Kommentar

Karl-Marx-Allee: Grünstreifen kommt, Parkplätze verschwinden

Das Grün statt der Parkplätze auf dem Mittelstreifen der Karl-Marx-Alle kommt. Wer sich noch immer dagegen wehrt, will schlicht nicht auf seine Privilegien verzichten, findet unsere Autorin Xenia Balzereit. Ein Kommentar.

Grün statt Grau: Auf der Karl-Marx-Allee fallen künftig Parkplätze für einen Grünstreifen weg. Unsere Autorin findet das gut. Foto: imago images / PEMAX
Grün statt Grau: Auf der Karl-Marx-Allee fallen künftig Parkplätze für einen Grünstreifen weg. Foto: imago images / PEMAX

Nun ist es beschlossen: Die 185 Parkplätze auf dem Mittelstreifen der Karl-Marx-Allee fallen komplett weg. Stattdessen will die Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz den Streifen begrünen lassen. Auch wenn viele Anwohner*innen nun stöhnen und jammern, dass es jetzt zu wenig Parkplätze gibt, ist diese Entscheidung richtig und gut.

Das Mobilitätsgesetz setzt sich selbst um und der Klimawandel hört auch nicht einfach so auf, unseren Lebensraum zu zerstören. Wir Menschen müssen etwas dafür tun und das bedeutet eben in vielen Lebensbereichen: verzichten. Im konkreten Fall bedeuten weniger Parkplätze mehr Versickerungsfläche in einer zubetonierten Stadt in der Starkregen wie in den vergangenen Sommern künftig immer häufiger wird. Im besten Fall hat die Maßnahme außerdem zu Folge, dass Menschen ihr Auto abschaffen, weil es nicht mehr attraktiv ist, eins zu haben. Dann würde auch die Luft besser werden – und gegen sauberere Luft in der Stadt kann ja nun wirklich keiner was haben. Breathe free und so.

Der Verzicht auf Parkplätze und damit auf ein eigenes Auto ist in einer Großstadt wie Berlin wirklich kein großes Zugeständnis an den Planeten. Wer nicht gerade behindert oder Taxifahrer*in ist, der braucht – zumindest in den Innenstadtbezirken und solchen mit guter Anbindung – kein Auto. So einfach ist das. Zu sagen, man bräuchte eins, ist ein Schlag ins Gesicht all derer, die jeden Tag in Berlin mit den öffentlichen Verkehrsmitteln oder mit dem Rad fahren. Die meisten von denen, die auf ihre individuelle Drecksschleuder bestehen, sind zu faul, mehr Zeit und Anstrengung für ihre Wege in Kauf zu nehmen.

Übrigens: die Anwohner*innen der Karl-Marx-Allee stehen parkplatztechnisch überdurchschnittlich gut da. Bei vielen Neubauprojekten sind drei Stellplätze pro zehn Wohnungen der Standard. Im Kiez an der Prachtstraße sind es sieben pro zehn Wohnungen. „Das ist für ein innerstädtisches Quartier sehr, sehr viel“, sagte Mittes Baustadtrat Ephraim Gothe (SPD) beim Bürger*innendialog am 10. Februar. Wenn nun also die Autobesitzer*innen von der Karl-Marx-Allee Alarm schlagen, ist das Jammern auf hohem Niveau.

Wenn nun die Gegner*innen des Grünstreifens von einer „diktatorischen Entscheidung“ sprechen und die Demokratie in Gefahr sehen, haben sie anscheinend vergessen, dass erstens nirgendwo geschrieben steht, dass sie angehört werden müssen.

Zweitens geht es hier um Privilegien, die sie aufgrund der aktuellen Bedrohung durch den Klimawandel zum Wohle aller aufgeben sollen: ein Auto kommt nur ihnen zu gute, eine klimatechnisch funktionierende Stadt allen – ihnen selbst und auch denen, die sich das Recht auf ein Auto nicht einfach herausnehmen.

Und drittens gibt es sehr wohl Anwohner*innen, die viel Radfahren oder zu Fuß gehen und den Grünstreifen begrüßen – auf beiden Seiten hatten sich, nachdem der Beschluss bekannt wurde, Bürgerinitiativen mobilisiert. „Das sind Leute wie ich, die nicht so oft etwas sagen, aber die sind trotzdem da“, sagte eine Anwohnerin beim Bürgerdialog laut dem rbb. Die Rückwärtsgewandten sind eben wie so oft die lauteren.  


Zahlreiche Initiativen setzen sich für eine autofreie Stadt ein: Den Realitäts-Check gibt es hier. Eine von ihnen ist die Initiative Changing Cities.

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