So war es bei Berlin mit Berliner präsentiert von Mastercard Priceless Berlin

Zackig zur Kunst mit Jim Avignon

Wer mit dem Berliner Künstler Jim Avignon eine Kieztour unternehmen will, sollte ein bisschen Puste haben. Das hat seine Tour Berlin mit Berlinern präsentiert von Mastercard Priceless Berlin am 22. August gezeigt. Belohnt wurden die Teilnehmenden dafür mit ungewöhnlichen Hintergrund-Storys unter anderem zur East Side Gallery. Und einem sehr zugewandten Pop-Art-Künstler

Dass er ein schneller Maler ist, angeblich sogar schneller malt als sein Schatten, hat sich in Kunstkreisen rumgesprochen. Dass er auch schnell zu Fuß ist, wissen die Teilnehmer der Tour Berlin mit Berlinern präsentiert von Mastercard Priceless Berlin seit gestern Nachtmittag. Pünktlich um 16 Uhr ist Jim Avignon zur Stelle, Warschauer Straße Ecke Mühlenstraße, da wo die East Side Gallery (ESG) anfängt und wo es vor allem eines ist: zu laut, um sich einer so großen Gruppe verständlich zu machen.

Jim bleibt inmitten des Nachmittags- und Feierabendverkehrs gelassen und feiert Premiere. Eine Stadtführung hat er vorher noch nie gemacht, schon gar nicht mit Fremden. Angeschlossen haben sich Kunstinteressierte zwischen 20 und 70, Menschen aus Berlin, aber auch Touristen und ein paar Bekannte.

Jim ist schnell, er ist Berliner und er ist vorbereitet. Mit der rechten Hand reckt er einen kleinen Lautsprecher in die Höhe, aus dem er die „liebe Reisegruppe“ beschallt, begrüßt und dann verkündet: „Wir ändern das Programm!“ Wir gehen nicht jetzt gleich die Mauer an der Mühlenstraße entlang zu seinem großen Bild, das 2013 für Furore gesorgt hat, sondern zuerst nach Kreuzberg, in die Werkstatt der Tabor Presse Berlin.

„Sie machen dort eigentlich um 17 Uhr Feierabend“, erklärt Jim und dabei schwingt mit: „Meine Uhrzeit ist das nicht.“ Jedenfalls nicht, um Feierabend zu machen. Er malt gern bis spät in die Nacht oder ist in Clubs unterwegs. Jetzt macht er Tempo und biegt samt Hut und Lautsprecher in die Schlesische Straße ab. Ein „Wohin gehen wir eigentlich?“ bleibt unbeantwortet und hat sich erübrigt, als im Hinterhaus in der Taborstraße 22 der Stadtlärm verstummt und Klaus Büscher, Paul Klös und Jan Pelkofer bereitwillig die Fragen der Kunst-Tour-Teilnehmerinnen und Teilnehmer beantworten. Von wann stammt die gigantische eiserne Steindruckpresse? – Sie ist Baujahr 1911. Woher sind die schweren Lithosteine? – Die meisten sind Solnhofener Plattenkalk. Wie ist die Auflagenhöhe der Kunstdrucke? – Meistens 30, 40, nur selten mehr.

Jim ist einer von zahlreichen Künstlerinnen und Künstlern, mit denen die Druckexperten in der Werkstatt, die sich über zwei Fabriketagen erstreckt, immer wieder zusammenarbeiten. Fünf Uhr und Feierabend ist längst vorbei, als er − nach einen Glas Cremant für alle, mit dem wir auf Pauls Geburtstag anstoßen – freundlich zum Aufbruch mahnt und nach wenigen Worten aus dem portablen Lautsprecher an die „liebe Reisegruppe“ im Treppenhaus verschwindet: „Wir treffen uns wieder am Ausgangspunkt, von dort geht es weiter zur East Side Gallery!“

In der Gruppe haben sich Grüppchen gebildet; manche bleiben plaudernd langsam zurück, andere bahnen sich zügig mit Jim, der nicht groß ist, den Weg durch die Passanten. Ist er das da vorne? Steht er dort, wo die Mauer die große Lücke hat? Die Gruppe scheint fast aufgelöst, und nicht unter jedem Hütchen, das hier in der Menschenmasse unterwegs ist, steckt der Künstler, weshalb sich ein zweiter Blick auf das Mikrofon bewährt. Dann aber, vor seinem riesigen Gemälde auf Berliner Mauersteinen, findet die Gruppe wie selbstverständlich wieder zusammen. Jim erinnert an die Zeit nach dem Mauerfall, als die heute über 1.300 Meter lange Open-Air-Gallery entstand. Erzählt von seinen Protestaktionen gegen die Betreiber der ESG und von der Nacht- und Nebelaktion, als er 2013, nach sorgfältiger Planung, sein ursprüngliches Bild zusammen mit 20 Helfern und Helferinnen übermalt hat.

„Die Kunst auf der Mauer ist für mich Kommunikation, und Kommunikation sollte lebendig bleiben und sich ändern“, entgegnet er denen, die sich damals empört und ihm sogar gedroht haben, weil er gegen Denkmalrecht verstoßen habe. Jims zeitgemäße character auf der Mauer ficht die Diskussion nicht an. Stoisch halten sie dem Ansturm der Smartphone- und Selfie-Generation und auch unseren Kameras stand und hören sich an, was der populäre Künstler über Kunst, Kommerz und Kommunikation sagt: Dass ihm die East Side Gallery als Denkmal nicht lebendig genug ist. Dass die Mauer Platz bieten könnte für immer neue Künstlerinnen und Künstler und deren Ideen. Eine Teilnehmerin aus Berlin hält dagegen: „Obwohl ich hier wohne, habe ich immer noch nicht alle Gemälde in Ruhe angeschaut“. Und es kommen doch immer neue Besucher aus der ganzen Welt!

Die Aussicht auf Programmpunkt 3 und ein Blick auf die Uhr beenden die Diskussion und führen geradewegs zum Ostbahnhof, von dort mit der Bahn zurück zur Warschauer Straße und weiter zu Fuß zu Urban Spree mit der Urban Spree Gallery. Hier hat Jim als Teil seiner Ausstellung „Here comes the bad news“ eine Hauswand bemalt hat und zeigt seine Bilder und Installationen. Sie handeln von der Allgegenwart der sozialen und nicht sozialen Medien, von Insidern und von Abgewiesenen, von Menschen, Eichhörnchen und vom Katzenjammer.

Geduldig beantwortet der Künstler alle Fragen: Was er sich gedacht hat bei diesem oder jenem Motiv? – Meist nicht das, was die Betrachter vermuten. Wie das geht, eine hohe Hauswand bemalen? Mit Gerüsten auf drei Ebenen und mit guter Planung. Ob er die Bilder aus der Ausstellung auch verkauft? Ja, die Preisliste liegt im Shop.

Einzelne Teilnehmer der Kunst-Stadtführung haben sich bereits ihre Essens- und Getränke-Gutscheine gesichert und genießen Bier oder Cola im Freien, während andere sich nicht losreißen können vom Künstler und seinen bunten Kunstwerken mit Tiefenwirkung. Er hat aber Karten und muss jetzt, nach über drei Stunden, weiter auf ein Konzert.

Und here comes the good news: Die Ausstellung in der Urban Spree Gallery läuft noch bis 8. September, und weitere werden folgen. In Berlin und anderswo.

Text: Margret Baumann
Fotos: F. Anthea Schaap

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