Berlinale 2019

„Grace à Dieu“ von Francois Ozon (Wettbewerb 3)

Grâce à Dieu | By the Grace of God | Gelobt sei Gott © Jean-Claude Moireau

Wie lässt sich über ein Sujet sprechen, bei dem vielen Menschen Stillschweigen komfortabler wäre? Sexueller Missbrauch von Kindern. Eines der wenigen verbliebenen Tabuthemen unserer Gesellschaft. „Die Wunde heilt, wenn man nicht an ihr kratzt“, meinen (zunächst jedenfalls) so einige Figuren in dem Missbrauchsdrama „Grâce à Dieu“ von François Ozon. Ozon kratzt. Unaufgeregt. Langsam. Ohne Zynismus. Ohne Schwarzweißmalerei. Ohne Voyeurismus. Mit viel Empathie. Aber er kratzt. Erzählt wird die Geschichte dreier Männer um die 40, deren Schicksale in Lyon, der pittoresken und katholischsten aller französischen Städte, zusammenlaufen. Sie alle wurden als Pfadfinder von Pater Bernard Preynat sexuell misshandelt. Ozon musste sich für sein Drehbuch vieles nicht einmal ausdenken: Bei dem real existierenden Pater Preynat sind 70 Fälle von Kindesmissbrauch polizeibekannt. Sein Anwalt versucht gerade, den Filmstart von „Grâce à Dieu“ am 20. Februar in Frankreich zu verhindern.

Es tut der Plausibilität gut, dass Ozon sich 137 Minuten Zeit nimmt – und die Geschichte in langen Einstellungen als Kammerspiel in E-Mails, Briefen und Dialogen erzählt, die nicht nach Papier rascheln, sondern dem Leben abgelauscht sind. In diesen 137 Minuten bleibt viel Raum für traumatische Details und Nebenfiguren, die nicht schlicht Täter oder Opfer sind – die aber allzu lang nicht wissen wollten, was Alexandre, François, Gilles und vielen anderen Kindern angetan wurde, unter der Deckrobe der sakrosankten Kirche. Diese Figuren sind teilweise Mitopfer und Mittäter zugleich; die Mütter der Söhne etwa, die da etwas ahnten, aber vor Anzeigen zurückschreckten. Ozon schwingt nicht plakativ die Moralkeule: Er lässt ein Stück weit Verständnis zu für das Nichtwahrhabenwollen. Aber vor allem lässt er einen verstehen, welche Selbstüberwindung es abverlangt, eigene Traumata zu kaschieren und, erst recht, über sie zu sprechen. Zumal wenn die Gesellschaft den Opfern suggeriert, dass sie sich schämen müssten. Der Film ist aber auch erbaulich, weil er zeigt, welche Kraft sich daraus generiert, wenn, in gegenseitiger Unterstützung und vielen kleinen Schritten, die Wahrheit Worte findet. Ein wichtiger Film, der einen wachrüttelt und der klar macht, welche Verantwortung jeder einzelne Mensch trägt, das Inhumane nicht passieren zu lassen. STEFAN HOCHGESAND

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