„Musikexpress“-Festival

Das Chamäleon: Blood Orange spielt in der Max-Schmeling-Halle


Als Blood Orange arbeitet Dev Hynes an der Schnittstelle von Soul und Pop. Jetzt spielt er auf dem „Musikexpress“-Festival in der Max-Schmeling-Halle – neben Tame Impala und Yeasayer

Foto: Nick Harwood

Dev Hynes verfügt über die seltene Gabe der Synästhesie. Schon 2014 gab er einen TED-Talk über dieses neurologische Phänomen, das dazu führt, dass Sinnesreizungen – Hören, Riechen, Sehen, Fühlen – automatisch auch einen anderen Sinn antriggern.

Der Brite ist aber nicht nur ein Mann, der Klänge als Farben sehen kann, sondern auch einer, der Sound in seinem eigenen Werk nach Belieben verändert. Er war als Teenager Teil der Test Icicles, einer New-Rave-Band, die (wie das komplette Genre) längst in Vergessenheit geraten ist, aber mit „For Screening Purposes Only“ 2005 ein Album veröffentlichte, das man auch heute noch gut hören kann.

Nach dem Ende der Band reüssierte Dev Hynes als Lightspeed Champion, ein geeky Songwriter, der seine Indie-Folksongs verblüffend urban klingen ließ und zwei Alben veröffentlichte. 2009 schließlich, mittlerweile New Yorker, debütierte er als Blood Orange. Der Sound: abermals ein völlig anderer.

Das Debütalbum „Coastal Grooves“ ­öffnete 2011 alle Bindungen in Hynes’ bisherigem Werk; es präsentierte sich als Loseblattsammlung, die zutiefst vergangenheitsbewusst war, am New York der 80er-Jahre ebenso andockte wie am Philly Soul der 70er und am Acid Jazz der 90er, wobei diese Vergleiche nur als Leitfäden dienen konnten. Denn eigentlich war schon auf diesem Album klar, wo es für Hynes hingeht: in eine Pop-Postmoderne, in der herkömmliche Zuschreibungen keine allzu große Rolle spielen.

Ziemlich genau acht Jahre sind seitdem vergangen; Dev Hynes hat in der Zwischenzeit drei weitere Alben veröffentlicht, die jeweils einen ganz eigenen Charakter aufzeigten. „Cupid Deluxe“ (2013) war ein reich inszenierter Spaziergang durch New York mit langer Gästeliste, Hynes hauchte, das Saxofon spielte für ein Saxofon erstaunlich kristallinen und unnervigen Fusion-Funk, und am Ende coverte Hynes die Britpopper Mansun.

„Freetown Sound“ (2016) verschob den Schwerpunkt, stellte die Auseinandersetzung mit den eigenen Wurzeln und der eigenen Queerness in den Vordergrund, sampelte Film und Literatur, bezog oft Stellung, etwa in „Hands Up“ zum Tod des schwarzen Teenagers Trayvon Martin, der 2012 erschossen wurde, ausgerechnet von einem „Neighborhood watch volunteer“. Das im vergangenen Jahr erschienene „Negro Swan“ war schließlich das Großwerk, ein Album, das die ­Themenwelten des Vorgängers auf persönliche Erfahrungsschätze herunterrechnete, von Angst und Depressionen erzählte, von Unsicherheiten, Trennungen und der daraus folgenden Erlösung, der durchaus Schönheit innewohnte.

Als „Safe Space der eigenen Wertschätzung“ bezeichnete Pitchfork das Album ­damals, nun wurde ihm im Juli mit dem quasi über Nacht veröffentlichten „Angel’s Pulse“ ein Appendix angefügt, das wiederum einen neuen Twist bietet: Die vom Künstler selbst vorgenommene Einordnung als „Mixtape“ ist als Statement zu sehen, sie verweist sowohl darauf, dass zumindest ein ideologischer Strang von Hynes’ Arbeiten auch in den HipHop reicht (wo das ja eine sehr übliche Veröffentlichungsform ist) – als auch auf das Skizzenhafte, das scheinbar Unfertige dieser Veröffentlichung.

