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Neu im Kino

Die wichtigsten Kinostarts der Woche: „Waves“, „Helmut Newton“ und mehr

Nach Lock-Down und Quarantäne dürfen die Berliner Kinos wieder öffen. Natürlich unter Auflagen. Es werden Sitzplätze zwischen den Zuschauern freibleiben, oft muss man vorab reservieren und es laufen noch lange nicht so viele Filme an wie sonst. Dennoch stellt sich auch in der Kinowelt wieder so etwas wie Normalität ein. Hier listen wir vier Kinostarts für den 9. Juli 2020. Mit dabei: „Waves“ von Trey Edward Shults über einen jungen Ringer, in dessen Leben der Leistungsdruck alles überschattet, und ein Porträt über den Jahrhundertfotografen Helmut Newton.

Waves

Die wichtigsten Filmstarts der Woche: "Waves", "Helmut Newton -- The Big and the Beautiful" und mehr
Das Leben von Tylers Schwester Emily wird ebenfalls vom Sport ihres Bruders bestimmt. Foto: Universal Pictures International France

Von Anfang an wird man hineingezogen – von den druckvoll pumpenden Beats der Musik. Von den intensiven Bildern der Kamera, die beinah konstant in Bewegung ist – genauso wie das beschleunigte Leben des 17-jährigen Tyler (Kelvin Harrison Jr.). Der junge Afroamerikaner aus der gehobenen Mittelschicht ist ein beliebter Schüler und erfolgreicher Ringer an seiner Highschool, ein durchtrainiertes Muskelpaket, das permanent (an-)getrieben ist vom Leistungsdruck und noch weiter gepuscht wird von seinem Vater (Sterling K. Brown). Eine Verletzung allerdings setzt eine Spirale in Gang, die ihn zunehmend aus der Bahn wirft und schließlich zu einem folgenreichen, tragischen Unfall führt. Nicht nur Tyler wird durch die Folgen aus seinem Leben katapultiert. Auch das seiner Eltern und seiner Schwester Emily wird dadurch zunächst heftig aus den Angeln gehoben.

An diesem Punkt, etwa zur Hälfte, wechselt die Erzählung so konsequent wie überraschend den Tonfall – und in die Perspektive von Tylers jüngerer Schwester Emily (Taylor Russell). „Waves“ bewegt sich dann vom Porträt eines jungen Mannes, dessen Leistungswahn auch Ausdruck ist, sich als Schwarzer in einer diskriminierenden Gesellschaft überkompensiert beweisen zu müssen, hin zum aufgebrochenen Familiendrama, das auf komplexe Weise um Liebe, Vergebung und die Zerreißproben kreist, die solche Härtesituationen mit sich bringen.

Trey Edward Shults, der mit seinen ersten beiden Filmen „Krisha“ und „It Comes at Night“ bereits für Aufsehen sorgte, überträgt seine heftigen Emotionswogen dabei in eine intensive Inszenierung und setzt einen audiovisuellen Energiestrom frei. Dazu verändert der Regisseur das Bildformat, entfesselt zum Synth-Filmscore von Trent Reznor und Atticus Ross die Kamera, die immer wieder aber auch sinnliche, fast beiläufige Unmittelbarkeitsmomente einfängt, die an die Filme Terrence Malicks erinnern. Gleichermaßen intim und wuchtig ist „Waves“ und wird durch die Schauspielleistungen noch ein Stück weitergetragen, während er beim Zuschauen nachwirkend einiges abverlangt. Sascha Rettig

Kinostart: 9.7., USA/CAN 2019, 135 Min., R: Trey Edward Shults, D: Kelvin Harrison Jr, Taylor Russell, Sterling K. Brown

Helmut Newton — The Bad and the Beautiful

Die wichtigsten Filmstarts der Woche: "Waves", "Helmut Newton -- The Big and the Beautiful" und mehr
Nur keinen guten Geschmack: Helmut Newton weiß, wo es lang geht.
Foto: Helmut Newton / Helmut Newton Estate / Courtesy Helmut Newton Foundation

Dieses Schwarzweiß-Foto aus Helmut Newtons Bildband „Big Nudes“ (1982) kennt wohl fast jeder: Vier nackte Frauen in High Heels, eine davon mit verschränkten Armen, zwei andere mit in die Hüften gestemmten Händen. In Ausstellungen sogar in Überlebensgröße zu sehen. Die ambivalenten Reaktionen auf dieses Bild fassen die Ansichten über den 1920 in Berlin geborenen Fotografen, der vor allem mit seinen Fotostrecken in der Modezeitschrift Vogue weltbekannt wurde, gut zusammen: Manche Leute erblicken hier besonders starke Power-Frauen, einigen Betrachtern machen sie sogar Angst. Andere Leute empfinden das Foto hingegen als sexistisch, sehen das Werk eines Machos. Klar sei Newton ein Macho gewesen, sagt Isabella Rossellini, aber eben einer, der in seinen Fotos die Mechanismen des Machismus immer mit erläutert habe.

Gero von Boehms dokumentarisches Porträt des 2004 verstorbenen Newton nimmt diese Ambivalenz durchaus auf und lässt dazu durchweg kluge Frauen zu Wort kommen: Die amerikanische Essayistin Susan Sontag vertritt einen dezidiert feministischen Standpunkt, den wiederum vor allem die Gespräche mit Models und Schauspielerinnen, die Newton einst Modell standen, konterkarieren. Nadja Auermann, Isabella Rossellini, Charlotte Rampling und Grace Jones fühlen sich als starke Frauen und sehen sich in Newtons Fotos auch so dargestellt. Sie alle wissen sehr reflektiert über ihre Rolle und Newtons Werk zu sprechen, egal ob es um den ästhetischen Einfluss Leni Riefenstahls, Fotos als Spiegel der Gesellschaft oder Newtons schrägen Humor geht.

