Stadtleben

Radio

In Berlin gibt es mehr Radiosender als in anderen Städten, ich habe mal was von 30 Stationen gehört. Aber richtig hören kann man eigentlich keinen davon: Früher, als ich hier ankam, habe ich natürlich RIAS 2 angeschaltet – das Radio im amerikanischen Sektor, diese freie Stimme der freien Welt, die so schön das Frontstadtgefühl schürte. Mit Moderatoren wie Rik DeLisle, der so herumkauderwelschte, als wäre er gerade erst mit einem Truppentrans­porter in die geteilte Stadt geflogen worden. Später gab dann Radio 100, so ein gefühlter Piratensender aus der Potsdamer Straße, der stets Musik am Massengeschmack vorbeispielte oder eben Songs, die erst später zum Mainstream wurden. Das war laut und räudig und viel zu schnell vorbei.

Dann kam Fritz, das Jugendradio von ORB und SFB, mit so lustigen Gestalten wie Jürgen Kuttner oder Maru­sha, die gleich so viel Charisma hatten, dass man ihnen nicht länger als ein, zwei Jahre zuhören konnte. Mit Studienende schwenkte ich auf Radioeins um, das angeblich nur für Erwachsene ist, wo die Moderatoren aber besonders juvenil tun. Radioeins ist die Heimstatt glucksender männlicher Moderatorenpärchen, denen irgendjemand gesagt hat, dass man im Radio keine Minute vergehen lassen darf, ohne mit dem anderen Moderator über irgendetwas herumzuplänkeln. Dass man jedes Thema aufs Persönliche runterbrechen muss, zu allem – egal ob Klimawandel oder Schlossdebatte – ein Wortspiel oder einen Scherz parat haben sollte. Es ist ein Sender für Hörer, die gern schmunzeln.

Je älter man wird, desto häufiger schaltet man das Deutschlandradio an – ruhige Stimmen, ruhiges Programm, ruhiger Fluss. Ich habe selbst mal für diesen Sender gearbeitet. Für eine Livesendung, die samstagnachts um ein Uhr lief und sich immer von irgendwoher aus dem Berliner Nachtleben meldete. Aus einem Technoclub, von einem Gruftie-Kongress oder aus einem S/M-Club, den die gemütlichen Techniker aus dem Ü-Wagen zuvor verkabeln mussten, indem sie halb nackt über den Boden robbten, weil sie der strenge Türsteher sonst nicht reingelassen hätte. Das war lustig, aber ich glaube, diese Sendung hat fast niemand gehört. Man erwartete sie einfach nicht im Programm. So geht es mir heute noch mit dem Deutschlandradio: Es kommt immer etwas, was man gerade nicht erwartet: ein Gespräch mit dem Verleger einer Architekturzeitschrift, das Porträt eines Jazzpianisten oder ein Beitrag über Geschichtsfernsehen im ZDF. Ich fühle mich unheimlich alt, wenn ich Deutschlandradio höre, oder unheimlich jung, weil ich immer denke: Noch bin ich nicht soweit. Aber es ist schön zu wissen, dass es das gebührenfinanzierte Deutschlandradio noch geben wird, wenn ich 60 bin.

Für mich ist die Lösung derzeit ein Mix: Musik von MotorFM, Politik und Fußball von Inforadio (das man nicht zu lange anstellen darf, weil man einen einzigen Beitrag sonst fünfmal hört) und den Rest von Radio France International, da gibt’s immer was über Afrika und die erotische Weltlage. Ich verstehe natürlich nur die Hälfte, aber das würde ich mir bei den meisten Berliner Sendern auch wünschen.

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