Indie-Pop

Die belgischen Indiestars Balthazar spielen im Huxleys

Schafe und Sex: Nach erfolgreichen Solo-Abwegen haben Maarten Devoldere und Jinte Deprez ihre gemeinsame belgische Indie-Institution Balthazar wiederbelebt – und eine neue Leichtigkeit entdeckt

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Das allererste Konzert, das die belgische Alternative-Rock-Band Balthazar in Berlin gespielt hat, liegt lange zurück, aber Jinte Deprez wird es nie vergessen. Zehn Stunden saß er mit seinen Bandkollegen in einem Van, um in die Hauptstadt zu fahren. „Es war sehr kalt“, erinnert er sich. Und sehr aufregend: ein Gig mit drei anderen Bands in der Kulturbrauerei. So viel wussten sie. Was sie nicht wussten: Wie viele Tickets verkauft worden waren. „Bald wurde uns klar, dass wir nur für die anderen Bands spielen würden – und die anderen Bands für uns“, erzählt Deprez. „Solche Erfahrungen machen bescheiden.“

Dass jeder mal klein anfängt, ist eine Binsenweisheit. Es kann ja trotzdem nicht schaden, sich gelegentlich daran zu erinnern, dass der Erfolg keine Selbstverständlichkeit ist, vor allem jetzt, da die Dimensionen ganz andere sind. Im Februar werden Balthazar das Huxleys füllen, vorher sind die etwas derangiert wirkenden Bandleader Jinte Deprez und Maarten Devoldere nach Berlin gekommen, um Fragen zu ihrem neuen Album zu beantworten. Und das ist schon die erste gute Nachricht: Dass sie nach einer Auszeit von etwa drei Jahren wieder zueinander gefunden haben. Denn nach dem dritten Album und ausgiebigen Touren waren sie sich einig darin, eine Pause machen zu müssen. „Balthazar war eine gut geölte Maschine geworden“, erklärt Deprez. „Wir wollten vermeiden, allzu vorhersagbar zu werden; wollten uns vom Druck befreien und neuen kreativen Sauerstoff tanken.“

Also stürzten sich die beiden in Solo-Projekte – und bogen dabei in sehr unterschiedliche Richtungen ab: Deprez zog sich in sein Studio in Gent zurück und versuchte sich an einem Sound, der mehr an zeitgenössischem R’n’B orientiert ist. Unter dem Künstlernamen J. Bernardt veröffentlichte er 2017 das famose Album „Running Days“, mit ausgetüftelten Stücken von unwiderstehlicher Lässigkeit wie „The Question“, „Calm Down“ oder „Wicked Streets“, die keinen Zweifel an Deprez‘ großen Songschreiber-Skills lassen.

Ficken bis Musik draus wird

Devoldere verbrachte indessen mehrere Monate auf einem Schleppschiff und lebte später eine Weile mit Schäfern in den kirgisischen Bergen. „Die Schafe haben etwas mit meiner Seele gemacht“, sagt er. „Stimmt, du bist viel sanfter geworden“, ergänzt Deprez und lacht. Die Songs, die Devoldere unter seinem Alter Ego Warhaus schrieb, klingen zum Glück aber weniger nach Schaf, mehr nach Sex. „We ­Fucked a Flame Into Being“, hieß das erste Album, gefolgt von einem weiteren. Und wenn man ein Stück wie „Leave With Me“ hört, scheint es, als tue er mit seiner Partnerin und Sängerin Sylvie Kreusch genau das: so lange ficken bis Musik daraus wird. Delvodere gibt dabei den Crooner – den mit erotisch tiefer Stimme säuselnden Gainsbourg.

„Es ist schön, sein Ego mal ausleben und eigene Visionen verfolgen zu können“, sagt Deprez über die J. Bernardt-Warhaus-Phase. „Aber nach einer Weile hat man genug von seinem Ego.“ Und plötzlich war es wieder wie früher, zu Highschool-Zeiten, als sie sich gegenseitig auf der Bühne spielen sahen und wussten: „Den und seine Band will ich haben!“ So hat es sich für beide sehr natürlich angefühlt, ihre gemeinsame Band, die in Belgien eine Indie-Institution ist, wieder auferstehen zu lassen. „Es war schön, wieder den Drang zu spüren, miteinander Musik zu machen“, sagen sie. Aus ihrer Ego-Phase haben sie vor allem eines mitgenommen: die innere Einstellung, „open-minded“ und „super-playful“ zu sein. Sie probierten viel herum, bis sie den Titelsong „Fever“ eingespielt hatten, der die Grundstimmung, den Vibe für das ganze Album vorgab und in einer Version sogar 22 Minuten lang war. „Mit einem 18 Minuten langen Intro, da haben wir aber auch Pot geraucht“, erklärt Deprez und lacht. „Jaja, es hätte eine psychedelische Platte werden können.“

Wurde es aber nicht. Eher ein unbeschwertes, unverkopftes Album, das sich wie ein Spaziergang in der Abendsonne anfühlt, mit offenem Hemd, die Lippen zu einem genüsslichen Pfeifen gespitzt wie im Track „Entertainment“. Die Melancholie der frühen Jahre ist verflogen, stattdessen gefallen sich Deprez und Devoldere in neu entdeckter Leichtigkeit. „Celebrational“, so beschreiben die beiden die Stimmung auf dem Album. Sie sei getragen von einer Freude, die aus den Hüften kommt und aus dem Bauch. „Das heißt aber nicht, dass wir weniger ambitioniert sind als früher“, betont Deprez. Ihr Anspruch sei derselbe geblieben: eingängige Songs zu schreiben, die einen Twist haben, keine klassischen Chart-Hits. Das ist ihnen nicht durchweg gelungen, muss man leider, leider sagen. Und wenn man die beiden da so sitzen und nach Worten suchen sieht, kommt es einem so vor, als hätten sie tatsächlich ein wenig an Tiefe verloren. „Cause it comes easy to, comes easy to you just like I do too“, singen sie in „Fever“. Und es ist, als meinten sie sich damit auch selbst.

Huxleys Neue Welt Hasenheide 107, Neukölln, Fr 15.2., 20 Uhr, VVK 25,50 € zzgl. Gebühren

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