Letzterer tritt dann auch in den vielen Clips zutage, die den Maestro bei der Arbeit zeigen und in denen er selbst zu Wort kommt: Filme über Fotografen findet er doof, Hühner in hochhackigen Schuhen dagegen lustig (kommt im Englischen – Chicks in High Heels – noch besser) und ganz grundsätzlich ist er der Ansicht, dass Kunst und guter Geschmack in der Fotografie nichts zu suchen haben. Kein Wunder bei einem, der Erich von Stroheim als einen seiner persönlichen Helden betrachtete. Newtons Rolle fasst Charlotte Rampling vielleicht am besten zusammen: Was denn falsch daran sei, zu provozieren, fragt sie. „Wir brauchen Provokateure.“ Lars Penning

Kinostart: 9.7., USA 2020, 93 Min., R: Gero von Boehm

Ronnie Wood — Somebody Up There Likes Me

Die wichtigsten Filmstarts der Woche: "Waves", "Helmut Newton -- The Big and the Beautiful" und mehr
Auch ein guter Maler: Ron Wood. Foto: Eagle Rock Films

Die öffentliche Wahrnehmung des britischen Musikers Ronnie Wood dürfte vor allem von zwei Aspekten geprägt sein: seinem Job als Gitarrist der Rolling Stones, dem er seit mittlerweile 45 Jahren nachgeht, und seinem lebenslangen Kampf gegen die Abhängigkeit von Drogen und Alkohol. Letzteres scheint er gerade erfolgreich absolviert zu haben, und ein nicht geringer Teil der Gespräche, die er mit Regisseur Mike Figgis für diesen Dokumentarfilm geführt hat, dreht sich in großer Offenherzigkeit um dieses Thema.

Wood ist ein sympathischer Typ, ein energiegeladener Mensch, der das Leben positiv angeht: In seinem Kopf sei er niemals älter als 29 Jahre geworden, meint der über 70-Jährige. Diese Attitüde überträgt sich auf den Film, der ansonsten Woods musikalische Karriere (The Birds, Jeff Beck Group, The Faces) mit allerlei Clips rekapituliert und entsprechende Interviewpartner zu Wort kommen lässt. Seine Kreativität lebt Wood vor allem in eigenen musikalischen Projekten jenseits der Rolling Stones aus, sowie mit Malen und Zeichnen, denn ein Kunst-College hat er auch einmal besucht. Dass der Film nicht immer völlig rund wirkt, aber offenbar an Woods Leben und Karriere wirklich Anteil nimmt, macht das Projekt liebenswert. Lars Penning

Kinostart: 9.7., GB 2019, 82 Min. R: Mike Figgi

Eine größere Welt

Corine (Cécile de France). Foto: 2019 Haut et Court

Allem Anschein nach gibt es mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als man gelegentlich zu träumen wagt. Diese Erfahrung macht auch Corine bei einer Reise in die Mongolei, wo sie Tonaufnahmen für eine Reportage über dort praktizierte Schamanen sammeln soll. Dabei hat sie die Reise letztendlich nur angetreten, weil ihr zuhause in Frankreich die Decke auf den Kopf fällt, die Trauer um den verstorbenen Lebensgefährten sie immer verzweifelter und fahriger gemacht hat. Nachdem gute Ratschläge von Freunden, Familie und Ärzten nicht helfen, kommt der Job in der Mongolei wie gerufen.

Dort fällt sie bei Aufnahmen einer Schamanenzeremonie in Trance, was die Stammesschamanin damit erklärt, dass auch sie über eine besondere Gabe verfügt und diesen Weg weiter verfolgen sollte. Zurück in Frankreich treten beim Abhören der Aufnahmen bei ihr dieselben Symptome wieder auf. Eine unerklärliche Psychose, Epilepsie – oder doch eine Verbindung zu einer anderen Welt? Nach einiger Zeit gibt es für Corine nur eine Antwort: Sie muss abermals zur Schamanin Oyun, um sich von ihr ausbilden zu lassen und diesen anderen, spirituellen Weg zu erkunden, der sich vor ihr aufgetan hat.

Fabienne Berthauds Film mit einer großartigen Cécile de France in der heiklen Rolle der westlichen Skeptikerin auf übersinnlicher Sinnsuche basiert auf der wahren Geschichte von Corine Sombrun, die eine Ausbildung als Schamanin absolviert und seither in Zusammenarbeit mit der wissenschaftlichen Forschung die Trance als Möglichkeit therapeutischer Behandlung nutzbar macht und darüber veröffentlicht. Berthauds unaufdringlicher Film überlässt es dem Publikum, wie weit es den Erfahrungen Corines folgen möchte.

Man kann das alles als verzweifelte westliche Suche nach Seelenheil abtun, die Hauptfigur mehr oder minder weit begleiten – und sich an den wunderschönen Aufnahmen noch unberührter Natur inklusive Rentiermelken, Holzhacken und dem Licht am Ende des langen Korridors bei der tranceartigen Nahtoderfahrung in einem glasklaren Gebirgsbach berauschen. Gerald Jung

Kinostart: 9.7., „Un monde plus grand“, F 2019, 100 Min., R: Fabienne Berthaud, D: Cécile de France, Tserendarizav Dashnyam, Ludovine Sagnier


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