Er habe Angst, so sagte Dev Hynes angesichts der Veröffentlichung von „Negro Swan“ dem US-Unterhaltungsmagazin „Vulture“, seine Hörer mit seiner in alle Richtungen ausströmenden Kreativität zu verwirren. Da ist was dran: Vermutlich hat Hynes auf seinem Weg so einige verloren. Andererseits: Pop lebt von solchen Typen. Pharrell Williams, Anhoni, Kanye West, Justin Vernon und eben Dev ­Hynes: Alle machen sie unterschiedliche ­Musik, haben aber eines gemeinsam – sie profitieren davon, dass es im Pop keine starren Regeln mehr gibt. Dass sich weder Künstler noch Konsumenten bekennen müssen.

Man mag dem Wechsel der Hörgewohnheiten vom Album hin zur Playlist viel Schlechtes zusprechen. Aber vielleicht ist es auch so: Er zwingt den User zu einer gewissen Bereitschaft, sich auf bis dato Unbekanntes einzulassen. Auf „Angel’s Pulse“ ist das ganz ähnlich. Da hört man HipHop ebenso wie kühlen Gitarrenpop britischer Prägung. Am Ende sind die Unterschiede lediglich ästhetisch.

Live ist Blood Orange ohnehin ein Erlebnis. Dev Hynes verfügt über eine Band, die stets die Tonalitäten trifft, die die Songs ihres Vorstehers nie verfremdet, aber oft durchaus handfest auf die Tanzfläche holt. Es ist quasi ein verdichteter Jam: Der Bass schiebt sich dann in den Magen, die Gitarren fliegen in den Himmel. Oft sendet eine Backgroundsängerin eine zweite Stimme, eine zweite Geschichte, eine zweite Spur, der man folgen kann, in den Raum. Wo auf den Platten die ­Enden ­offen sind, wird’s auf der Bühne durchaus kompakt. Die ­erwähnte Loseblattsammlung wird zu einem Buch. Und Hynes zeigt, dass er auch als Sänger ­erstaunlich vielseitig ist; da herrscht niemals Höhenangst, in den besten Momenten kann man ihn durchaus mit Prince vergleichen.

Mit dem kleinen Mann aus Minneapolis verbindet ihn ohnehin etwas: Auch Dev ­Hynes schneiderte seine kühnen Pop-Entwürfe ­immer wieder für andere. Schon 2007 schrieb er gemeinsam mit den Klaxons einen Track für das Chemical-Brothers-Album „We Are The Night“. 2009 nahm er – ja, wirklich – mit der damals noch recht unbekannten Florence Welch eine EP mit Green-Day-Coverversionen auf. 2012 war er an der Solange-EP „True“ ­beteiligt, formte mit Tracks wie „Losing You“ deren neue Identität jenseits klassischer R’n’B-Denkmuster entscheidend mit. Im selben Jahr arbeitete er gemeinsam mit Ariel Rechtshaid an smarten Eighties-Pop von Sky Ferreira. Weitere Auftraggeber: die grandios unterschätzten Friends, Popstars wie Carly Rae Jepsen, Kylie Minogue und Jessie Ware sowie Frickler*in Kindness.

Hynes selbst wiederum gastierte auf Tracks von Mac Miller und A$AP Rocky. Ein Hansdampf also. Aber einer, der sich nicht mit dem Streifzug durch alle Gassen zufrieden gibt, sondern diese sorgsam mit Samt und ­Seide auskleidet. Solange es solche Typen gibt, muss man sich um den Zustand der Popmusik wirklich keine Sorgen machen.

Max-Schmeling-Halle Am Falkplatz 1, Prenzlauer Berg, Di 13.8., 19 Uhr, VVK 42 €