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Rummelbums

Das Ende der Neuköllner Maientage: Abschied vom happy place

Zum letzten Mal finden die Neuköllner Maientage in der Hasenheide vom 29. April bis 22. Mai statt. Hauptgrund für das Ende des traditionsreichen Volksfestes ist der schlechte Zustand der Grünanlage. Die Schriftstellerin Jacinta Nandi, geboren in London, seit 2000 Berlinerin und laut Titel ihres jüngsten Buches „Die schlechteste Hausfrau der Welt“, nimmt Abschied von ihrem „happy place“: dem Jahrmarkt der Seltsamkeiten, auf dem die Weißweinschorle in Strömen fließt.

Das Ende der Neuköllner Maientage: Ein letzter Lieblingsort. Foto: Imago/Stefan Zeitz

Das Ende der Neuköllner Maientage: Die Hasenheide hat einen schlimmeren Ruf, als sie verdient

Meine mütterliche Uroma traf ich nur einmal im Leben. Sie sagte zu mir: „Ich merke, dass du ein kluges Kind bist.“ Ich denke, wenn man eine Urenkelin nur einmal im Leben trifft, dann soll man ihr ein Kompliment machen, oder? Mein ganzes Leben lang war ich irgendwie stolz darauf, dass sie bemerkt hat, dass ich klug bin.

Meine Urgroßeltern waren Schausteller, und meine Mama hat mir mal gesagt, dass meine indischen Verwandten zur Oberschicht gehörten („Fast Aristokraten!“) aber die englischen, die sowieso kaum richtig englisch waren, zur „Underclass“. Meine Mama war woke für eine Frau, die 1955 geboren ist, und das heißt: Nicht zu woke, um einem Kind, das gerade fragt, was die Underclass ist, zu antworten: „Kriminelle, Schausteller und Roma. Menschen, die es nicht mal in die Arbeiterklasse schaffen können.“

In meinem Wiki-Artikel steht, dass ich aus der britischen Arbeiterklasse komme, eine Aussage, die mir ein bisschen peinlich ist. Aber immer, wenn ich die Maientage in der Hasenheide besuche, denke ich, dass es vielleicht sogar stimmt.

Hauptgrund für das Ende der Maientage ist der schlechte Zustand des Parks. Müll, Klimawandel und Menschenmassen setzen der Hasenheide zu. Foto: Imago/Jürgen Held

Wegen ein paar Drogendealern, die eigentlich sehr respektvoll ihre Arbeit machen, hat die Hasenheide einen viel schlimmeren Ruf, als sie verdient. Eigentlich wäre dieser Park, würde er sich in London-Hampstead oder irgendwo anders befinden, lächerlich posh. Die Hasenheide ist ruhig und grün und groß und die Bäume sind alle prächtig. Jeder einzelne Baum ist prächtig wie ein König. Keine schwachen, mageren Ausreden von Bäumen hat dieser Park. Und die Sonne tanzt flirtend mit den Bäumen, und eintausend Expats atmen aus und denken sich, wenn wir in London wären, wären wir in Hampstead.

Schriftstellerin Jacinta Nandi über die Maientage: „Meine Lieblingszeit und mein Lieblingsort in Berlin“

Aber einmal pro Jahr kommen die Maientage. Die erste schöne Überraschung ist, dass sie schon Ende April kommen.

„Ich treffe mich mit Oskar in der Hasenheide“, sagte mein Sohn schon Ende April.

Ich so: „Aber warum?“

Er so: „Wegen dem Rummel.“

„Aber es ist noch nicht Mai!“, rief ich, voller Begeisterung.

Maientage in der Hasenheide: Für Schriftstellerin Jacinta Nandi „Lieblingszeit und Lieblingsort“. Foto: Imago/Stefan Zeitz

Bei jedem Scheißbegriff bevorzugen die Deutschen das englische Wort vor dem deutschen, aber der einzige Begriff, den man wirklich aus dem Englischen übernehmen sollte, ist „fun fair“. Eine Messe voller Freude. Rummel, Kirmes, Jahrmarkt, das klingt nicht nach dem, was jeden Mai in der Hasenheide stattfindet. Das ist der pure Spaß, die pure Freude, der absolute Wahnsinn.

Meine Lieblingszeit und mein Lieblingsort in Berlin. Es gibt Karussells für die Babys (muss ja sein) und Rides, die so beängstigend sind, dass man sie in Guantanamo als Folter benutzen könnte, für die Teenies (muss ja auch sein), dazu teure Imbissbuden und noch teurere Zuckerwatte und überraschend bezahlbare Weinschorlen und manchmal sogar Mojitos (auch das muss mal sein). Es gibt sogar Bier und so für die normalen deutschen Menschen, die dort hingehen.

Das Ende der Neuköllner Maientage: „Mama, öffne die Augen, sonst ist das Geldverschwendung“

Die Art normale deutsche Menschen, die zu den Maientagen gehen – und ich meine das nicht so snobbish, wie es klingt – sind Menschen, die wie Alkoholiker aussehen, aber noch keine Alkoholiker sind. Alle anderen sind Ausländer, und zum Himmel, ich glaube, wegen der normalen deutschen Menschen, die dort hingehen, wählen sie die Musik. Oft so amerikanische Popsongs. Und alle tragen Cowboy-Hüte. Ich glaube, dass es ihnen gefällt.

