Konzert

Altın Gün bringen den neuen Sound Anatoliens nach Berlin

Türkische Volksmusik und Pink Floyd: In letzter Zeit erlebt türkischer Anadolu-Rock aus den Siebzigern eine ungeahnte Renaissance. Ganz vorne dabei sind Altın Gün. Die Band aus Amsterdam ist nur ein Beispiel für viele Bands, die den Sound Anatoliens neu entdecken und beleben. Im April spielt die Gruppe gleich drei Konzerte in Berlin.

Psychedelische Gitarren, groovy Bass, sehnsuchtsvoller Gesang auf  Türkisch: Altın Gün. Foto: Nick Helderman, 2023
Psychedelische Gitarren, groovy Bass, sehnsuchtsvoller Gesang auf Türkisch: Altın Gün. Foto: Nick Helderman, 2023

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Bei Altın Gün hört man Sehnsucht und Nostalgie

Psychedelische Gitarren, groovy Bass, sehnsuchtsvoller Gesang auf Türkisch: Wenn man Altın Gün hört, kann man sich gar nicht so sicher sein, wann die Musik entstanden ist, die sich hier so betörend durch die Gehörgänge schleicht. Die Band schafft es, ein Gefühl der Alterslosigkeit zu erspielen, und ihre Zuhörerschaft an Orte irgendwo jenseits von Raum und Zeit zu transportieren. In den türkischen Songs der niederländischen Band liegt so viel Sehnsucht und Nostalgie, dass sie problemlos auch vor 50 Jahre hätte entstehen können.

Dabei ist sie gleichzeitig so modern, wie es eine Band sein kann, die das Ergebnis der weltweiten Globalisierungstendenzen und der Gegenwart ist, die von Migration, kulturellem Austausch und grenzenlosen Möglichkeiten geprägt wird. Ihre Gründung geht nämlich darauf zurück, dass Bassist Jasper Verhulst eines Tages zufällig eine Anadolu-Rock-Platte in die Hand bekam und faszinierend von diesem Sound nach türkeistämmigen Musiker:innen suchte, die mit ihm eine Band gründen würden. Eine Facebook-Anzeige später stand 2016 Altın Gün, zu Deutsch „Goldener Tag“. Neben Verhulst gehörten dann unter anderem die Vokalist:innen Merve Daşdemir und Erdinç Ecevit Yıldız dazu, sie in Istanbul aufgewachsen, er in den Niederlanden geborener Sohn türkischer Einwanderer. Das Quintett dachte nie, wie sie später in Interviews erzählen würden, dass das Projekt mehr als eine Nebenbeschäftigung sein würde. Dazu wäre ihre Musik doch eigentlich viel zu nischig, glaubten sie.

Türkische Volksmusik und Pink Floyd 

Weit gefehlt: Das Publikum war hungrig auf diesen Sound. Und die Band entwickelte sich und ihre Interpretation des Anadolu-Rock mit jedem Album weiter, wofür sie mit ausverkauften Konzerten auf der ganzen Welt und sogar Grammy-Nominierungen belohnt wurde. Ihr fünftes Album, das im vergangenen Frühjahr erschienene „Aşk“, zu Deutsch „Liebe“, erweitert den Spielraum noch einmal weiter ins Psychedelische, mit Slide-Gitarren, die sowohl den eigenen Songs, als auch den Volksliedern, Kompositionen von klassischen türkischen Musiker:innen und welchen aus den Siebzigern um eine Portion Funk und eine Erinnerung an Pink Floyd und Co erweitern.

Sängerin Merve Daşdemi beschreitet nach den Konzerten in Berlin eigene musikalische Wege. Foto: Imago/Gonzales Photo/Joe Miller

Sie gehören zu einer wachsenden Gruppe türkischer und (in ihrem Fall: teilweise) türkeistämmiger Künstler:innen, die den Sound der türkischen Rockmusik aus dem 20. Jahrhundert wiederentdecken. Entstanden war er Mitte der 1960er aus der Vermischung von anatolischen Volksliedern und Rockmusik, die aus Großbritannien und den USA in die Türkei schwappte. Künstler wie Barış Manço und vor allem auch Erkin Koray begannen auf Türkisch zu singen und dem Sound eine psychedelische Note hinzuzufügen. Für Begeisterung sorgte das aber nicht immer: Die Künstler:innen stammten vor allem aus dem linken Lager, für sie war es auch politische Haltung, die Lieder der „einfachen“ Leute neu zu interpretieren – und auch Kritik an den Verhältnissen zu üben. Nach dem Militärcoup 1980 verschwand die Musik fast vollständig aus der Öffentlichkeit und mit ihm ihr Publikum.

Altın Gün: Wiedergeburt einer Subkultur 

Ende der 1990er fingen Bands wieder an, mit dem Sound zu experimentieren, cool war das jedoch nicht. Das änderte sich mit dem Auftauchen der Sängerin Gaye Su Akyol auf der Bildfläche um 2014 herum, die in der Türkei Anadolu-Rock wieder den Ruch von Rebellion und Glamour verpasste. Die Subkultur wurde wiedergeboren. Kurz darauf gründeten sich Altın Gün, in Großbritannien Kit Sebastian und in Deutschland reüssierte Derya Yıldırım mit ihrer Band Grup Şimşek. In Berlin feiert das Festival „İÇ İÇE” die „neue anatolische Musik”, die, wie bei Altın Gün, die Traditionen anatolischer Volkslieder und psychedelischer Rockmusik an ganz neuen Orten der Welt wiederaufleben lässt.

Für Altın Gün ist ihre aktuelle Tour auch ein Abschied – und ein Neuanfang: Die Konzerte im April werden die letzten sein, bei denen die Sängerin Merve Daşdemi Teil des Kollektivs ist. Sie hat in den letzten Monaten ein Soloalbum aufgenommen und will neue musikalische Wege beschreiten, verkündete die Band. Bis dahin aber wird sie weiter jeden Abend den Anadolu-Rock auf der Bühne feiern – und wir mit ihr!

  • Huxleys Neue Welt Hasenheide 108–114, Neukölln, 16.4.–18.4., 20 Uhr, VVK 39,40 €, weitere Infos und Tickets hier

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