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Kommentar

Spielhallen in Berlin schließen – das schäbige Geschäft lebt trotzdem weiter

Spielhallen in Berlin schließen reihenweise – sie sind dem Senat zuwider. Ein Gesetz von 2011 führte zur Aus von Hunderten Einrichtungen in Berlin. Nun sollen die Wettbüros dran glauben – und die Zahl massiv minimiert werden. Das ist logisch, trotzdem hat die Sache einen Haken. Denn Bund und Länder sind weiterhin viel zu nachlässig. Ein Kommentar von Sebastian Scherer.

Der Traum vom Jackpot bleibt in den Spielhallen in Berlin häufig eben genau das. Kein Traum: Die Suchtgefahr. Foto: Imago Images/Blickwinkel
Der Traum vom Jackpot bleibt in den Spielhallen in Berlin häufig eben genau das. Kein Traum: Die Suchtgefahr. Foto: Imago Images/Blickwinkel

Spielen macht süchtig, das steht außer Frage. Wer sich einmal mit jemandem unterhalten hat, der wider besseren Wissens Hab und Gut verzockt hat, der seine Beziehung, seine Ersparnisse und seine Zukunft aufs Spiel gesetzt und verloren hat, weiß das. Das Land, der Bund wissen das auch – weil Therapien viel Geld kosten. Trotzdem muss die Frage erlaubt sein, warum dann nicht entschiedener gehandelt wird.

Berlin hatte beschlossen, dass die Zahl der Spielhallen von 600 auf 120 reduziert werden soll. Nachdem es bereits einige Geschäftsausgaben gab, zogen sich andere hin – denn der Senat sah sich einem Rechtsstreit ausgesetzt. Eine Betreiberin hatte geklagt, letztlich aber verloren. Nun soll es weitergehen, die Zielzahl von nur noch 120 Einrichtungen bis 2021 erreicht werden. Ab Oktober sind dann Wettbüros fällig. Auch hier gelten zum Beispiel Abstandsregeln. Wie bei Spielhallen müssen sich die Betreiber bewerben. Liegen zwei zu dicht beieinander, entscheidet das los.

Ja, man kann Spielhallen in Berlin schließen – bringt aber nicht viel

Aber das, und das ist das Elend daran, wird nicht so richtig viel bringen. Leider. Denn ähnlich wie Pornokinos immer weniger Zulauf haben, weil man die Filme inzwischen problemlos im Internet und der Sicherheit der eigenen vier Wände schauen kann, so sind Sportwetten und Glücksspiel ins Netz abgedriftet. Verrauchte, schmierige Läden, in denen man nicht gesehen werden will? Muss schon lange keiner mehr besuchen. Die hochmodernen, neuen Wettbüros sind zwar schicker. Aber nicht weniger in Verruf.

Wetten und Spielen sind nur selten so glamourös sind wie in irgdenwelchen Vegas-Filmen. Es ist eine einsame, hässliche Angelegenheit, getrieben vom möglichen Kick des Gewinnes, gleichzeitig zum Scheitern verurteilt ob der Unwahrscheinlichkeit des Triumphs. Eigentlich sollte es jedem so schwer wie möglich gemacht werden Das Gegenteil ist der Fall.

Schleswig-Holsteins unverantwortliche Ausnahmeregelung

So erlaubt zum Beispiel das Bundesland Schleswig-Holstein Online-Casinos. Die zugelassenen Anbieter werben bundesweit. Wer aus einem anderen Bundesland auf die Seiten geht, wird einfach auf anderen Portale umgeleitet (die aber zur selben Gruppe gehören), die ihren offiziellen Sitz sonstwo auf der Welt haben. Und schon kann jeder mitspielen. In Schleswig-Holstein ist das Problem bekannt, etwa Hamburg kritisiert die Zulassung scharf. Im Norden schert man sich wenig um die schäbigen Methoden – und verlängerte erst im vergangenen Sommer die Lizenzen. Bringt ja Geld.

Hinter Gittern: Die Corona-Krise traf auch Wettbüros. Ex-Fußballer wie Oliver Kahn werben gern für sie. Foto: Imago Images/Team 2
Hinter Gittern: Die Corona-Krise traf auch Wettbüros. Ex-Fußballer wie Oliver Kahn werben gern für sie. Foto: Imago Images/Team 2

Egal, wohin man schaut, die Verästelungen der Glücksspielbranche sind tief und hässlich. Lotto-Gruppen fördern Kunstprojekte und Wissenschaft. Das öffentlich-rechtliche Norddeutsche Fernsehen zeigt die Umweltlotterie Bingo. Und an jeder dritten Sportwettenbutze schaut einen ein (Ex-)Fußballer an, der so geldgeil und armselig ist, im Zweifel auch für Glücksspiel zu werben.

Bund und Länder profitieren vom hässlichen Geschäft – auf vielen Ebenen

Wo also ist die ernsthafte Regulierung? Wo ist das bundesweite Werbeverbot? Wer macht Schleswig-Holstein dafür verantwortlich, dass dank der fragwürdigen Lizenzierungen an Firmen, die offensichtlich schummeln, auch Berliner*innen und alle anderen online wetten können?

Nicht falsch verstehen, der Vorstoß des Senats, die Angebote hier in Berlin weiter einzuschränken, sind super. Es wäre aber auch schön, wenn der Rest des Landes und der Politik die Scheinheiligkeit ablegen – und es den gierigen Anbietern, die den Menschen nichts, aber auch gar nichts Lebensnotwendiges anbieten, endlich mal richtig schwer machen würde.


Wer ganz unverfänglich spielen will, kann zu diesen Spielen für zwei greifen. Ein nicht ganz so hohes Suchtpotenzial birgt Tischtennis – die besten Platten in Berlin. Und für die, die gern eine ruhige Kugel schieben (Schenkelklopfer!) bleibt auch Boule in Berlin eine Alternative.

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