Warum denken wir, dass fun fairs Unterschichtsunterhaltung sind? Warum sagen wir, dass das „prollo“ ist? Ich habe es nie verstanden. Eigentlich wissen wir alle, dass zwei Stunden auf dem Rummel viel, viel teurer als ein Tagesticket ins Belantis sind. Man geht hin mit zehn Euro in der Tasche, verspricht dem Kind zwei Rides, und nach höchstens 20 Minuten geht man schnell wieder raus, um Geld am Hermannplatz zu holen.

Dann gibt man dieses Geld schneller aus als ein Rapstar im Puff. Scheine und Scheine und Scheine fließen von deinem Portemonnaie in die Hände deines verwöhnten, aber glücklichen Kindes, und verwandeln sich in Vergnügung. Ich lüge nicht, wenn ich sage, dass ich von der 10.000-Euro-Abfindungssumme, die ich kriegte, als meine feste Stelle als Englischlehrerin verloren gegangen ist, 9.999 Euro in der Hasenheide ausgab.

Die Neuköllner Maientage finden 2022 zum letzten Mal in der Hasenheide statt. Foto: Imago/Stefan Zeitz

Es ist auch egal, ob du an einem Mittwoch gehst, wenn die Karussells die Hälfte kosten. Dann nimmst du halt zweimal so viele Attraktionen mit und trinkst zweimal so viele Weißweine. Ich denke, es ist gut, dass Rummel immer weiterziehen, von Stadt zu Stadt. Wenn sie zu lange an einem bestimmten Ort blieben, würden alle Alleinerziehenden der Stadt pleite.

Naja, es ist nicht immer alles Vergnügung dort gewesen. Habt ihr mal das Fahrgeschäft ausprobiert, in dem sie dich einfach ganz hoch nach oben schicken, dich umdrehen und dann nach unten schmeißen? Ich habe vergessen, wie es heißt – WHIPLASH EXTREME oder BLACK DEATH HORROR ERLEBNIS. FOLTERFUN. Irgendwas sehr Passendes.

Der Rummel in der Hasenheide ist mein happy place, aber die fünf Minuten in dieser Attraktion sind in meiner Erinnerung die schlimmsten meines Lebens, viel schlimmer als eine Geburt, und da habe ich die fünf Minuten schon mit geschlossenen Augen und meditierend verbracht: „Das geht vorbei, das geht vorbei.“ Mein Sohn schrie die ganze Zeit: „MAMA, ÖFFNE DIE AUGEN, SONST IST DAS GELDVERSCHWENDUNG!“

Meine Lieblingsattraktionen sind die, die beängstigend sind – aber nicht wirklich. Wo man so ganz kurz nach oben fährt, dann zur Seite, und dann wieder nach oben. Dann schreie ich. Wenn ich keine richtige Angst habe. Dann darf man schreien, so laut wie möglich. Dann soll man schreien.

Ein Single-Mum-Date auf den Maientagen

Einmal habe ich sogar ein Single-Mum-Date auf den Maientagen organisiert. Mein Sohn und sein bester Kumpel rannten herum, kamen nur zu mir, wenn ich das Geld aushändigen musste, ich saß in der Sonne und trank eine Weißweinschorle, und ein Hipster von OkCupid kam vorbei.

Die Neuköllner Maientage sind ein Überbleibsel einer vergangen Zeit. Foto: Imago/Stefan Zeitz

„Sitzen wir hier ironisch?“, fragte er.

„Wie kann man ironisch sitzen?“, fragte ich. Um uns herum die Kinder mit Migrationshintergrund, die normalen deutschen Menschen, die fast Alkoholiker sind, und die Expats, alle in ihrem eigenen Himmel.

„Findest du, dass es wirklich okay ist hier?“

„Die Kinder lassen mich in Ruhe und ich trinke Weißweinschorle“, sagte ich. „Was ist daran nicht okay?“

Er beobachtete, wie Jugendliche, die bestimmt jünger waren, als sie rüberkamen, sich eine Zuckerwatte teilten, und dann, aus irgendeinem Grund, den Rest auf dem Boden schmissen, um darauf zu treten. Vielleicht eine komische Mutprobe oder so was. Er runzelte die Stirn, er rümpfte die Nase.

„Ich dachte, die Gentrifizierung Neuköllns wäre schon weiter vorangetrieben“, sagte er. Er seufzte. „Bald wird Neukölln so gentrifiziert, dass das hier nicht mehr stattfinden kann. Das hier passt zu Marzahn. Oder vielleicht Spandau. Bald ist wieder Ruhe in der Hasenheide.“

„Erzähl bloß keinen Bullshit“, sagte ich. „Warum sollten die Maientage nicht mehr in der Hasenheide stattfinden?“

Und das frage ich mich, ehrlich gesagt, heute mehr denn je.

Hinweis: Der Text entstand vor einem Messerangriff bei den Maientagen am Auftaktwochenende, bei dem eine Person getötet wurde.


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