal 50 Passagiere einen Bus benutzen können. Leider halten sich  nicht alle an die Regeln und steigen in den ersten Bus ein“, teilt uns eine Sprecherin auf Anfrage mit. Inwiefern ein Busfahrer die Tür einfach schließen kann? Man weiß es nicht.

Flughafen erklärt: Wir weisen doch drauf hin!

Generell weise man auf den Flughäfen „deutlich auf Abstände und Maskenpflicht hin, mit Durchsagen, auf Monitoren, mit Schildern – und das im Terminal,  am Gate, in der Gepäckausgabe.“ Auch hier gelte allerdings, dass Passagiere ihrer Verantwortung auch nachkommen müssen. In Sachen Check-in, Boarding und Gepäckausgabe verweist die Sprecherin dann ohnehin auf Airline und Dienstleister.

Zur Zukunft sagt sie dann noch: „Es wäre sehr erfreulich, wenn die Zahl unserer Passagiere weiter ansteigt. Unsere Flughäfen haben vor einem Jahr täglich mehr als 100.000 Passagiere in SXF und TXL abgefertigt, derzeit sind es im Schnitt 25.000.“

Was dann doch, bei jedem Verständnis für die Wirtschaftlichkeit, nachdenklich stimmt. Wenn jetzt schon Airlines, Dienstleister und, ja, vor allem auch dickfällige Passagiere zu reihenweise Unangenehmlichkeiten und Gefahrensituationen führen – wie soll das werden, wenn der Flugbetrieb wieder richtig an Fahrt aufnimmt.

Es wird nicht einfacher in den nächsten Monate – der Appell an die Vernunft aller (Muss ich reisen? Und wenn ich es tue, kann ich mich benehmen?) wird mit den steigenden Infektionszahlen nur wieder stärker.

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Tegel sollte nach langen Debatten eigentlich schon dicht sein, dann hatten sich plötzlich doch alle verschätzt – und der Flughafen Tegel blieb geöffnet. Übrigens ist Tegel einer der schönsten Ortsteile des Stadt, in dem es viel zu entdecken gibt. Und wahrscheinlich würde das mit der Verbreitung des Virus auch weniger schnell gehen, würden sich Menschen an die Regeln halten. Stattdessen wettern einige Verschwörungstheorien. Was wiederum zur Frage führt: Wie gehe ich mit Freund*innen um, die gegen Corona-Maßnahmen sind?

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